Thursday, June 23, 2011

Ausstieg

Bereits sind zwei Tage vergangen seit unserer Ankunft in der Schweiz. Nach fünf Jahren im Ausland habe ich mir wieder eine CH-Mobile Nummer zugelegt. Ausserdem habe ich mein JAR-Medical erneuert und, zusammen mit Nina, unsere Wüstenkatze Bart am Flughafen Genf abgeholt. Der Katze gehts gut, was bekanntlich die Menschen freut. Das ist bei uns nicht anders.
Auch dem Passbüro in Zürich habe ich einen Besuch abgestattet. Nicht etwa, weil ich sämtliche Spuren unseres Abu Dhabi-Aufenthalts vernichten will, sondern ganz einfach, weil mein USA Crew-Visum abgelaufen ist und sich bei dieser Gelegenheit eine Erneuerung meines, in die Jahre gekommenen, Passes als zweckmässig erweist.

Tja – es geht weiter: Same, same – but different. Es wird zweifellos Tage, Wochen – vielleicht auch Monate dauern, bis wir unseren Umzug in die Schweiz mit sämtlichen Sinnen und Fasern realisieren. Im Moment scheint mir, als schwebe ich zwischen den Welten. Noch immer flattern in zügiger Kadenz SMS oder Emails aus den Emiraten in diverse Posteingänge und vermischen sich mit euphorischen Willkommensbotschaften helvetischer Freunde.

Der Einstieg beim neuen Arbeitgeber steht noch aus. Noch habe ich keinen Fuss in einen SWISS-Tempel gesetzt, denn noch habe ich Ferien, die mir mein, bis Ende dieses Monats, rechtmässiger Arbeitgeber zugesprochen hat. Auch hier pendle ich vorerst zwischen Orient und Okzident.

Mehr als einmal wurde ich im Verlauf der vergangenen Tage nach der Zukunft der Wüstenspuren gefragt. Nicht nur in Blog-Kommentaren, sondern auch in Emails oder bei persönlichen Gesprächen. Eine Fortsetzung nach unserer Rückkehr in die Schweiz würde jedoch nicht der ursprünglichen Idee, Freunde und Familie an unserem Leben in den Emiraten teilhaben zu lassen, entsprechen. Wo kein Sand ist, gibts keine Wüstenspuren.

Doch so ganz kann ich die Finger nicht von der Tastatur lassen. Ich habe mich ans Schreiben gewöhnt, dass es beinahe schon zur Sucht geworden ist. Und vielleicht, so habe ich mir gedacht, gibt es ja auch allerhand Interessantes aus der Schweiz zu berichten.

Und so geht es ab heute hier weiter.

"Ein Expat im Exil" soll aber nicht nur über unsere Rückkehr in die Schweiz berichten, sondern nach wie vor Alltägliches aus der ergiebigen Welt der Fliegerei resumieren. Mit den Augen eines Rückkehrers - und Piloten sind von Berufes wegen ewige Rückkehrer - der sich, mehr als angenommen, an den Rhythmus des Mittleren Ostens gewöhnt hat.

Die letzten Worte der Wüstenspuren sollen identisch sein mit den ersten Zeilen des im August erscheinenden Buches „Blindflug Abu Dhabi“:

Mir bleibt, euch allen herzlich fürs treue Spurenlesen zu danken!

Erinnerung ist nur eine Reifenspur im Sand,
der Wind weht sie zu und oft viel zu früh,
hat man’s nicht mehr in der Hand

Rainhard Fendrich, aus «Tränen trocknen schnell»

Monday, June 20, 2011

Nachtrag

Das Omen war gut. Allerdings nicht gut genug.

Der Start ins viel zitierte neue, alte Leben ist missglückt. Und es hat bereits vor dem Start in Abu Dhabi heftig geholpert.

Zuerst fehlt der Kurier mit meinem Pass. Die Zeit verstreicht, ohne dass jemand auftaucht. Etisalat hat mir meinen Mobiltelefonanschluss bereits abgestellt, obwohl mir gestern versichert wurde, der Vertrag sei so kurzfristig nicht kündbar. Nun bin ich kommunikationsmässig handicapiert. Die Minuten verrinnen, meine Aufregung steigt. Was läuft hier falsch? Wo verdammt noch mal steckt mein Pass? Erst nach 45 Minuten taucht der Ersatzmann mit meinen Dokumenten auf. Der ursprünglich geplante Kollege hat heute spontan seinen Freitag eingezogen.

Der Flug nach Frankfurt verläuft entspannt. Wir landen pünktlich, doch bereits nach wenigen Minuten müssen wir auf der Anzeigetafel erkennen, dass der Anschlussflug nach Zürich annulliert ist. Angeblich wegen Wetter. Das kann ich kaum glauben. Mein zukünftiger Arbeitgeber zeigt sich in diesem Fall wahrlich nicht von seiner besten Seite.

Immerhin gibts einen Hotelgutschein. Und 20 Euro fürs Nachtessen. Den Wein müssen wir selber bezahlen. Auch so kann Frau Geburtstag feiern.

Wir werden morgen noch einmal einen Anlauf nehmen...

Sunday, June 19, 2011

Sonntag, 19 Juni 2011 – D-Day

Heute ist es soweit. Packtag, Reisetag – aber auch Franziskas Geburtstag! Besonders für sie ist dies der Aufbruch in eine neue Lebensdekade. Wenn das kein gutes Omen ist...

Im Mai 2006 habe ich diesen Blog mit dem ersten Eintrag lanciert. Damals herrschte – genau wie heute – Aufbruchstimmung. Allerdings mit veränderten Vorzeichen:

„Die letzte Woche in der Schweiz ist angebrochen. Am Samstag, dem 20. Mai, fliege ich nach Abu Dhabi. Noch sind die Koffer nicht vollständig gepackt, doch der verbleibende Freitag wird in erster Linie dazu genutzt, den Kleiderschrank zu leeren. Mitnehmen oder entsorgen – das dürfte dann die grosse Frage werden. Der Gepäckplatz ist beschränkt und die klimatischen Vorgaben im Mittleren Osten unterscheiden sich bekanntlich wesentlich von den hiesigen Verhältnissen.
Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, die letzten Tage im Lande ruhig anzugehen, doch leider ist noch vieles zu erledigen: Administration, Briefe, Mails, Telefonate und nicht wenige Blitzbesuche. Der VW Lupo ist auch noch nicht verkauft. Hat jemand Interesse??!! Gewisse Mühlen mahlen eben langsam, was übrigens in Abu Dhabi nicht besser sein soll, wie vertraute Quellen berichten."

Heute geht es zurück. In die andere Richtung. Mit einer neuen Herausforderung und einem neuen Ziel.

Abu Dhabi und die Menschen hier haben uns in ihren Bann gezogen. Trotz vieler kleiner Ärgernisse wurden wir verzaubert von der Vielfalt und Mystik des Orients, gepaart mit der hier so oft anzutreffenden Herzlichkeit und Unbefangenheit asiatischer Expats.
Wir haben neue Weggefährten fürs Leben gefunden, und wir haben – fürwahr keine Selbstverständlichkeit – unsere treuen Freunde in der Schweiz stets an unserer Seite gespürt und in keiner Minute an ihrer Unterstützung gezweifelt.

Shoukran jassilan, ma assalama und bis bald und irgendwo auf dieser Welt!

Samstag, 18 Juni 2011 – der letzte Tag

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.

Franziska schleicht sich kurz vor neun aus dem Schlafzimmer. Der erste Gedanke, der mich aus dem Halbschlaf rüttelt: „Unser letzter Tag in Abu Dhabi!“ Noch einmal die so unangenehm klebrig-feuchte Hitze spüren. Noch eine letzte administrative Schlacht schlagen, noch einmal den Sonnenuntergang am Golf erleben.

Ich nutze den Vormittag, um beim staatlichen Kommunikationsanbieter Etisalat mein Handy-Roaming zu kündigen. Mit der Idee, mein seinerzeit einbezahltes Depot von 2000 Dirham zurückzuerhalten. Der Einstieg misslingt. In der Zweigstelle in Khalidiya verweist Frau mich an die Hauptfiliale an der Airport Road. Nur dort wäre diese Dienstleistung möglich. Nach einer Viertelstunde stehe ich skeptisch vor dem nächsten Schalter. Der Beamte verlangt meinen Pass oder die Emirates ID-Karte. Beide Dokumente musste ich vor zwei Tagen beim Etihad-Personaldienst zwecks Annullierung meines Visums abgeben. Man wird sie mir erst am Flughafen beim Check-In wieder aushändigen. Diese Erklärung lässt mein Gegenüber kalt. Entweder bin ich in der Lage, eines der geforderten Dokumente vorzuweisen, oder ich kriege mein Depot nicht zurück. Der langen Rede kurzer Sinn: Ich rufe im Hotel an und bitte Franziska, mir meine letzte verbliebene Passkopie zu bringen. Freuen tut sie sich nicht darüber, doch uns bleibt keine Alternative. Die Büros schliessen um 13 Uhr, die Zeit wird knapp. Ein Taxi bringt sie an die Airport Road. Nach einer halben Stunde ist die Sache geregelt. Das Geld erhalte ich zwar nicht ausbezahlt, mir wird jedoch versprochen, den Betrag aufs lokale Bankkonto (das ich vorerst noch behalten werde) zu überweisen.

Anschliessend nutzen wir die Gunst der (gemeinsamen) Stunde und fahren zum Goldsouk in Madinat Zayed, denn am Tag unserer Abreise wird meine Frau einen runden Geburtstag feiern...

Um 1400 Uhr kommt Russell für einen letzten Kaffeeklatsch in unser Hotel. Nach einer Stunde und einem letzten Schulterklopfen zieht er los. Ich blicke ihm nach, wie er durch die Glastür des Hotelcafés entschwindet. Alsdann rufe ich Pushpa, eine Mitarbeiterin aus dem Flight Safety departement an und verabschiede mich von ihr. Sie war bei meinem letzten Besuch im Büro leider nicht anwesend.

Es folgt eine letzte Mussestunde am Pool. Allein mit meinen Gedanken. Ich fühle mich seltsam. Alles wirkt so unreal. Verschwommen wie in einem Traum. Ich blicke vom Dach über die Stadt, sehe bekannte Gebäude und denke, ach da wollte ich ja auch noch einmal hin.

Die Kollegen vom GASCO Squash-Team melden sich noch einmal. Ob ich wirklich nicht zum Abschlussessen kommen könne. Leider nein. Ein letztes Mal fahre ich in unseren Wohnblock an der Delma Street, wo ich mich persönlich von Hossein, unserem Security Guard verabschieden möchte. Ich drücke ihm 100 Dirham in die Hand, verstohlen lächelnd dankt er und erkundigt sich schüchtern nach meiner Email-Adresse: "To keep in touch..."

Rückgabe des Mietwagens, mittlerweile ist es 1830 Uhr. Franziska hat sich nochmals ein Taxi geschnappt, um im Inneneinrichtungsgeschäft in der Stadt die neuen Sitzüberzüge und die abgeänderten Vorhänge zu bezahlen. Damit wir möglichst gut gerüstet sind für die neue Wohnung in der Schweiz.

Giuliano lädt uns zum Nachtessen ein. Lindas Freund Neemo ruft an. Er möchte sich ebenfalls von uns verabschieden. Wir treffen ihn auf der Holzterrasse des Restaurant Vascos. Eines unserer Lieblingslokale. Das Essen schmeckt vorzüglich, die Gespräche mit Giuliano sind wie immer animiert.
Nach Dessert und Kaffee holen wir Nina bei Shireen ab. Vor dem Haus liegen sie sich – teilweise mit verheulten Augen – in den Armen. Sechs Boys und Girls, eine sich im Auflösen begriffene Gruppe von Neuntklässlern.

Kurz vor dem Nachtessen habe ich ein SMS verschickt. An Freunde und Kollegen von Etihad:

„Dear friends, sooner or later everything comes to an end. After 5 amazing years in the UAE we have less than 24 hours before boarding the plane to Switzerland. You all made our stay unforgettable! Take care and ma assalama“

Und die Reaktionen prasseln im Minutentakt ein. Hier einige davon:

„Have a safe trip and good luck getting set up in Switzerland. I’m sure our paths will cross again soon. All the best!”

„Amazing years in Switzerland are starting on Monday. From a UAE resident without UAE home.”

“Bon voyage mi amigo et vaya con dios.”

“Thanks, I can only say it was a pleasure to learn over time who you are and appreciated your presence both at work and in the hockey world.”

“To my favourite Captain (ops, I must say after my husband…). We wish you all the success and happiness….you’ll be missed!!!”

“The nice thing of living abroad and what it makes worthy are the opportunities to meet people like you dear Dieter. I am sure we will see you again. God bless you and your family querido amigo!”

“Dear lovely Dieter, God bless you. All the best!”

Saturday, June 18, 2011

Freitag, 17 Juni 2011 – noch 2 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.

Der Abend mit Anita und Frank war äusserst gemütlich. Ich bin auch nicht, wie man hätte denken können, beim Apéro eingeschlafen. Es gab gemischten Salat, Lamm mit Knoblauch, Huhn, Baked Potato und Sour Cream (mit Knoblauch), Reis und zum Dessert Vanille- oder Schokoladeeis.

Heute war der erste Morgen dieser Woche, an dem ich nicht entweder durch die Folgen eines Nachtflugs oder den frühmorgendlichen Wecker aus meiner biophysischen Balance gekippt wurde. Dafür schubst mich kurz vor neun die Angetraute an die Schulter und meint verstört:
„Weisst du, was wir total vergessen haben? ...Uns bei der Schweizer Botschaft abzumelden...“

Es mutet ja schon seltsam an: da versuchen wir uns mit allen Mitteln während zwei Tagen aus den Fängen der emiratischen Bürokratie zu winden und vergessen dabei total die Vertretung des eigenen Landes. Ja, lieber Anonymous und crowi – die emiratische Bürokratie ist grenzenlos und manchmal quälend ineffizient. Für jede benötigte Unterschrift wechselt der Kunde den Schalter. Beamte, weiblichen wie männlichen Geschlechts und in der Regel lokaler Herkunft, sitzen stundenlang wenig beschäftigt und unmotiviert auf ihren Hockern, plaudern mit den Arbeitskollegen links und rechts oder beschäftigen sich mit ihren Mobiltelefonen. Ämterbesuche sind ein absoluter Greuel und zeitlich völlig unberechenbar.

Für Nina und Lissy gings gestern noch einmal hoch zu und her. Zwei Freundinnen der Deutschen Schule haben den beiden einen Gutschein zum Spacewalking geschenkt. Franziska fuhr die Mädchen nach dem Mittag in den Country Club. Der Name mag etwas in die Irre führen, doch diese Adresse war absolut korrekt. Nach einer kurzen Einführung und der Umkleide gings in den Windkanal.

Heute Freitag können Franziska und ich die Dinge gemütlicher angehen. Freitag ist Wochenende, da sind die Ämter geschlossen. Meine Frau besucht noch einmal unsere irischen Ex-Nachbarn im Al Qurm Compound. Dann kauft sie im Carrefour einen weiteren Koffer, um sich wenig später mit Claudia Düvel zum Kaffee zu treffen. Claudia wird am 20. Juni an den Flughafen fahren und unsere Katze Bart für den Flug in die Schweiz abliefern. Wir werden zu diesen Zeitpunkt bereits in der neuen alten Heimat weilen.

Am Nachmittag wird gepackt. Umgepackt, ausgepackt, neu gepackt und dazwischen mit Linda in Braunwald geskypt. Nina agiert einmal mehr geschickt und verdrückt sich mit Freundinnen aufs Boot einer kanadischen Familie. Um vier wird mein Volvo abgeholt. Ein Fahrer der Shipping-Company fährt den Wagen nach Dubai, wo er für den Container-Transport vorbereitet wird. Wehmütig blicke ich meinem Gefährt nach. Im Kofferraum lagern zwei riesige, vollbepackte Koffer. Im Schiff gehts nach Rotterdam, anschliessend auf der Strasse nach Winterthur. Das Auto sollte in ungefähr sechs Wochen in der Schweiz eintreffen.

Kurz nach fünf holen wir die Hirschhäusers ab, die mittlerweile ebenfalls ihr Haus geräumt haben und im Hotel wohnen. Wenige Minuten nur entfernt von uns. Wir fahren zur Familie Toubeh, wo wir zu einem Abschiedsapéro eingeladen sind. Ihre Tochter Shireen gehört zum engen Freundinnenkreis von Nina und Lissy. Die Eltern sind Palästinenser. Beide sind Christen, der Vater aufgewachsen in Jerusalem, die Mutter in Nazareth. Die Familie hat viele Jahre in den USA gelebt, bevor sie in die Emirate gezogen ist.
Raghida serviert Käse, Trauben, Nüsse, Bruschetti und Gebäck. Nach zwei animierten Diskussionsstunden verabschieden wir uns. Für wie lange wohl...?

Es ist dies auch der letzte Abend mit Desirée und Jörg. Gemeinsam essen wir noch eine Kleinigkeit in einem Lokal unmittelbar am Meer. Wir setzen uns an einen der Tische im Garten. Es ist heiss und feucht an diesem Juniabend, und auch der Wind vermag keine echte Abkühlung zu verschaffen. Übermorgen werden wir das Land verlassen, wenige Stunden nur vor den Hirschhäusers. Auch sie werden wir vermissen.

Und morgen bricht unser letzter Tag in den Emiraten an...







Thursday, June 16, 2011

Mittwoch und Donnerstag, 15.-16 Juni 2011 – noch 3 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.

Ich schaffs nicht mehr mit der täglichen Bloggerei, habe einen zweitägigen Hürdenlauf hinter mir. Es ist jetzt Donnerstag, 1745 Uhr Abu Dhabi Zeit. Vor wenigen Minuten bin ich ins Hotel zurückgekehrt. Ziemlich geschafft aber zufrieden, dass ich beinahe sämtliche Pflichten und Pendenzen abarbeiten konnte.

Gestern wie heute habe ich mich um 0730 auf den Weg gemacht. Hier meine diversen Stationen:
Mittwoch: Zuerst hole ich den Volvo im Workshop ab. Die Heckscheibe ist ersetzt. Man rät mir, die Fenster während der Fahrt nicht zu öffnen, um den Staudruck im Wageninnern möglichst tief zu halten.
Fahrt ins Etihad Headquarter. Mein Arbeitgeber hat mir eine Liste gemailt. Gemäss dieser Vorgabe kämpfe ich mich durch unzählige Büros; Staff Travel, Housing facilities, Finances, IT (Rückgabe des Laptops), Security (Rückgabe sämtlicher Ausweise) und Flight Ops. Überall gibts einen Stempel und eine Unterschrift. Was hier in knapper Sequenz aufgezählt ist, erweist sich in der praktische Umsetzung als schweisstreibende Knochenarbeit. Verbunden mit Fragen, Rückfragen, noch mehr Fragen und wenigen Antworten. In vielen Büros sitzen InderInnen. Und die nehmens ausnehmend akkurat. Um jeden Dirham, um jeden defekten Duschkopf oder jede gebrochene Steckdose wird gefeilscht.

Dazwischen bimmeln immer wieder SMS von Kollegen aufs Handy. Ein bolivianischer Copi will uns spontan zum Nachtessen einladen. Hany, ein ägyptischer Banker mit dem ich früher oft Squash gespielt habe, würde sich gerne persönlich von mir verabschieden. Die Kollegen vom Squash-Team suchen einen gemeinsamen Termin, um den Saisonabschluss zu feiern. Zwei Captainkollegen aus Sri Lanka würden sich über ein gemeinsames Bier freuen. Pushpa aus dem Flight Safety Büro möchte Martin Rau und mich zum Nachtessen einladen...

Ich fasse mein Flight Safety-Arbeitszeugnis aus, trinke einen letzten gemeinsamen Kaffee aus der Departements-Nespressomaschine. „Bye guys – let’s keep in touch...“

Heute Donnerstag geht es ähnlich weiter. Der Tag beginnt im Büro der Versicherungsagentur. Ich benötige für die Ausfuhr des Volvos eine internationale Police. Dann gehts zum Traffic Departement, wo der Wagen zuerst geprüft wird. Gegen eine Gebühr, versteht sich. Dann schrauben geübte Hände (nicht meine!) das Abu Dhabi-Nummernschild ab und ersetzen es durch eine blaue Export-Nummer. Natürlich erst, nachdem ich meine beiden Geschwindigkeitsbussen (600 Dirham) beglichen habe.

Noch einmal fahre ich zum Büro der Coast Guard. Der Check zur Rückerstattung meiner 7000 Dirham lässt auf sich warten. Natürlich ist er nicht eingetroffen. Was nun? Ich einige mich mit Mister Mansour auf ein bislang nicht erlaubtes Verfahren (gemäss Mister Mansour), bei dem der Check meinem Freund Russell ausgehändigt werden soll. Zu diesem Zweck verfasse ich vor Ort eine handschriftliche Bestätigung und deponiere zur Sicherheit eine Kopie meines Passes.
Anruf der Shipping-Company, die sich um die Ausfuhr meines Wagens kümmert. Die Dame, die ich während der vergangenen zwei Wochen konsequent als Mister angeschrieben habe (auch nach fünf Jahren UAE bekunde ich offenbar Mühe mit der Zuordnung gewisser Vornamen...), erklärt mir, wie ich weiter vorzugehen habe. Ich fahre umgehend ins Hotel zurück, verfasse einen Authorization letter und maile das Dokument zusammen mit dem Export Certificate und einer Kopie der Versicherung an den Transporteur.

Dann meldet sich überraschend die Mashreq-Bank, die es nun doch noch geschafft hat, den Payout order für meine überzähligen Kreditkarten-Dirham an die richtige Filiale zu schicken.

Um 1400 Uhr betrete ich – wohl zum letzten Mal – die grosszügige Empfangshalle des Eithad Hauptsitzes. Nach der Rückgabe meiner Ausweise bin ich vom Captain zum Visitor geworden. Statt meiner Personal-ID baumelt ein hundsgewöhnlicher Besucherausweis an meinem Hals. Die Sekretärin des Chefpiloten hat Brownies für mich gebacken. Ich wandere an diversen Schreibtischen vorbei (ein Vorteil der Grossraumbüros!!!) und schüttle unzählige Hände, lasse viele spontane (auch unerwartete) Umarmungen über mich ergehen, schaue in feucht-glänzende Augen und wiederhole mich immer wieder: „It’s not easy to leave. I’m gonna miss you guys...“

Kurz vor 1500 Uhr unterschreibe ich im Personalbüro den Wisch mit dem Final Settlement.
Eine Urkunde gibts gratis dazu, unterschrieben vom heiss geliebten CEO. Auf der Fahrt ins Hotel schaudert mich. Ich drehe das Radio ab, kann und will kein Gebrabbel hören. Als ich unser Zimmer betrete, empfängt mich Leere. Franziska ist unterwegs, organisiert Abschiedsgeschenke und erledigt – wie schon gestern und heute – letzte Besorgungen. Ausserdem fährt sie mehrfach für die Fertigstellung der Endabrechnung der Mediothek an die Deutsche Schule. Wir sehen uns selten, und wann, dann lediglich für wenige Minuten.

Noch einmal mache ich mich auf den Weg, diesmal zur Bezahlung der Rechnung meines Autotransportes. Der Taxifahrer findet die Adresse nicht und ich steige an einem völlig falschen Ort aus. Zu Fuss suche ich weiter. Drei Mal rufe ich die Sekretärin des Unternehmens an. Ihre Angaben sind entweder völlig wirr oder schlicht unverständlich. Kurz vor 1700 Uhr klappt es doch noch. Eine halbe Stunde später bin ich wieder zurück. Es reicht gerade noch, diesen Text fertig zu schreiben.
In einer Stunde sind Franziska und ich bei Anita und Frank zum Nachtessen eingeladen. Ich werde wahrscheinlich bereits beim Apéro einschlafen...





Wednesday, June 15, 2011

Dienstag, 14. Juni 2011 – noch 4 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.

Es ist beinahe Mitternacht, und noch immer habe ich nach meiner Rückkehr heute Morgen nicht richtig geschlafen.

Nach der Landung, kurz vor sieben, lasse ich mich vom Taxi ins Vision-Hotel chauffieren. Da, wo das Abenteuer im Mai 06 angefangen hat, soll es im Juni 2011 aufhören. Dieser Umstand verleiht unserer finalen Etappe eine besondere Bedeutung.

0840 Uhr: Duschen und umziehen.

0930: Beim Uniformierungsbüro in der Innenstadt deponiere ich die Arbeitskleidung der vergangenen fünf Jahre. Das traurige, beinahe entwürdigende Bild meiner Uniform in der Kartonschachtel habe ich bereits gestern in den Blog gestellt.

1000 Uhr: Ich treffe bei der Coast Guard in Al Meena ein. Noch immer warte ich auf den Bankcheck, mit dem mir das Depot für den Pflichttransponder unseres Boots rückerstattet werden soll. Immerhin geht es um 7000 Dirham. Mister Mansour wühlt bedächtig in diversen Dossiers. Einen Check auf einen meiner drei Namen lautend, findet er indes nicht. Ich erkläre einmal mehr, dass wir am Sonntag das Land verlassen werden und er verspricht reumütig, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen und mich im Tagesverlauf telefonisch aufzudatieren.
Er hat bis Mitternacht nicht angerufen, dafür die Libanesen. Das heisst, sie habens versucht. Abgenommen habe ich nicht.

1045 Uhr: Ich parke unseren Mietwagen vor der HSBC-Hauptfiliale in der Innenstadt. Für unseren Personaldienst benötige ich ein Dokument (Clearance letter), das meinen positiven Kontostand bezeugt. Nach lediglich 20 Minuten Wartezeit schiebt mir die kraushaarige Huda das Papier über den Tisch.

1115 Uhr: Alsdann mache ich mich auf den verkehrsreichen Weg zur Abu Dhabi Distribution Company (ADDC). Auch von diesem Amt benötige ich einen Beleg: Das Clearance certificate wird dann ausgestellt, wenn sämtliche Wasser- und Stromrechnungen beglichen sind. Und für einmal erhalte ich sogar Geld zurück, denn wir mussten seinerzeit 1000 Dirham Depot bezahlen, was das Ausmass unserer letzten Rate deutlich übersteigt.

Kurz nach dem Mittag bin ich zurück im Hotel. Die Augenlider drücken schwer, trotzdem setze ich mich an den Laptop und erledige einige Mails. Noch immer ist der Volvo in der Werkstatt blockiert, die Heckscheibe wurde zwar ersetzt, doch der Spezialleim muss über Nacht trocknen. Ein kurzes Telefon mit der Vertreterin der Shipping-Gesellschaft, um die Transportdetails zu klären. Dürfen wir allenfalls noch zwei Koffer in den Wagen legen...? Die Dame weiss es nicht, sie will mich zurückrufen, tut es allerdings nicht.
Dann tippe ich die Nummer der Schweizer Passauskunftsstelle in mein Handy. Und werde beim Abhören des Tonbands den Eindruck nicht los, dass es sich um eine Zeitlupen-Tonaufnahme handle. Langsam, gemütlich – ohne die scharfen, gutturalen K und CK der arabischen Sprache.

Nach einer Relaxstunde am Pool, machen wir uns für das Abendessen bereit. Nina ist bereits wieder mit ihren Freundinnen unterweges. Franziska und ich essen im kleinen Garten unseres Hotels. Ein Garten, der unmittelbar an einer stark befahrenen Hauptstrasse liegt, jedoch diskret hinter einigen Büschen verborgen liegt. Der Cesars salad mundet trotz wildem Gehupe und knatternden Motoren hervorragend, ebenso Franziskas Steaksandwich. Und die Shisha qualmt, wie sie es die vergangenen fünf Jahre getan hat.

Tuesday, June 14, 2011

Montag, 13. Juni 2011 – noch 5 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.

Montag der 13. Er beginnt für mich um 0759 Uhr. Der Blick noch unscharf, der Geist verwirrt. Ich habe lediglich sechs Stunden geschlafen. Eindeutig zu wenig. Also versuche ich es noch einmal, obwohl sich das Licht des angebrochenen Pfingstmontags durch die, wie immer schlecht zugezogenen, Vorhänge meines Hotelzimmers in Frankfurt zwängt.

Eine Stunde später ist endgültig Schluss. Mein Handy-Display signalisiert, dass Franziska versucht hat mich zu erreichen. Ich rufe zurück und sie meldet sich ungewohnt schnell. Die Shipping-Company benötigt eine Kopie meines Passes und meines Residence-Visums. Ansonsten bleibt der Container in Jebel Ali.

Mir stehen jetzt ein Laptop und das neue Netbook zur Verfügung. Email schicken, diverse Programme downloaden. Ich beisse mir die Zähne aus und scheitere kläglich beim Versuch, Outlook-Adressdateien zu übertragen. Schon bald ist Mittag. Nach einer Dusche hole ich mir in der Flughafenhalle Kaffee und ein Sandwich.

Zurück ins Zimmer und weiter im Takt. Das Handy klingelt. Es ist Peter Lembach, der sich zwischen zwei Anästhesien nach meinem/unserem Befinden erkundigt.

Später klingelts erneut. Es ist einer der libanesischen Zwillinge, denen wir den Prado verkauft haben. Die beiden haben einen weiteren Schaden ausgemacht. Irgendwo am Dach. Das sagt mir nun wirklich nichts. Doch Rami, so heisst der Hartnäckige, lässt nicht locker. Er will die Reparaturkosten (?) schätzen lassen und verlangt eine adäquate Compensation von mir. Das soll wohl ein Witz sein?! Welchen Schaden, was für eine Reparatur, wieso Compensation...? Ich mache ihm klar, dass ich nun wirklich keine Zeit für solche Spielchen hätte.

„The deal is closed!“

Offenbar nicht für ihn. Er redet unaufhörlich, ich komme kaum zu Wort. Irgendwann wird es mir zu bunt.
„I have no time for this. Thank you and good bye!” Ich unterbreche das Gespräch abrupt. Nach einer Minute klingelt es wieder. Nie wieder werde ich einem Libanesen ein Auto verkaufen...

Um 20.35 Uhr fährt der Bus, der uns zur Abflughalle bringt. Die Luft ist lau, das Blau des Himmels von feinen Schleierwolken durchzogen. Noch immer ist es hell. Ich geniesse den Walkaround um den A330 mit der Immatrikulation A6-EYQ. Ein solch milder Abend macht Lust auf Europa, und die libanesischen Autokäufer erleichtern den Abschied.

Als wir zum Start rollen fällt dem Copi und mir auf, dass sich eine unserer Radbremsen übermässig erhitzt. Bei der Piste 18 angelangt, steht die Anzeige bei 285 Grad, Tendenz steigend. Die Limite für den Start beträgt 300 Grad. Wir schalten den Brake Fan ein. Das reduziert zwar die aktuellen Temperaturen, doch das eingeschaltete Gebläse hat zur Folge, dass die Fühler zu tiefe Werte anzeigen und deshalb die zulässige Limite für den Start niedriger liegt, nämlich bei 150 Grad.

Wir beschliessen, das Fahrwerk nach dem Abheben nicht gleich einzuziehen. Wie erwartet erhitzt sich die Bremse Nummer 3 auch beim Start deutlich mehr als die anderen. Etwas stimmt hier nicht. Wir lassen die Bremsen drei Minuten von der Umgebungsluft abkühlen. Erst dann verschwinden Räder und Fahrgestell im Flugzeugrumpf.

Der restliche Flug verläuft ruhig. Ich fühle mich überhaupt nicht müde. Nachdem ich nach der Landung den beiden Triebwerke den Sprit abgedreht habe, schaue ich mich noch einmal im Cockpit um. Dann steige ich mit der übrigen Besatzung in den Bus, der uns zum Terminal bringt.

Drei Stunden später bereits stopfe ich Hemden, Kravatten, Achselpatten, Jackets, Hosen und Hut in eine grosse Kartonbox in der Uniformierung. Die Dame setzt einen Haken hinter das entsprechende Feld meines Exit Clearance Forms. Damit ist für mich das Kapitel Uniform bei dieser Firma endgültig erledigt.





Monday, June 13, 2011

Sonntag, 12. Juni 2011 – noch 6 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.

Das ist er nun unwiderruflich: mein letzter Flug im Etihad-Cockpit! Reporting time 11.25 Uhr. Mein Handy piepst um 0900 Uhr.
Das Taxi bringt mich an den Flughafen. Franziska ist anderweitig beschäftigt, kann mich nicht fahren. Sie muss mit Nina zum Zahnarzt und hat ausserdem noch einige Dinge an der Deutschen Schule zu erledigen.
Ich bin früh dran. Mit Absicht. Lasse die Eindrücke auf mich wirken. Der Planungsraum wirkt zu dieser Tageszeit wie ausgestorben. Computer-Update wie schon so viele Male zuvor. Ich fische die Flugunterlagen aus dem entsprechenen Fach, als wärs ein Tag wie jeder andere. Ein algerischer Copi, eine Cabin Managerin aus Rumänien. Sie wissen nichts von meinem Letztflug. Das ist gut so.

Unmittelbar nach der Flugplanung erhalte ich einen Anruf vom Staff Travel. Unser Rückflug in die Schweiz bereitet Kopfzerbrechen. Für den sogenannten Repatriation-Flug sind pro Passagier 60kg Gepäck erlaubt. Da wir über Frankfurt reisen, muss Etihad für die entsprechenden Kosten auf der zweiten Etappe nach Zürich aufkommen. Der Kollege am anderen Ende der Leitung meint, dass dies ausschliesslich auf einem Lufthansa-Flug möglich sei, nicht aber, wenn wir SWISS fliegen würden. Er bittet mich, auf den Nachtflug ex Abu Dhabi zu wechseln, damit wir bessere Verbindungen ab Frankfurt hätten.
„Please, don’t give me a hard time for my very last day…!”

Ob wir via Istanbul fliegen möchten. Nein, wollen wir nicht. Meine Zeit ist knapp, ich muss jetzt nach Frankfurt. Last mission. Er möge doch die Sache noch einmal prüfen, bitte ich ihn. Dann ist das Gespräch beendet.

Während ich mich nach Europa absetze, wechseln Franziska und Nina ein weiteres Mal ihr Domizil. Da bei Hirschhäusers diese Woche ebenfalls die Umzugstruppe aufmarschiert, dislozieren die beiden ins Vision-Hotel. Eine Fahrt alleine wird wohl nicht genügen, um sämtliche Koffer und Taschen zu verschieben. Desirée bietet einmal mehr grosszügig ihre Hilfe an.

Ein junger Copi reist mit uns nach Frankfurt. Er steht am Ende seiner Ausbildung und freut sich auf seinen ersten Etihad-Einsatz. In einer Woche wird er sich zum ersten Mal in Uniform am Airport melden. Der eine geht, ein anderer kommt. Ich habe ihn eingeladen, Start und Landung im Cockpit zu verfolgen.

Das Wetter macht keine Zicken. Sonne, nur wenige Wolken. Eine hundsgewöhnliche Landung. Wir rollen zum Standplatz V122. Der Bus bringt uns ins Hotel Sheraton.

Im Zimmer fahre ich den Laptop hoch. Skypen mit Tim, der gerade vom Greenfield Festival in Interlaken zurückgekehrt ist. Die Stimmung war gut, das Wetter lausig, meint er.

Dann schlendere ich durch die Flughafenhalle. Allein, geniesse die Musse. Im Selbstbedieungslokal esse ich Randensalat und Currywurst. Rot auf beiden Tellern. Dazu lese ich in der neusten Ausgabe der Zeit, wie Kachelmann mit dem Boulevard abrechnet. Anschliessend kaufe ich in einem der zahlreichen Flughafenshops ein günstiges Netbook, das mir zukünftig den Zugang zum world wide web garantieren soll. In zwei Tagen werde ich meinen Etihad-Laptop abgeben müssen. Um 2200 Uhr bin ich zurück im Zimmer. Das Netbook lässt mir keine Ruhe. Es ist 0200 Uhr, als ich das Licht lösche.







Sunday, June 12, 2011

Samstag, 11. Juni 2011 – noch 7 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.


Franziska und ich verlassen das Haus um 1000 Uhr. Zuerst gehts zur Autovermietung, wo wir einen Toyota Camry ausfassen. Dann fährt Franziska an die Delma-Street, um einer potentiellen Käuferin die Vorhänge in Lindas Zimmer zu zeigen. Wenige Minuten später wechseln die rosa Stoffbahnen für 500 Dirham die Besitzerin.

Ich mache mich auf zur HSBC. Noch ist nicht klar, was nach der Abreise aus unseren Konti wird. Was immer verändert oder gekündigt werden will, ruft nach komplizierter Administration und braucht viel Zeit. Zwei Tage mindestens.
Nachdem ich zwei Formulare unterschrieben habe (wofür denn nun schon wieder...?), mache ich mich auf den Weg zum Kommunikations-Monopolisten Etisalat. Unser Festnetzanschluss sowie die Internetverbindung müssen gekündigt werden. Die Dame am Schalter fragt:
„When do you want to cancel the Internet-connection? “
“Tomorrow morning”, entgegne ich achselzuckend.
Worauf sie meint: „Then you have to come back tomorrow morning.“
Aber wieso denn? Wieso kann ich nicht heute den entsprechenden Auftrag erteilen? Schliesslich geht es doch. Aber erst, nachdem uns eine weitere Etisalat-Mitarbeiterin zu Hilfe gekommen ist.

Als nächstes fahre ich zu Carrefour, wo ich einen neuen Koffer kaufen will. Die Aeropers-Offerte habe ich leider verpasst, also muss Ersatz aus dem französischen Einzelhandel genügen. Wer nach fünf Jahren im Ausland in die Heimat reist, hat nie genügend Kofferkapazität.

Zur selben Zeit macht sich Franziska auf die Suche nach dem Büro jener Behörde, die sich um die städtischen Gasrechnungen kümmert. Unsere Wohnung verfügte über einen zentralen Gasanschluss für den Kochherd. Beim Einzug mussten wir ein Depot von 300 Dirham bezahlen. Jetzt warten wir auf die Endabrechnung. Das Büro ist ausnehmend klein. Vollgestopft mit Ordnern und Dokumenten, in denen fein säuberlich der Gasverbrauch der ganzen Stadt festgehalten ist. Die beiden Beamten von Shield Gas Systems stehen stramm, als Franziska auf den Auslöser drückt.

Am späteren Nachmittag bringe ich den Volvo in die Werkstatt. Noch immer ist die vor zehn Tagen in Schweden georderte Heckscheibe nicht eingetroffen. Die Zeit wird langsam knapp, eigentlich sollte der Skandinavier schon längst auf dem Weg in die Schweiz sein. Morgen, meint der zuständige Disponent, sollte das Teil eintreffen. Immer diese leeren Versprechungen. Ich lasse den Wagen in der Werkstatt, damit genügend Zeit für einen Service und den Austausch der Scheibe bleibt. Am Dienstag Morgen will ich den Wagen abholen. Direkt nach meiner Landung aus Frankfurt. Ach ja – morgen Sonntag gehts auf meinen allerletzen Etihad-Flug. Destination Frankfurt.

Um 1800 Uhr Squash mit Russell, einem Kapitänskollegen aus Australien. Zum ersten Mal begegnet bin ich ihm, als er mir vor drei Jahren den damals neu eingeführten Englischtest für Piloten abnahm. Dann verstärkte er das Flight Safety Büro. Ein erfahrener Investigator, vormals für die australische Flugsicherheitsbehörde CASA (Civil Aviation Safety Authority) tätig. Ich habe viel von ihm gelernt. Nicht zuletzt auch im Squashcourt. Russ ist ein ausgezeichneter Spieler mit einer herausragenden Technik. Die Nummer zwei unseres Teams. Auch er hat bei Etihad gekündigt und wird im September zum CASA – und zu seiner Familie – zurückkehren. Seine Frau und die beiden Töchter wollten nie nach Abu Dhabi ziehen und blieben in im Haus in Canberra.
Nach der Dusche hängen wir uns an die Bar im Coopers. Ein Pub etwas ausserhalb der Stadt. Viel dunkles Holz, diverse Biersorten, ausgezeichnete Fish and Chips. Irgendwie müssen wir ja die verbrannten Kalorien wieder reinholen...

















"Gasverwaltung" von Abu Dhabi

Saturday, June 11, 2011

Freitag, 10. Juni - noch 8 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise. Hier die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.


Wir schlafen aus, kraxeln erst um halb Zehn aus den Federn. Lissy und Nina haben gestern Abend in der Hirschhäuser-Mansion zur Abschiedsparty geladen. Etwa 70 Jugendliche verwandelten das Haus für einige Stunden in einen Musik- und Tanztempel. Uns Erwachsenen blieb lediglich das Wohnzimmer. Jetzt schlafen die Mädchen noch, zusammen mit vier Freundinnen, die ebenfalls hier genächtigt haben. Wo stecken wohl die Jungs...?

Ausgiebiges Frühstück mit Jörg und Desirée. Gemütlich, ohne Stress. Anschliessend kurzer Blick in die elektronische Post. Unter anderem ein Mail von der SWISS, mit Angaben zu meiner Resozialisierung. Wenn ich den Plan richtig lese, geht’s nach Theorie und Simulator am 20. Juli auf den ersten Flug; Destination New York. Eben fällt mir ein, dass mein Crew US-Visum Anfang Juni abläuft. Muss ich unbedingt noch überprüfen.

Skype mit Linda. Das erste Heimweh hat sich gelegt.Sie hat sich im Kinderhotel gut eingelebt und es scheint ihr zu gefallen. Zusammen mit zwei anderen jungen Frauen teilt sie sich die Betreuung des Kinderclubs.

Am Nachmittag fahren Franziska und ich an die Delma-Street, wo noch immer einige Utensilien herumliegen. Wir laden die Security und die Reinigungsequippe ein, jene Dinge mitzunehmen, die sie mögen und die sie brauchen können. Wie vereinbart kommt ein Käufer aus Dubai, um den Geschirrspüler abzuholen. Dann ein Ägypter, der Lindas Bett erstanden hat. Morgen will sch eine Chilenin aus dem zweiten Stock die Vorhänge anschauen.

Franziska wandert unentwegt durch die Wohnung und sortiert. Wir haben ständig das Gefühl, den Containerleuten wichtige Dinge mitgegeben zu haben, die wir für die Abschlussarbeiten und die Ausreise benötigen. Wo sind unsere Pässe? Meine Etihad-Unterlagen? Unsere Sorge scheint unbegründet. Zumindest bis zu diesem Moment.

Ich setze mich in den Volvo. Um 1700 Uhr habe ich eine Squash-Stunde mit dem Coach aus Pakistan vereinbart. Er jagt mich durch den Court. So weit nichts Neues. Immerhin mache ich auch vereinzelte Schweissspuren auf seinem T-Shirt aus. Es tut gut, den Frust des gestrigen Tages an die Wand zu knallen! Nach einer Stunde bin ich ausgelaugt. Triefend, mit schwerem Atem, erhole ich mich neben dem Court.

Franziska und ich treffen beinahe gleichzeitig im Mangrove Village ein. Die Hirschhäusers sind zum Nachtessen eingeladen. Unsereins bleibt zuhause. Franziska kocht mit Lissy, Nina und Laurence, einer Schulfreundin der beiden Mädchen.

Gegen 2300 Uhr kommen Desirée und Jörg zurück. Welcome home! Noch immer stehen viel zuviele Weinflaschen in den Gestellen. Ein Export in die Schweiz oder nach Qatar steht ausser Frage. Die Zeit wird knapp, wo ist der Korkenzieher...?

Friday, June 10, 2011

Donnerstag, 9. Juni - noch 9 Tage

Liebe WüstenspurenleserInnen: Der Countdown hat begonnen! Noch wenige Tage bis zu unserer Abreise aus den UAE. Ab heute schildere ich die letzten Eindrücke stichwortartig im Tagebuchformat.


Der letzte Umzugstag. Die Männer der Speditionsfirma haben bereits gestern und vorgestern Möbel auseinandergeschraubt und in schützenden Karton verpackt. Was nicht in den Container kommt wird verkauft, den Männern von der Security oder vom hausinternen Reinigungsdienst geschenkt oder entsorgt. Unsere Wohnung an der Delma-Street leert sich mit jeder Stunde mehr.

Bereits gestern sind wir zu Jörg und Desirée Hirschhäuser im Mangrove Village gezogen. Sie offerieren uns zwei leer stehende Zimmer. Ihr Haus ist riesig, zwei der drei Kinder leben bereits in Europa. Es ist genügend Platz vorhanden.

Der Tag beginnt schlecht. Am Vormittag will ich bei einer Filiale der Mashreq-Bank den Restbetrag meiner Kreditkartenabrechnung auszahlen lassen. Hoffnungslos! Die Karte ist bereits annulliert. Mein Auftritt endet damit, dass ich mich vor den Augen der wartenden Kunden mit dem indischen Schalterchef um 135 Dirham streite. Irgendwann wird es mir zu bunt. Wütend stapfe ich aus der Bank.

Nachmittag, 1430 Uhr, Traffic Departement: Treffpunkt mit den libanesischen Zwillingen, die unseren Prado kaufen. Zuerst muss der Wagen durch die technische Kontrolle, die Wartezeiten sind erstaunlich kurz. Nach 40 Minuten erhalten wir die schriftliche Bestätigung: Passed – Bestanden. Der Automat spuckt einen Zettel mit der Nummer 511 aus. Unsere Sequenz für den Schalter, an dem die Papiere umgeschrieben werden. Im Moment ist gerade die Nummer 412 dran. Fünf Schalter sind geöffnet. Geduld ist gefragt.
Die beiden Käufer nutzen die Wartezeit geschickt und rollen die Preisverhandlungen neu auf. Wir haben uns auf einen Verkaufspreis von 70'000 Dirham geeinigt, eine Anzahlung von 5000 Dirham habe ich bereits eingesackt. Jetzt meinen die beiden, einen neuen Kratzer an der linken hinteren Türe entdeckt zu haben. Ausserdem wäre der Stoffbezug an der Wagendecke in schlechtem Zustand. Was ich denn in den vergangenen drei Tagen mit dem Auto angestellt hätte, wollen sie wissen. Sie verlangen eine Preisreduktion von 500 Dirham. Ich weigere mich standhaft. Ein Tellensohn im Mittleren Osten.

Eine halbe Stunde später. Bald ist unsere Nummer an der Reihe. Wir verhandeln noch immer. Ich mache klar, dass ich mich erst nach der Aushändigung des Geldes mit ihnen an den Schalter setzen würde. Cash! Jetzt wird die 511 ausgerufen. Der eine der beiden Brüder setzt sich zur Dame an den Schalter. Der andere drückt mir ein dickes Bündel Geldscheine in die Hand. Ich beginne, zu zählen. Langsam und ungeschickt. Ich bin Pilot, nicht Banker. Die Araberin am Schalter wird ungeduldig. Die Zwillinge auch. Es fehlen 500 Dirham. Ich beharre auf meinem Geld, gewähre aber einen Abschlag von 200 Dirham. Bin eben ein schlechter Geschäftsmann. Zähneknirschend klaubt der Kollege die drei Hunderter aus dem Geldsäckel. Wir geben beide nach, können aber unser Gesicht wahren. Masha Allah!

Die nächste Überraschung folgt sogleich: Bevor der Wagen an die Käufer überschrieben werden kann, muss ich unsere ausstehenden Bussen begleichen. Franziska hat vor drei Wochen den Prado so unglücklich am Strassenrand parkiert, dass ihn die Polizei kurzerhand abschleppen liess. Eine Busse, die nun Probleme bereitet, denn wir können sie nicht an diesem Schalter begleichen. Die Dame schickt uns an eine etwa zehn Autominuten entfernte Polizeistation. Dort ziehen wir den nächsten Zettel, müssen allerdings nur eine Viertelstunde warten. Der Polizeibeamte wirft einen kritischen Blick in mein (Franziskas!?) Bussenregister. 350 Dirham für einen Double turn. Noch nie gehört, keine Ahnung, was das ist. Diskutieren ist zwecklos. Ausserdem wartet Franziska an der Delma-Street auf mich. Ich bezahle. Dann schickt uns der Uniformierte an einen anderen Schalter zur Begleichung der Abschleppkosten. Allerdings nicht im selben Gebäude! Raus ins brütende Auto. Nach drei Minuten Fahrt sind wir dort. Ich blättere 150 Dirham auf die Theke, dann meint der Schalterbeamte, wir sollen noch einmal an den Bussenschalter von vorhin zurück. Dort knöpft mir der selbe Polizist von eben gerade noch einmal 400 Dirham ab! Wofür denn, um Himmelswillen und wieso nicht gleich beim ersten Mal..? 200 für eine Geschwindigkeitsübertretung und 200 Bussgeld für Franziskas Parkier-Malheur. Ich verfluche die emiratische Polizei, die emiratischen Strassen, die immer besetzten emiratischen Parkplätze und die emiratischen Verkehrsregeln. Dann lege ich vier Hunderter auf den Tisch.

Eilige Fahrt zurück zum Traffic Departement. An den selben Schalter, zur selben Dame. Sie vergnügt sich gerade mit ihrem Handy. Wir warten, reklamieren wäre unverzeihlich. Nach zehn Minuten ist das Gespräch beendet. Jetzt wird erst einmal in Ruhe das Kopftuch neu drapiert. Dann blickt sie uns mit unschuldigem Blick an. Endlich...

Nach einer Viertelstunde gehört der Prado nicht mehr uns.

Der eine der beiden Libanesen fährt mich an die Delma-Street, wo Franziska in einer leeren Wohnung wartet. Die Umzugstruppe verstaut gerade die letzten Boxen im Möbelwagen.

Wir sind unter Zeitdruck, denn die Katze muss in spätestens einer halben Stunde in der Tierklinik sein, wo wir für sie eine Unterkunft bestellt haben. Kater Bart kommt mit uns in die Schweiz, fliegt aber erst am 20. Juni. Bis dann muss er ins Katzenhotel.

Ich meinerseits will unbedingt den reservierten Mietwagen abholen. Ich schnappe mir ein Taxi und nach wenigen Minuten stehe ich vor der Autovermietung, wo ich feststellen muss, dass mein Fahrausweis (für die Deutschen: Führerschein) fehlt! Nein bitte nicht! Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Traffic Departement oder Libanese. Während ich frustriert nach Hause stapfe (42 Grad), rufe ich den Käufer unseres Prados an. Er weiss von nichts, verspricht zu suchen und zurückzurufen. Franziska meldet sich aus der Tierklinik um mitzuteilen, dass der Käufer unseres Kochherds an der Delma-Street vor verschlossener Tür stünde. Ok, ich beeile mich.

Nach zehn Minuten dreht mein Schlüssel im Schloss. Doch der Kochherd-Käufer und sein kräftiger Helfer sind ohne Werkzeug gekommen. Der Herd ist am Strom und an der Gasleitung angeschlossen. Ich rufe die Security und frage nach einem Schraubenzieher. Leider nein. Die Maintenance-Truppe ist ausser Haus. Also Hauptsicherung raus, damit die beiden mit ihrem Sackmesser das Stromkabel kappen können.

Um 1830 Uhr sitze ich endlich in einem Taxi, das mich ins Mangrove Village fährt. Ich bin geschafft! Mich plagen Hunger und Durst.

2000 Uhr: Nach einer langen Dusche stossen wir mit Desirée und Jörg an! Was für ein Tag...

















Wednesday, June 08, 2011

Vier Hüte

„Cheers! Salud! Prost!“
Glas auf Glas, lautes Klirren, dann erlösen vier Männerarme und -hände durstige, von langem Flug ausgetrocknete Kehlen und führen den Gerstensaft mit elegantem Schwung an die richtige Körperstelle.

Da sitzen wir also zu viert. Die Cockpitcrew meines letzten Ultra Long Range-Fluges in Etihad-Diensten. Es war gleichzeitig auch meine letzte Landung mit dem A340-600. Wenn nicht für immer, dann mit Sicherheit für lange Zeit.

Die Stadt hat mich angestrahlt. Ein Meer von funkelnden orangen und weissen Lichtern. Vor rund drei Stunden wars, als wir in sanftem Sinkflug durch dünne Wolkenschichten stiessen und die Anflugkarten von Melbourne sortierten. Zum besonderen Anlass wurde mir ein VOR-Approach auf die Piste 34 angeboten. Ich ging das Unpräzise mit grösster Präzision an. Im Bestreben, meinen Kollegen noch einmal schweizerisches Pilotenhandwerk dergestalt zu präsentieren, dass sie auch in Zukunft auf Schweizer Uhren, Schweizer Käse und ebensolche Schokolade setzen würden. Das Resultat war ansprechend. Trotz verschobener Anflugachse, trotz leichtem Seitenwind und trotz defekter Pistenmittellinienbeleuchtung. Sanft, und gut in der Länge. Beim Wein würde man in diesem Fall von einem runden Abgang sprechen.

Jetzt sitzen wir, unweit unseres Crew Hotels, im Irish Pub auf unbequemen Hockern. Auf einer kleinen Bühne in einer entfernten Ecke gibt ein entfesseltes Duo irische Folkmusik zum Besten. Die scharfen Banjoklänge erschweren die Unterhaltung. Es geht selten, ohne nachzufragen.
Unser Quartett ist vielfältig. Ebenso wie die Biersorten, die wir trinken: Ein Pironi (nicht zu verwechseln mit Pirelli! Ist etwas ganz anderes) für den Engländer, ein Stella für den Spanier, ein Pure Blonde (Wir sind immer noch beim Bier...) für den Belgier und ein Cascade für den Schreiberling. Ob es Zufall ist, dass just an dem Tag ein spanischer Copi mittut, an dem Federer zum wiederholten Mal gegen Nadal das Endspiel in Roland Garros verliert? Wenn Paco, so heisst der Iberer, redet, habe ich das Gefühl, an einer Pressekonferenz von Rafa zu sitzen: „Ai chäv a chaus in Balensia ....“

Jeder der drei Kollegen blickt auf eine interessante aviatische Vergangenheit zurück. Der Engländer Mark war bis zu seinem 37sten Altersjahr bei der Royal Air Force. Als Kampfpilot und Instruktor. Er flog insgesamt 3500 Stunden und begann auf dem Hawk. Dann folgte der Phantom und später wechselte Mark auf den Tornado. 1993 war er für drei Monate im Süden Italiens stationiert, von wo er wiederholt Einsätze in Bosnien absolvierte. Der Einstieg in die Zivilfliegerei erfolgte bei Virgin Atlantic. Nach einem Abstecher bei Emirates heuerte Mark vor zwei Jahren bei Etihad an. Wie die meisten Copis in der Hoffnung auf ein schnelles Upgrading.
Auch Paco verdiente seine fliegerischen Sporen bei der Luftwaffe ab. In Spanien, wo fast immer die Sonne scheint, der Rioja fliesst und wo Nadal so erfolgreich auf Sand trainiert. Paco flog keine Kampfjets sondern Maschinen des Typs Canadair CL215T, mit denen er Hektoliterweise Wasser über brennenden spanischen Wäldern abliess.
Dann ist da noch Piet, der belgische Kapitänskollege. Als er hört, dass ich dereinst in Swissair-Diensten stand und bald zur SWISS zurückkehre, runzelt er die Stirn. Nach einem kräftigen Schluck aus seinem beinahe leeren Glas wühlt er noch einmal kräftig in der Vergangenheit und berichtet von mindestens zwei Kollegen, die nach dem Swissair-Sabena Debakel und dem Verlust ihres Pilotenjobs Selbstmord begangen haben. Piet selber hat Glück gehabt. Vor zehn Jahren brach er mit Frau und zwei kleinen Kindern nach Italien auf. Zuerst flog er für Volare. Das Arbeitspensum war enorm. Piet erklärt, dass er vor lauter Fliegen kaum Zeit hatte, einen neuen Job zu suchen. Während er die italienischen Luftstrassen im Sturm eroberte, surfte seine Frau tagelang durchs Internet und suchte nach vakanten Pilotenstellen. Schliesslich landete die Familie in Sri Lanka. Fünf Jahre knüppelte (abgeleitet vom Hantieren am Steuerknüppel, hat jedoch in jüngster Zeit immer mehr Gemeinsamkeiten mit dem im Volksmund besser bekannten krüppeln...) der Belgier für Sri Lankan Airlines, bevor er eines schicksalhaften Tages in einem Hotel in Colombo einer Etihad-Cockpitbesatzung begegnete. Wenige Monate später streifte sich der Kapitän die Etihad-Uniform über. Er trägt sie auch heute noch – manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Freude.

Morgen fliegen wir zurück nach Abu Dhabi. Vier Piloten, vier Länder, vier Geschichten. An der Rückwand des Cockpits werden unsere vier Hüte hängen. Wie immer sauber ausgerichtet. An den beiden linken Haken die Kapitänshüte, links die Kopfbedeckungen der Kopiloten. Soviel Ordnung muss sein. Auch auf meinem letzten Etihad A340 Flug!

Friday, June 03, 2011

Wednesday, June 01, 2011

PPADD

Vielleicht sollte ich einmal von meinen Innereien schreiben. Nicht von den Därmen, sondern von meinem Gefühlsleben. Oder von Franziskas Freuden, von Lindas Ängsten oder Ninas Zweifeln. Diese Kombinationen sind willkürlich und wechseln stündlich. Es holpert und poltert in der Psyche. Die Herzen schmerzen, die Emotionen wallen, die Sinne flattern.

Vielleicht aber sollte ich ganz einfach aufhören, unseren langsamen Abschied auf diesem Kanal zu zelebrieren, und zukünftig meine oder unsere Hochs und Tiefs in den eigenen vier Wänden abhandeln. Das fällt mir manchmal schwer, denn schreiben tut gut. Es ist eine Wohltat, den Frust, die Freude oder das Wanken zwischen den beiden von der Seele in die Tastatur meines unvoreingenommenen und geduldigen Laptops zu hacken. Auch wenn es, wie schon so oft, nur fürs private Archiv ist. Denn beileibe nicht alle meine Ergüsse kann und will ich euch zumuten. Die einen sind zu uninteressant, zu launenhaft, zu fad oder ganz einfach zu privat.

In diesen Tagen rattern wir alle den Berg der Emotionen rauf und runter. Noch zwei Abende, dann wird Linda mit gepackten Koffern am Flughafen stehen. Ein Schulabschluss in der Schweiz geht in der Regel mit Veränderungen einher. Doch normalerweise verlassen nicht gleich sämtliche Freunde und Klassenkameradinnen innert Wochenfrist die Stadt, um sich in alle Ecken dieser Welt abzusetzen. Anders in den Emiraten: Das Ende der High School heisst hierzulande unwiderruflich, sich für lange Zeit – wenn nicht gar für immer – von lieb gewonnenen Weggefährten zu trennen. Dementsprechend verbringt die Tochter ihre letzten Tage in Abu Dhabi mit Freundinnen aus der Schule. Und natürlich mit ihrem Freund Neemo, den sie, wie so viele(s) andere, nicht im Handgepäck mit in die Schweiz nehmen kann. Die beiden zählen die Stunden rückwärts. Ähnlich wie beim Countdown eines Raketenstarts.
Noch zwei Abende. Morgen, am 2. Juni, findet die Graduation statt. In den traditionell grünen ACS-gowns und caps werden die Seniors ihre High School Diplome entgegennehmen. Anschliessend wird ausgiebig getafelt. Später geht die Feier weiter, allerdings ohne die zugewandten Orte. Am Hafen wartet ein Schiff auf die frisch Diplomierten.
Bereits 24 Stunden später – es mögen auch einige weniger sein – fliegt Linda in die Schweiz. Damit endet ihre Zeit in Abu Dhabi nach knapp fünf Jahren. Die Löschung ihres Residence-Visums hat mich heute vier Stunden Zeit, eine Fahrt an den Flughafen, zwei Fahrten zum Immigration Departement, viel Ärger und noch mehr Schweiss gekostet. Kunststück bei 45 Grad Celsius.

Es rumpelt im Magen. Am Abend von Lindas Abflug nach Genf organisieren Franziska und ich, zusammen mit den Hirschhäusers, die im Sommer nach Doha ziehen, eine Abschiedsfeier für Freunde und Kollegen. Das lenkt ein bisschen ab und erlaubt ungefragten, unlimitierten Alkoholkonsum. Der Anlass hindert uns aber auch daran, die Tochter an den Flughafen zu begleiten. Vielleicht ist es auch besser so. Vorerst gehts ja erst in die Schweiz. Ernst gilt es dann Ende August, wenn das Bündel für Vancouver gepackt wird. Bis dahin rattern wir noch mehrmals über die Achterbahn der Gefühle. Jede Steigung setzt mir mehr zu. Offenbar augenscheinlich.
„Hey Dieter, what’s wrong with you?“, wurde ich kürzlich von einem Kollegen angesprochen.
„I’m allright“, lüge ich, um einen Atemzug später zu gestehen „...or maybe it’s the beginning of my PPADD – my Pre-Post Abu Dhabi Depression…“

Monday, May 23, 2011

Lastflight

Ein Fliegerleben ist gespickt mit Anekdoten. Mit kleinen, grossen, lustigen, traurigen. Es gibt oberflächliche und unvergessliche Episoden, wahre und unwahre. Solche, die unter die Haut gehen, andere, die an der frisch gereinigten Uniformjacke abperlen. Geschichten im Inland wie im Ausland. Im Cockpit, im Galley oder im Crewbunk. In grossen und in niedrigen Flughöhen. Solche, die Mann oder Frau freudig und voller Stolz erzählen, und andere, die sie lieber für sich behalten.

Im Folgenden ein Müsterchen aus der immerlustigen Welt der Einsatzplanung.

Der Juni ist mein letzter Monat bei Etihad. Eigentlich ist es nur ein halber, denn am 16ten beginnen meine Ferien. Damit verbleiben mir zwei Flugwochen. Im kürzlich eingeführten PBS (Preferential Bidding System) habe ich einen Freiwunsch platziert: vom zweiten bis am fünften Juni. Man solls ja nicht übertreiben und zuviel verlangen. Mit diesem Block würde ich Lindas Graduation-Feier und unsere, mit Hirschhäusers umsichtig eingefädelte, Farewell-Party abdecken.
Die Idee eines PBS ist – wie der Name unmissverständlich belegt – individuelle Präferenzen und Einsatzwünsche der Crewmitglieder zu befriedigen. Nun, die praktische Umsetzung des Vorhabens gelingt nicht immer; wir wissen um die überhöhten Erwartungen, die mit dem besagten Verb verknüpft werden; auch in anderen Lebensbereichen...

Dank meiner Flight Safety-Funktion geniesse ich erweiterten Zugang zum Planungssystem. Gestern habe ich, ganz spontan, einen Blick auf den aktuellen Stand der Dinge geworfen. Ein bisschen staunen musste ich schon.

Mein Juniplan beginnt mit einem Flug nach Sydney: akkurat vom zweiten bis am fünften! Bingo! Ihr erinnert euch an meinen, weiter oben erwähnten, Freiwunsch. Am siebten steht eine London-Rotation an, und als krönender Höhepunkt – der allerletzte Etihad-Flug meiner Karriere – hat mir irgendein innovativer Kreativkopf den jährlichen Linecheck geplant! Zur Abwechslung nach London, denn da war ich ja schon lange nicht mehr. Warum auch nicht ein kleiner Prüfungsflug zum Abschluss von fünf amüsanten Flugjahren? Mal sehen, was der Eppler alles in der Wüste gelernt hat.

Ich habe dann doch, nach kurzem Reflektieren, der verantwortlichen Planerin und dem Chefpiloten eine Mailinfo geschickt. Sie mögen doch bitte...
Erfreulicherweise kam die Antwort postwendend. Und gab zu verhaltenem Optimismus Anlass. Heute war der Sydney-Flug verschwunden und durch Freitage ersetzt. Grosses Aufatmen und herzlichen Dank!

Auch mein Linecheck wurde gestrichen; allerdings nur für mich. Der Checkpilot kommt trotzdem mit und schaut ausschliesslich dem Copi ein bisschen auf die zittrigen Finger. So einfach lässt er sich nicht abschütteln. Er spekuliert wohl auf einen Gratisdrink.

Saturday, May 21, 2011

Eingeschlossen

Heute, exakt heute vor fünf Jahren, war mein erster Arbeitstag bei Etihad. Zusammen mit Kollegen aus Jordanien, England, Zypern und der Schweiz wühlte ich mich durch unverständliche Formulare und Fragebögen. So vertraut mit diesem Land, wie man nach 24 Stunden eben sein kann. Ein Neuankömmling unter Fremden. Nach Halt und Sinn suchend, mit leichtem Wehmut an die Familie in der Schweiz denkend.

Fünf Jahre sind seither vergangen, vielmehr verflogen. Der Rückzug steht vor der Tür. Schon?

Vieles, das wir erlebt haben, wurde in den Wüstenspuren festgehalten. Vermischt mit Gedanken, Zweifeln, Hoffnungen. Oftmals sind es kleine, unbedeutende Momente, die unser Befinden prägen. Ein Email kann das persönliche Empfinden erheblich beeinflussen. Für einen kurzen oder längeren Moment. Mir fällt es manchmal schwer, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Meine Ungeduld erweist sich als Hindernis in diesem Land. Denn alle haben Zeit. Alle haben Geduld. Heute ist Morgen oder Übermorgen. Wen kümmerts? Aus der Ferne ruft der Muezzin und seine Stimme legt sich sanft über das Rauschen des Stadtverkehrs.

Als unsere Besatzung vor zwei Tagen den Bus vor dem Hotel besteigt ahnt niemand, wie lange wir darin verbringen würden. Die Fahrt vom Sydney Harbour zum Flughafen dauert zu dieser Abendstunde dreissig Minuten. Der Fahrer parkt das Gefährt vor dem Eingang zum Terminal. Dann drückt er auf den Knopf zur automatischen Türöffnung. Nichts geschieht. Nicht einmal ein leises Summen des Elektromotors ist hörbar.
Der Mann erhebt sich von seinem Sitz und beginnt, an den Hebeln für die manuelle Öffnung zu hantieren. Abermals nichts. Er dreht energischer, rupft, dann rüttelt er. Immer noch nichts. Die Tür bleibt zu, und wir bleiben sitzen. Der Fahrer mit chinesischen Wurzeln spricht schlecht Englisch. Er hantiert weiter an der Tür. Es kann sich nur um Sekunden handeln. Das Licht im Bus ist matt, zumindest lässt uns die Klimaanlage nicht im Stich. Wir warten geduldig. Noch ist keine Eile geboten.

Nach einer Viertelstunde sitzen wir noch immer. Der Chinese rüttelt unentwegt weiter. Schweiss tropft ihm von der Stirn. Mittlerweile hat sich vor dem Wagen ein Polizist sowie ein Vertreter der Busfirma eingefunden. Unsere Klopfzeichen wurden erhört. Die getönten Scheiben verhindern allerdings einen Blick von aussen ins Innere des Gefährts. Der Fahrer rüttelt unentwegt, der Polizist stemmt sich gegen die Tür, die sich hartnäckig weigert, zu kooperieren. Es ist zum Verzweifeln. Zum Glück bricht kein Feuer aus...

Unsere Kabinenchefin ruft die Kollegen von der Station an. Wir wären hier, erklärt sie, allerdings gefangen im Bus. Nach weiteren zehn Minuten versammeln sich die uniformierten Etihad-Angestellten der Station Sydney vor dem Wagen, drücken ihre australischen Nasen an der Scheibe platt. Neugierig lugen sie ins Innere. Der Fahrer indes lässt sich nicht beirren und rüttelt unentwegt weiter. Er tut mir fast ein bisschen leid.
Nochmals zehn Minuten später zertrümmert ein Angestellter der Transportfirma die untere Scheibe der Tür und streckt seinen Arm ins Innere des Busses. Für eine Evakuation ist diese Öffnung allerdings viel zu klein. Während der Fahrer weiter verbissen rüttelt, kontrolliert sein Helfer die Box mit dem Türmechanismus. Es nützt alles nichts. Wir sind gefangen. Vier Piloten, zwölf Flight Attendants. Und der Fahrer natürlich, der nach wie vor an sämtlichen Hebeln reisst und rüttelt.
Dann entscheidet irgend jemand, dass der Bus ans Ende des Terminals verschoben werden soll. Zuviele Passagiere verfolgen mittlerweile die hilflosen Aktionen zur Befreiung ihrer Besatzung. Ob das ermutigend wirkt...?

Es dauert weitere zehn Minuten bis ein Mechaniker mit einem voll ausgerüsteten Servicewagen eintrifft. Er packt ein unheimliches Sägemonster aus. Das Aufheulen des Motors dringt nur gedämpft durch die soliden (feuerfesten?) Busfenster. Als der Mann sich entschlossen am ersten Sicherungsriegel zu schaffen macht, verbreitet sich leichter Brandgeruch im Wageninnern. Die Klimaanlage arbeitet zufriedenstellend. Der Chinese will nicht aufhören zu rütteln. Muss jemand auf die Toilette?

Nach just 40 Minuten bewegt sich die Türe leicht. Noch einmal lärmt die Säge. Dann sind sämtliche Widerstände gebrochen. Die Tür geht auf. Endlich! Frische Luft strömt ins Innere des Busses. Wir sind frei – mindestens so frei wie Strauss-Kahn. Ohne, dass Etihad eine Kaution hätte hinterlegen müssen.

Der Fahrer allerdings, ich glaube er rüttelt noch immer – wenn nicht in Realität, dann sicher in seinen Träumen...

Friday, May 20, 2011

Tanz mit den Delphinen

Gestern Nachmittag, 1400 Uhr in Dubai; Linda, Nina und Nemo tanzen mit den Delphinen im 23-grädigen Salzwasser. Wir wollen hoffen, es hat nicht nur den dreien gefallen...



































Wednesday, May 11, 2011

Den Dummen bestraft das Leben

Mit einem Kribbeln im Bauch und anderthalb Kilo frisch importierter Schweizer Schokolade habe ich mich heute Morgen auf den Weg ins Büro gemacht. Es mutet seltsam an, nach einer über drei Jahre selbstverständlich gewordenen Routine den Schlusspunkt zu setzen. Die Räumlichkeiten, und besonders die Menschen sind mir ans Herz gewachsen. Die Arbeit blieb spannend bis zur letzten Email. Die Woche verläuft relativ ruhig, einmal abgesehen von einem medizinischen Zwischenfall mit Todesfolge eines Passagiers auf einem unserer Flüge, und von den üblichen kleineren operationellen Patzern, die das Flugdatenüberwachungssystem gnadenlos entlarvt.

Weils mein letzter Bürotag ist, organisiere ich einen Imbiss. Zur Mittagszeit bringt der Kurier arabische Spezialitäten und Mini-Pizzas (-Pizzen). Nach und nach trudeln die Mitarbeiter von Safety und Quality im Sitzungszimmer ein, greifen nach den Häppchen, trinken Pepsi aus der Dose und unterhalten sich – oft mit vollem Mund – was bei den Asiaten jedoch nicht unbedingt verwerflich ist. Dazwischen gesellen sich einige Emiratis aus der Airportsecurity zu uns. Fotos werden geschossen und später in einem speziellen Folder mit dem Namen Dieter’s Farewell-Party abgelegt. Den ganzen Tag steht ein mit Schweizer Schöggeli gefüllter kleiner Korb auf meinem Arbeitstisch. Bitteschön: Wer Lust hat, greift hinein. Die einen wollen hell, andere dunkel, manche hoffen auf Nusssplitter. Niemand weiss, dass sich in unterschiedlicher Verpackung die immer gleiche Schokolade verbirgt.
Zum Abschluss gibts Schulterklopfer, Küsschen auf die Wange und – ich bin völlig verdutzt – eine spontane Umarmung meines sonst sehr zurückhaltenden Chefs aus Malysia. „I’m very sad“, sagt er verlegen. Ich glaube es ihm, denn ich bin es auch.

Und während mich die Begleiter der vergangenen Jahre herzlich verabschieden und mein Namensschild aus dem Büro seit heute an der Tür unseres Kühlschranks klebt, laufe ich in der Schweiz voll in den Hammer! Doch ich muss mich selber an der Nase nehmen. Die Dummen bestraft das Leben.

Da ich meinen, von der Etihad zur Verfügung gestellten, Laptop beim Austritt abgeben muss, ist es an der Zeit, nach passendem Ersatz Ausschau zu halten. Das Angebot ist so vielfältig wie verwirrend. Der überforderte Geist spaltet sich bereits bei der Kultfrage, ob PC oder Mac. Nicht zu gross darf er sein, mit langlebigem Akku, geräumiger Festplatte und ultraschnellem Rechner. Nach langem Suchen entschliesse ich mich für ein schwarz glänzendes Powermodell aus dem Haus Fujitsu.
Die online-Bestellung erweist sich als Kinderspiel. Ich ordere das Ganze an die Adresse meiner Schwägerin. Franziska und Linda weilen übers Wochenende auf Besuch in der Schweiz, wo sie die neue Wohnung ausmessen und den 75. Geburtstag meiner Schwiegermutter feiern. Ich bin guter Hoffnung, dass mir die beiden den neuen Laptop nach Abu Dhabi bringen.
Die Hoffnung indes zerschlägt sich bald. Nach der Bestellung kommt eine Email-Erklärung, dass bei erstmaliger Bestellung nur Vorausszahlung akzeptiert werde. Die Auslieferung würde dann innert 48 Stunden erfolgen. Ich tue wie geheissen. Ahnungslos, unbedacht. Dann ist warten angesagt.
Als auch nach 60 Stunden kein Laptop bei der Schwägerin eintrifft, frage ich nach. Genauer, ich versuche nachzufragen. Auf der professionell und vertrauenswürdig aufgemachten Website des Schweizer Anbieters finde ich eine Hotline-Nummer. Besetzt. Nach fünf Minuten ist immer noch besetzt, nach einer Viertelstunde piepst mir ein Fax ins Ohr. Meine Emailanfragen bleiben unbeantwortet. Leicht beunruhigt starte ich eine Google-Recherche. Viel zu spät, wie sich bald herausstellt. Es dauert nicht lange, und ich lande auf einem Kassensturz-Forum. Wie konnte ich nur so naiv sein! Im gleichen Atemzug stellt sich die Frage, wie ein solcher Gauner in unserem Land über Jahre ungestraft sein Unwesen treiben kann.

Eine Antwort habe ich keine. Einen Laptop übrigens auch nicht. Franziska und Linda sind mit leeren Taschen nach Abu Dhabi zurückgekehrt. Und den Schtutz bin ich ebenfalls los.

Ach ja - den Namen des besagten Online-Anbieters habe ich noch vergessen: nova24!
Hütet euch...































Sunday, May 08, 2011

Vier Tage im Büro

Vier Tage im Büro. Aber nicht so, wie die letzten drei Jahre. Heute hat meine letzte Flight Safety-Bürowoche begonnen. Die Kolleginnen und Kollegen haben mich mit vielsagendem Lächeln gebeten, den Sonntagabend freizuhalten. Offensichtlich haben sie etwas ausgeheckt.
Nun beginnen sie also; diese Abschiedsanlässe oder -momente, an denen sich Tage, Wochen und Monate der vergangenen fünf Jahre entweder in Stundenfrist oder im Alkohol verflüchtigen. Manchmal brauchts auch alle beide. Ein Handschlag, eine innige Umarmung, ein flüchtiger Kuss auf die Wange, ein verlegenes Lächeln. „Take care, hope to meet some when, some where on this planet“…

Eine reine Verlegenheitsfloskel. Die meisten meiner aktuellen Mitarbeiter werde ich wohl nie mehr sehen. Im Gegensatz zu unserem Wegzug aus der Schweiz, kleben an diesen Verabschiedungen die Schatten der Endgültigkeit. Mit Ausnahmen natürlich. Einige Freunde werden bleiben. Auch wird es Besuche geben. In der Schweiz, und in Abu Dhabi. Doch die Wege werden sich in der Mehrheit trennen.

Wie ist es überhaupt möglich, dass die Zeit so dahinrast? Wie kann es sein, dass mir Ereignisse, die fünf Jahre zurückliegen vorkommen, als hätte ich sie erst gestern erlebt? Wie selektiv arbeitet mein Gedächtnis? Welche Rolle spielt das persönliche Empfinden?

Gestern wurden in unserem Wohnzimmer zwei brandneue Sofas montiert. In unschuldigem Weiss. Gekauft haben wir sie nicht nur wegen ihrer Farbe, sondern weil der Dirham angesichts des starken Frankens ständig an Wert verliert. Und weil die Schweiz halt immer noch wesentlich teurer ist als die Emirate.
In drei Wochen werden die beiden Sofas wieder aus derselben Türe getragen. Von anderen Händen allerdings, sorgfältig verpackt in Karton und Plastik, und bereit für den Verlad in den Schiffscontainer. Das mag wenig sinnvoll klingen, ist aber aus zolltechnischen Gründen (lesen Zollbeamte eigentlich auch Blogs...?) unumgänglich. Was immer wir von hier in die neue alte Heimat mitnehmen, es wird uns an eine besondere Zeit erinnern.

Doch auch Erinnerungen haften nicht ewig. Sie verblassen, verlieren sich in der Hektik der Gegenwart oder in der Vergesslichkeit des zunehmenden Alters.
Es sei denn, sie würden festgehalten, niedergeschrieben etwa in einem Buch. Das ist, für Schreiber wie mich, allerdings nur mit viel Glück und der entsprechenden Unterstützung möglich. So etwa, wie mir beides im Februar des vergangenen Jahres beschieden war. Zuerst vermutete ich eine versteckte Kamera. Ich las besagten Kommentar wieder und wieder. Was ich anfänglich für einen Scherz hielt, erwies sich jedoch als einmalige Chance, die Wüstenspuren zum Buch zu machen. Ein Flug nach Zürich, ein Gespräch im Hilton, eine Offerte, ein Plan. Unvermittelt sass ich einer Bestsellerautorin gegenüber; Verena Wermuth, die seinerzeit mit ihrem Buch "Die verbotene Frau" monatelang die Büchercharts angeführt hatte.

Damit habe ich keineswegs gerechnet! Doch das Buch steht vor der Fertigstellung. Dem woa-Verlag sei Dank. Dazwischen lag viel Arbeit. Ein Austausch über Distanz. Zahlreiche Emails, Telefonate, Flüge zwischen Abu Dhabi und der Schweiz. Der Endspurt steht an, das Ziel in Sichtweite. Ich freue mich, bin auch gespannt. Im August, Inshallah, solls soweit sein. Aus den Wüstenspuren wird Blindflug Abu Dhabi – aus einem fünfjährigen Blog ein jungfräuliches Buch, aus einem Piloten ein aufgeregter Autor...

Sunday, May 01, 2011

Das erste letzte Mal

Nun hat es mich von der Seitengasse in Mailand trotzdem an die Themse verschlagen. Einen Tag nur, nachdem sich Kate und William ewige Treue geschworen haben. Und mein Aufenthalt fällt länger aus, als ursprünglich geplant. Ein Etihad-Sonderflug, der die ans Hochzeitsfest eingeladenen Scheichs nach Abu Dhabi zurückbringen soll, hat den Flugplan kurzfristig auf den Kopf gestellt. Ich befürchte allerdings, dass die Hochzeitsorte bereits weggeputzt wurde...

Ich gebe es ja zu: der Fernseher lief während des Vermählungsaktes auch bei uns in Abu Dhabi. Die Mädchen halt, und auch Franziska...
Ich meinerseites war anderweitig beschäftigt. Meistens zumindest. Den Kuss auf dem Balkon des Palastes habe ich rein zufälligerweise mitbekommen. Er fiel für meinen Geschmack etwas kurz aus. Einem veritablen Royal kann es doch egal sein, ob ein paar Milliarden mehr oder weniger mit(g)eifern. Da hätten der junge Prinz und seine Gattin ein prominentes Zeichen setzen können: More love – less war oder so ähnlich. Sind wir mal gespannt, wie der verschmitzte Harry die Sache angehen wird.

Während für William and Kate eine neue Epoche ihres Lebens eingeläutet wurde, beginnt für uns die Zeit der letzten Male: Ein letztes Mal nach Mailand oder London, ein letztes Mal in dieses oder jenes Lokal, ein letztes Mal zum indischen Coiffeur oder – wie für mich bald der Fall – die letzten sechs Tage im Büro und ein letzter Simulator Check bei Etihad (auf den hätte ich gut verzichten können).
Linda hat ihren letzten regulären Schultag bereits hinter sich. Im Mai folgen IB- und Abschlussprüfungen. Vieles, das wir angehn und tun, weist – ohne dass wir uns dies bewusst sind – ultimativen Charakter auf. Gestern haben wir unseren letzten Besuch verabschiedet. Es war Franziskas Schwester, die im Jahr 2006 unseren fünfjährigen Besucherreigen eröffnet hatte. Dazwischen kamen sie immer wieder, Freunde und Familie, haben ungezählte Tage und Nächte mit uns geteilt. In der sengenden Hitze der Wüstensonne oder unter dem frostigen Luftstrom der Klimaanlagen. Der Reigen könnte nach unserer Rückkehr weitergehen. Mit geänderten Vorzeichen: Freunde aus Abu Dhabi besuchen uns in der Schweiz. Die ersten Anfragen liegen bereits vor...

Mit der Phase der letzten Male beginnt sich das Rad der Zeit noch schneller zu drehen. Die Tage wirbeln, die Termine purzeln. In einem Monat fährt der Containerwagen vor. Noch ist ungewiss, wo Franziska, Nina und ich die letzten zwei Wochen nächtigen werden.

Das Boot haben wir ebenfalls zum Verkauf ausgeschrieben. Gestern Nachmittag hat mir unser Bootspartner Al eine SMS geschickt: „We have an offer for 85k. What do you want to do...?“

Auch die Tage von Litina sind definitiv gezählt.

Wednesday, April 27, 2011

Sognare non é proibito

Während die zivilisierte Welt nach London schaut und sich für die royale Vermählung rüstet, tauche ich in einer engen Gasse von Mailands Innenstadt ab. Irgendwann fällt mein Blick auf zwei nebeneinander liegende Schaufenster, die beide bis zum Boden reichen. Dazwischen klebt eine übergrosse Eisreklame an der Wand. Auf grünem, rotem oder gelbem Grund steht in fetten Lettern geschrieben, was der Kundschaft alles geboten wird: Giornali, Rivisti, Libri lese ich über dem linken Fenster, equo caffé und Gelateria über dem rechten. Nicht schlecht, eine ideale Kombination: Bücher, Magazine und dazu Kaffee oder ein Eis.

Ich habe bereits drei Cappuccini intus, auf Gelati hab ich keine Lust. Sonst wär ich glatt hineingestochen. Die Kaffeestube, oder sollte ich eher die Leseecke oder die Gelateria schreiben, wirkt einladend. Ich schleiche mich näher ans Fenster und werfe einen Blick ins Innere. Der Raum wirkt eher eng, Tische sehe ich keine. Hingegen gut gefüllte Zeitungs- und Büchergestelle. Ein untersetzter Italiener, dessen Nationalität blosse Vermutung und keinesfalls belegt ist, hantiert flink an einer dieser überdimensionierten, silber glänzenden Kaffeemaschinen. Am Tresen wartet eine ältere Dame mit hochgestecktem Haar auf ihren Kaffee. Der Barista greift nach dem Krug, der neben ihm steht. Er klopft ihn zweimal leicht auf die Ablage, schwingt das Gefäss kreisförmig, dann giesst er die aufgeschäumte Milch mit eleganter Bewegung in die Tasse. Mit einem flüchtigen Lächeln bedient er die wartende Frau. Durchs Fenster glaube ich zu erkennen, wie sich seine Lippen zu einem stumpfen „Prego“ dehnen. Dann schraubt er den nächsten Kolben unter die Kaffeemaschine, während die Dame verzückt ihren ersten Schluck geniesst.

Die Kombination gefällt mir: Bücher und Kaffee. Warum nicht in Lugano, zusammen mit Franziska? Sie wird sich um die Bücher und Magazine kümmern, ich werde mich in der Kunst der Kaffeezubereitung weiterbilden. Eigentlich kann ich das „weiter„ weglassen. Und Franziska habe ich auch noch nicht gefragt. Sie würde kaum zustimmen.

Sognare non é proibito: träumen ist nicht verboten.

Saluti da Milano...

Monday, April 25, 2011

Schlaflos

Bereits zweimal bin ich um den Häuserblock gefahren. Um diese Tageszeit herrscht Hochbetrieb an der Delma-Street. Zumindest vor unserem Haus. Es ist kurz vor Acht, die Menschen ergeben sich in den erwachenden Tag. Aus der Tiefgarage quellen Geländewagen, am Steuer meist Mütter, die ihre morgentrüben Augen hinter mächtigen Sonnenbrillen verstecken. Neben oder hinter ihnen hängen verschlafene Kinder in den Sitzen. Zugestöpselte Ohren schützen vor elterlichen Ermahnungen. Gegen das Trommelfell hämmern wuchtige Bässe. Bald beginnt die Schule.

Um die wenigen Parkplätze rund um den zweiteiligen Wohnblock ist es zu dieser Stunde rasch geschehen. In den unteren Etagen des einen Gebäudes befindet sich eine Gerichtsabteilung. Chaotisch geparkte Autos zeugen von der mobilen Individualität der Emiratis. Schon mehrfach konnte ich erst wegfahren, nachdem ich einen Wagenbesitzer angerufen und gebeten hatte, sein Gefährt zu verschieben. Die meisten dieser Wildparker deponieren ihre Handynummer hinter der Frontscheibe. Immerhin.

Für die einen ist es früh, für andere spät. Ich gehöre in diesem Fall zu den zweiten. Die Nacht habe ich mir im Cockpit um die Ohren geschlagen. Leichtsinnig unvorbereitet, ich gebe es zu. Meine Reserve begann am Vorabend um 18 Uhr. Den ganzen Tag hatte ich in der Eishalle zu Dubai verbracht und dabei unter anderem mitansehen müssen, wie die Abu Dhabi Scorpions von den Dubai Camels im Halbfinal eliminiert wurden. Auf der Rückfahrt schläft Tim neben mir ein. Über seinen linken Unterarm zieht sich eine lange, blutige Schramme. Die Folge einer heftigen Kollision mit der gegnerischen Torumrandung.

Nach dem Abendessen widme ich mich der elektronischen Post. Später, so denke ich, werde ich den Sohn an den Flughafen fahren. Meine Reserve endet um Mitternacht, ich hab sie eigentlich schon abgehakt.
Das Telefon klingelt um halb Neun: „Hi Dieter, it’s Marshall from Crew Control. Sorry but we need you for a Lahore flight.“ Ein Blick aus dem Fenster, dann auf die Uhr. “Wann muss ich denn am Flughafen sein?”
„In half an hour – but relax, no need to rush“. Dann erklärt mir Marshall, dass es sich um einen Line Check des Copiloten handelt. Der vorgesehene Kapitän musste auf dem Weg zur Arbeit wegen plötzlicher Übelkeit umkehren. Dafür gebe ich jetzt ein bisschen mehr Gas. Vierzig Minuten später, schiebe ich meinen Crewbag auf das Band der Röntgenmaschine. Im selben Moment klingelt erneut das Handy in meiner Jackentasche. Marshall will lediglich wissen, wie weit ich schon sei. „I’m basically here“, beruhige ich ihn. Wenig später öffne ich die Tür des Planungsraums.

Als wir bei unserem A340-600 eintreffen, ist es stickig heiss in der Kabine. Wir betreten das Flugzeug durch die hinterste Türe und kämpfen uns durch den endlos langen Rumpf in den Führerstand. Die zahlreichen Mechaniker verheissen wenig Gutes. Die APU, das Aggregat, welches am Boden Strom und Kühlluft liefert, ist ausgefallen. Ausserdem ist eine Komponente der für die Navigation und Bedienung der Autopiloten zuständigen Computer defekt. Das beeinträchtigt in diesem Fall speziell den Copiloten und ist besonders deshalb ärgerlich, weil er derjenige ist, der gecheckt wird. Murphy hat heute nicht nur mit seinen Toren Abu Dhabis Finalträume zerstört (der Stürmer heisst wirklich so!), er – der andere, imaginäre – gesellt sich auch, ganz unanständig und ungefragt, heute Nacht zu uns ins Cockpit.
Wir schaffen es trotzdem ohne nennenswerte Probleme in den Punjab und wieder zurück nach Abu Dhabi. Abgesehen davon, dass die elektrische Hilfsturbine in Lahore kurz vor dem Triebwerkstart überhitzt und uns für zehn Minuten mit einer verdutzten Gästeschar im Dunkeln stehen lässt.

Jetzt sitze ich im Wohnzimmer an der Delma-Street. Der Parkplatzsuche überdrüssig, habe ich Hossein, den besten, zuverlässigsten und hilfsbereitesten aller Wachmänner angerufen. Er hat mir die Nummer eines zur Zeit unbelegten Parkfeldes in der Tiefgarage verraten. Dort habe ich den Volvo abgestellt. Anschliessend habe ich mir in der neu eröffneten syrischen Bäckerei im Hinterhof zwei Manakeesh Jubnah geholt. Ähnlich wie eine Pizza; runder Teigboden, mit Käse belegt, Sesamkörner darüber gestreut und wenige Minuten im oder auf dem Ofen gebacken. Dann gefaltet und heiss gegessen. Die perfekte Art, nach einer durchwachten Nacht den neuen Tag zu starten!

Heute Nacht fliege ich übrigens nach Mailand. Wenn nicht Manakeesh, dann halt Cappuccino...