Wednesday, December 29, 2010

Der Teufel frisst fliegen, der Pilot lässt sich fliegen

Das Jahresende naht. Und alle warten auf den Bonus. Oder zumindest auf eine Info. Die Email-Accounts von Etihad-Piloten werden zwar geflutet mit Bulletins, Meldungen, Ankündigungen und Ähnlichem, allein, zur Bonus-Frage mag sich unsere Geschäftsleitung nicht äussern. Auch eine Taktik, mit Sicherheit aber nicht “the world’s leading one”.

Selbstverständlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Angestellten zu beglücken. Es muss nicht immer schnöder Mammon sein. Und es bräuchte fürwahr nicht viel, um die Pferdchen im Stall bei Laune zu halten. Mir persönlich ist in diesen Tagen grosse Freude widerfahren, wenn auch vermutlich nicht von der Firma in eben dieser Art geplant.
In der Not des ausstehenden Bonus frisst der Teufel Fliegen – der Pilot lässt sich vornehm fliegen.

Mein Standby-Block zwischen Weihnachten und Silvester wird, wenig überraschend, bereits einige Tage im Voraus umgewandelt. Der Plan sieht vor, mit dem Taxi nach Dubai zu fahren, dann in einer Maschine der Emirates via Larnaca nach Malta zu fliegen. Nach 30-stündigem Aufenthalt auf der Insel – reif dazu bin ich seit geraumer Zeit – sollen der Copi und ich einen A340-500, dessen Innenleben von Lufthansa Technik auf den neuesten Stand gebracht wurde, nach Abu Dhabi überführen.
Liest sich gut, denke ich mir und freue mich, an jenen Ort zurückzukehren, wo ich im März 1981, als angehender Swissair-Copi, unter kundiger Aufsicht wohlwollender Fluglehrer meine ersten holperigen Landungen auf dem DC-9-32 durchführte.

Um 0330 Uhr treffe ich den Copi am Flughafen in Abu Dhabi. Eine halbe Stunde später besteigen wir das Taxi nach Dubai. Im Vorbeigehn treffen wir einen Kapitänskollegen, der ziemlich belämmert aus der Wäsche schaut. Was ihm passiert ist, soll in einem kommenden Blogeintrag ausführlicher geschildert werden. Eine verrückte Geschichte.
Geschlafen haben weder der Copi noch ich viel, doch schliesslich werden an diesem Tag keine Gewaltsleistungen von uns erwartet. Bescheiden quetschen wir uns in die hinterste Reihe der Economy-Class und lassen uns von der Konkurrenz über Saudi Arabien, Syrien, den Libanon und das Mittelmeer nach Malta schaukeln. Das Unterhaltungsangebot ist wenig erbaulich, die Tonqualität der Filme mangelhaft, und so drifte ich alsbald ins Land der Träume.

Alles klappt hervorragend. Nach der pünktlichen Landung erwartet uns in der Ankunftshalle eine freundliche Dame. Sie fährt den Copi und mich ins Intercontinental Hotel am St. Julian’s Bay. Für das Check-in werden wir an die Reception in der International Lounge in die 15te Etage geleitet. Auch hier eine freundliche Dame, die uns mit ausnehmend herzlichem Lächeln Willkommen heisst. Eine weitere Mitarbeiterin offeriert Espresso und Orangensaft.
Zur Sicherheit, man weiss ja nie, will ich bei den verantwortlichen Lufthansa-Leuten zuerst einmal den Stand der Dinge verifizieren und unsere Bereitschaft zur Übernahme der A6-EHF anmelden. Bereits nach wenigen Klingeltönen meldet sich eine weibliche Stimme. Ich erkläre den Grund meines Anrufs, doch die Frau kann mir nicht weiterhelfen. Sie notiert meine Handynummer und verspricht, die Angelegenheit an die verantwortlichen Stellen weiterzuleiten. Nach zehn Minuten scheppert mein Mobiltelefon die erst kürzlich gespeicherte Tatort-Titelmelodie. Zeichen meiner treuen Verbundenheit mit der deutschen Krimikultur!
Der Mann am anderen Ende der Leitung wirkt befremdet. Er räuspert sich, hüstelt, und erklärt mir dann, dass die Arbeiten an unserer Maschine noch nicht abgeschlossen seien. Aha – wie lange es denn noch dauern würde, will ich wissen. Und die Antwort kommt postwendend: “Bis am 5. Januar”. Das wäre dann in acht Tagen, im nächsten Jahr…

Die Ankündigung der Verzögerung überrascht mich weniger als die Dimension derselben. Mein erster Eindruck des Hotels fällt zwar erfreulich aus, die Damen lächeln unentwegt und das Wetter erweist sich mit Sonne und 15 Grad als ganz passabel. Hingegen muss ich gestehen, dass mich die Vorstellung, den Jahreswechsel mit dem Copi und einigen unbekannten Maltesern - bestenfalls Malteserinnen - zu zelebrieren, nicht gerade aus den Socken haut. Umgehend wähle ich die Handynummer des A340 Chefpiloten. Ich erreiche ihn in einem Hotelzimmer in London. Das Gespräch fällt kurz aber herzlich aus. Er empfiehlt uns fürs (erste?) Abendessen eines der hervorragenden Seafood-Lokale und verspricht überdies, sich der Sache umgehend anzunehmen. Und bereits nach wenigen Minuten melden sich die Kollegen vom Crew Control in Abu Dhabi und verkünden frohe Botschaft: Wir würden am kommenden Tag wieder mit Emirates zurückfliegen. Die Tickets wären gebucht. Die Uniform bleibt im Koffer. Im weiteren entschuldigt sich der Kollege für die Umstände. Keine Ursache – ich nehme dies als grosszügiges Geschenk der Firmenleitung: Schliesslich wird nicht jedem Mitarbeiter zum Jahreswechsel eine Nacht im Fünfsternhotel in Malta offeriert. Flug und Frühstück in der Lounge inklusive.

Zwar keine planerische Meisterleistung aber zweifellos ein Bonus der besonderen Art!


















Thursday, December 23, 2010

Fröhliche Weihnachten

Der Mercedes ist verkauft. Seit wenigen Tagen steht ein Volvo vor unserem Haus an der Delma Street. Nicht weiss, sondern grau. Mit der Möglichkeit, bei Bedarf das Dach herunterzukurbeln, eigentlich mehr herunterzufahren. Automatisch, auf Knopfdruck. Das Auto kommt im nächsten Jahr mit in den Container. Ab dem Juli werde ich damit über Schweizer Strassen cruisen. Den Dachöffnungsmechanismus wirds freuen. Ihm wird mit Sicherheit etwas mehr Ruhe gegönnt sein in Zentraleuropa...

A propos: In diesen Tagen muss ich den Wagen den Mechanikern im Stadtteil Musaffah abtreten. Service, Reifenwechsel (nein, keine Winterreifen!!!), Einbau eines Navi-Geräts.
Zum Glück gibts Taxis. Ein Verkehrsmittel, auf das die Mitglieder unserer Familie ohnehin öfters zurückgreifen. Allein schon, weil in den Emiraten die Null-Promille-Regel gilt. Bislang haben Franziska und ich uns strikt daran gehalten. Im Gegensatz zu vielen Freunden und Bekannten. Die Polizei führt zwar keine Kontrollen durch, wer aber in einen Unfall verwickelt wird und getrunken hat, muss mit Ärger rechnen.
Überdies gehören Abu Dhabi-Taxis wahrscheinlich (noch) zu den günstigsten auf dieser Welt. Doch was die Fahrgäste freut, ärgert die Taxifahrer. Lashanta ist einer von ihnen. Seit er unsere Freunde Michele und Mario seinerzeit an den Flughafen von Dubai gefahren hat, haben Franziska und ich seine Nummer auf unseren Handys gespeichert. Wir schätzen seine Freundlichkeit und seine Zuverlässigkeit. Auf die Dienste eines Vertrauensfahrers zählen zu können, ist nicht unbedingt nur Luxus.

Gestern hat mich Lashanta ins Büro gefahren. Wie am Vorabend vereinbart, wartet er um viertel nach Sieben vor dem Haus. Er plappert munter drauflos. In Anbetracht der Tageszeit für mich beinahe etwas zu munter. Er ereifert sich über die verschärften Arbeitsbedingungen. Im November kam es während zwei Tagen zu heftigen Prostesten der Fahrer. Ein verzweifelter wie hoffnungsloser Versuch, sich gegen die reduzierten Provisionssätze zu wehren.
Ich will es etwas genauer wissen und erkundige mich nach konkreten Zahlen. Lashanta rechnet vor: Wenn er seine Vorgabe von 10’000 Dirham pro Monat umsetzt, nach heutigem Kurs rund 2600 Schweizer Franken, hat er bislang 2700 Dirham in die eigene Tasche erhalten. Dafür arbeitet er mindestens 15 Stunden täglich. Den ganzen Monat, ohne einen Freitag notabene! Das entspricht 700 Franken. Tritt der neue Vertrag in Kraft, so reduziert sich sein persönlicher Lohn auf 1900 Dirham. Es bleiben ihm also lediglich noch 490 Franken. Das ist zwar wesentlich mehr, als er in seiner Heimat Sri Lanka verdienen könnte, entspricht aber einem Salärabbau von beinahe 30 Prozent!
Zusätzlich ärgert sich Lashanta über die Tatsache, dass ihn die verantwortliche Agentur in Colombo seinerzeit mit einem Monatsgehalt von über 4000 Dirham gelockt hat. “I was cheated by my own people!”, entrüstet er sich. Und als möchte er seinen Worten eine zusätzliche Protestnote verleihen, krempelt er die Hemdsärmel nach hinten und entledigt sich seiner Dienstkrawatte.

Ich bin zwischenzeitlich etwas beunruhigt und frage mich, inwiefern Lashantas Ärger seine Fahrtüchtigkeit beinträchtigt. Schliesslich stecken wir im Morgenverkehr und die Ausfallstrasse zum Etihad Headquarter verfügt über vier Spuren.
“And you know…” fährt er fort, “…there will be many more coming from my country.”
Tja, die Stadt sucht Taxifahrer. Und ungeachtet Lashantas Verwünschungen werden auch in Zukunft Männer aus Sri Lanka, Pakistan, Bangladesh und den Philippinen nach Abu Dhabi strömen und nach kurzer Zeit in silberfarbenen Wagen Fahrgäste zwischen Malls, Hotels, Banken und privaten Adressen herumchauffieren. Nicht selten werden sie dabei bei der Routenwahl auf die Hilfe ihrer Passagiere im Fonds angewiesen sein. Erstaunen darf das nicht. Man möge den Fahrern die Unzulänglichkeiten verzeihen.

Das System definiert die Grenzen. Das hat sich in den vergangenen Tagen übrigens auch auf zahlreichen Flughäfen Europas gezeigt. Das Machbare fällt dem Spardruck zum Opfer. Die Angestellten kompensieren mit einer beispielhaften, und vom Management in ebensolcher Gesinnung adäquat honorierten Can do-Haltung, und irgendwann läuft alles weiter wie zuvor. Flugzeuge starten und landen auf parallelen Pisten in atemberaubenden Frequenzen. Und das Taxi findet sein Ziel auch mit Umwegen. Vielleicht kommt das dem Fahrer gar nicht ungelegen. Wir mögen es ihm gönnen.

Fröhliche (weisse) Weihnachten!

Friday, December 17, 2010

ESC

Das Kürzel könnte aus dem Hause Airbus stammen und für eines der schwer durchschaubaren technischen Flugzeugsysteme stehen. Tut es allerdings nicht. Geprägt von einer, momentan in der Schweiz unter dem Namen Jeder Rappen zählt, äusserst erfolgreich laufenden TV- und Radio-Sammelaktion steht ESC schlicht für Every Second counts.

Sogar in Abu Dhabi läuft der Fernseher den ganzen Tag; SF2 sendet ununterbrochen aus der Glasbox am Berner Bundesplatz. Aus dem politischen Zentrum Helvetiens, wo sich Volkes Seele bei frostigem Wind und Schneetreiben bereits zu früher Morgenstund' die Hirnwindungen tieffrieren lässt, um letztlich am Schalter eine Münze oder gar eine Note ins Kässeli zu legen.

Auch wir sind heute früh aufgestanden. Später zwar, als geplant, aber nur, weil Franziskas Handy den Weckdienst verweigert hat (Weshalb bleibt letztlich ungeklärt...). Die Damen wollen für einige Tage nach Genf fliegen. Freunde und Familie zum vorweihnachtlichen Guetzli-Klatsch treffen. Und wegen der Winterstimmung. Und überhaupt. Ferien gibts für mich keine über die Festtage. Wir feiern heuer in Abu Dhabi. Alle werden sie deshalb am 22. zurückfliegen: Franziska, Linda, Nina und Tim.

Wie wir also, leicht gehetzt und mit morgendlicher Übellaune, heute früh am Flughafen vorfahren, erwartet uns die nächste Überraschung: Menschen, die sich in langen Schlangen in der Abflughalle vor den Check-In Schaltern aufreihen. Das heisst, sie sollten sich eigentlich reihen; In Tat und Wahrheit erinnert die Schar an die jährliche Wanderung der Gnu-Herden von der Serengeti in die Masai Mara Kenias. Und ich bin beinahe sicher, sprängen die Vordersten in die Fluten des Grumeti-Flusses, die anderen würden mit Koffer und Handgepäck auf der Stelle folgen.
Franziska und Nina, die mit gebuchten Jahrestickets reisen, haben bereits gestern elektronisch eingecheckt, müssen allerdings ihr Gepäck an einem der überlaufenden Schalter deponieren. Linda stellt sich in die Schlange vor dem Staff Check-In. Sie hat ihr Annual Leave Ticket bereits letzten Monat für die Reise nach Vancouver gebucht und versuchts mit einem Zehnprozent-Ticket. Eigentlich hoffnungslos. Die Maschine ist ausgebucht. Sicherheitshalber informiere ich den diensttuenden Captain via SMS. Er ist wahrscheinlich im (Planungs-)Stress. In seiner Heimat Sri Lanka fällt der Schnee nicht in denselben Mengen wie in diesen Tagen in der Schweiz.
Franziska und Nina kommen kaum vorwärts. Dabei müssen sie noch mindestens sieben Slalomschlaufen bewältigen bis zur Schalterreihe. Die Ungeduld wächst, der Flug geht in etwas mehr als einer Stunde. In diesem Moment wird die erste Verspätung auf den Anzeigetafeln signalisiert. Dreissig Minuten Gnadenfrist. Die Menschen wirken gestresst, Personal ist kaum auszumachen. Chaos total. Eine mutige holländische Passagierin baut sich zwischen zwei Schaltern auf und versucht, Ordnung ins Getümmel zu bringen. Alle drängeln nach vorn, wechseln die Spur, beziehungsweise die Schlange, wie die Autos auf emiratischen Autobahnen. Ein Araber ist sich mit einer Engländerin in die Haare geraten. Ihre engagierte Morgendiskussion verkürzt den Reisenden die Wartezeit.
Franziska und Nina sind ausgeschert und haben sich vor dem Schalter für Oversize-Baggage postiert. Doch der Beamte, der eben noch da war, hat Reissaus genommen. Ich wende mich an einen jungen Emirati im Dishdash, der sich um Ordnung bemüht. Er zögert, doch als ich mich als Etihad Captain ausweise, blitzen seine Augen. Jetzt geht die Post ab. Sofort weist er einen Uniformierten an, meinen Angehörigen helfen. Dann senkt er seine Stimme und wechselt das Thema. Er hätte einen GPA von 3.54 und wäre auf der Warteliste für die Pilotenschule... Wieviel ich denn nun wirklich verdienen würde: „45‘000“, erwidere ich etwas verblüfft. „Dollar...?!“ fragt er zurück. Nein, es wären Dirham, gebe ich ihm zu verstehen, und das Auto müsse er selber bezahlen, und überhaupt müsste ich mich jetzt um die andere Tochter am Staff-Schalter kümmern. Dann tauche ich unter in den Massen und winde mich Richtung Linda. Sie ist als nächste dran, doch der Kollege am Schalter macht wenig Hoffnung. Sie wird auf die Liste für einen „Jumpseat“ gesetzt. Warten, warten, warten. Natürlich ist sie nicht die einzige. Die Zeit läuft. Franziska und Nina gesellen sich zu uns, bevor sie sich zur Passkontrolle aufmachen. Nach weiteren 20 Minuten kommt das Aus: Der Captain würde keine Crew-Sitze vergeben. Wir sollten es doch am Abend noch einmal versuchen.

Ich will die enttäuschte Tochter mindestens mit einer heissen Schokolade trösten, als wenig später, wir haben uns bereits Richtung Starbucks aufgemacht, mein Handy klingelt. Der Captain ists: wo denn nun meine Tochter wäre...
Aha – hab ichs mir doch gedacht. Das war eine krasse Fehlinformation. Linda im Schlepptau, hetze ich wieder ans Check-In, passiere elegant die artig Wartenden und erkläre dem Beamten die neue Ausgangslage. Es dauert noch einmal fünf Minuten, bis er uns eine Bordkarte aushändigt. Unter sein Kinn hat er sich den Telefonhörer geklemmt. Ich vermute, aus taktischen Gründen, denn er sagt kein einziges Wort. Ich an seiner Stelle, hätte auch das Schild mit dem grossmundigen Hinweis, dass Etihad Airways heuer bereits zum zweiten Mal zur World's Leading Airline gekürt wurde, irgendwo hinter der Abdeckung versteckt.
Dafür erhält Linda jetzt gar einen Sitz in der Economy zugeteilt. Das soll einer noch verstehen. Wieder ab in die andere Richtung. Mein Handy klingelt, erneut der Captain. Er will wissen, wer denn diesen Unsinn über gesperrte Crewsitze verbreite. Selbstverständlich würde er nicht ohne meine Tochter fliegen. Echte Kollegenhilfe – ein bisschen Egoismus darf – oder muss? – sein. Jeder und jede ist sich selbst der oder die Nächste. Wir habens heute Morgen erlebt.

Ferienbeginn. Die Schlacht in der Abflughalle – ESCEvery Second counts!

Thursday, December 09, 2010

Advent in Abu Dhabi

Das Bild ist in seiner Qualität mangelhaft. Doch es wurde spontan geschossen. Mit meines Bruders Handy. Mobiltelefone verfügen heutzutage über Chips, Prozessoren und das Potential einer Top Digitalkamera der späten Neunzigerjahre. Daneben kann man mit ihnen auch telefonieren.
Mein Bruder – er weilt gerade in Abu Dhabi in den Ferien – pflegt auf unseren abendlichen Ausflügen seinen Fotoapparat zuhause zu lassen. Dafür liegt sein Handy stets griffbereit auf dem Tisch.

Heute Abend, in der weitläufigen Anlage des Hotels Shangri-La, einem meiner Lieblingsplätze, zwischen Souk und Luxushotel, bei Aussentemperaturen von 24 Grad, die Sheikh Zayed Grand Mosque stets im Blick, hat er wieder zugeschlagen: Das arabische Paar im Vordergrund ist eng zusammengerückt. Sie zeigt ihm ständig Kinderfotos auf ihrem iPhone. Dazwischen pafft er genüsslich an seiner Shisha, vermutlich Grape-Aroma. Wir mutmassen, dass es sich um seine zweite Gattin handeln muss. Vielleicht auch die dritte. Er hat wohl die gemeinsamen Kinder schon lange nicht mehr gesehen. Möglicherweise hat sich das Paar über längere Zeit nicht mehr ausgetauscht. Es gibt viel zu berichten. Vielleicht gerade deswegen strahlen die beiden Innigkeit aus.

Vielleicht liegen wir aber völlig falsch.

Es ist Dezember, und wir sitzen um 22 Uhr kurzärmelig im Freien. Betrachten einen Mann in seiner weissen Kandoora und eine Frau in ihrer Abaya, so schwarz wie die Nacht.

Advent in Abu Dhabi....


Saturday, December 04, 2010

"Über sieben Brücken musst du gehn...

... sieben dunkle Jahre überstehn“. So lautet der Titel eines Songs, mit dem zuerst die DDR-Band Karat, später der deutsche Rocker Peter Maffay ein erkleckliches Sümmchen eingespielt haben.

In Abu Dhabi sind wir mit den Brücken noch nicht ganz soweit. Doch es geht vorwärts. Am 25. November wurde die Sheik Zayed Bridge eröffnet! Gestaunt haben alle ein bisschen, geriet der Bau doch über lange Zeit arg ins Stocken und nahm letztlich insgesamt acht Jahre in Anspruch.
Die Daten der von der irakischen Architektin Zaha Hadid entworfenen Bogenbrücke sind deswegen nicht weniger eindrücklich: Über eine Länge von insgesamt 842 Metern verbinden zwei je vierspurigen Fahrbahnen die Inselstadt Abu Dhabi mit dem Festland. Kennzeichnend für das Werk sind steil ansteigende und abfallende S-Bögen über der eigentlichen Brücke, die den Verlauf der Sanddünen symbolisieren sollen.

Die Eröffnung war ursprünglich bereits auf 2006 geplant, doch finanzielle Querelen zwischen der Regierung als Auftraggeber und den Baufirmen behinderten die Arbeiten. Die Kosten beliefen sich nach diesen Projektverzögerungen auf insgesamt 270 Millionen US-Dollar. Neben der Maqta- und der Mussafah-Brigde bringt die neu eröffnete Konstruktion wertvolle Kapazitäten, speziell für Fahrten von der Stadt Abu Dhabi nach Dubai. Die zeitliche Einsparung dürfte bis gegen eine Viertelstunde betragen.
Das Gebilde ist imposant, besonders in der Nacht. Die grosszügig geschwungenen Bögen werden mit starken Schweinwerfern angestrahlt, die der Brückenkonstruktion dank ständig wechselnder Farbkombinationen einen bunten Schleier überziehen.

Durch die neue Verbindung ist die Fahrt von unserer Wohnung zum Etihad-Hauptsitz – und damit ins Flight Safety-Büro – wesentlich einfacher und kürzer geworden. Für den Weg zum Flughafen benutzen wir nach wie vor die Maqta-Bridge, die nur wenige Meter neben der neu eröffneten Sheik Zayed Brücke liegt.

Mit jedem Jahr, mit jedem neu erstellten Bauwerk rückt Abu Dhabi ein Stück näher an die Nachbar-Metropole Dubai. Der Bevölkerung vermittelt die Hauptstadt zunehmendes Grossstadt-Feeling. An der Corniche schiessen Wolkenkratzer wie Pilze aus dem Sand. Neben dem Hotel Emirates Palace thronen die mächtigen Etihad-Türme, die ihrer Fertigstellung stetig näher rücken. Allen Unkenrufen zum Trotz dreht sich das Rad unweigerlich weiter. Und es bestehen keine Zweifel, dass die Qatar zugesprochene Fussball-WM 2022 der gesamten Region mittelfristig weiteren Aufwind garantieren wird.














Thursday, December 02, 2010

5 out of 39

Heute, am 2. Dezember, feiern die Emarat al arabya al mutahada (Vereinigte Arabische Emirate) ihren Jahrestag. Es ist der 39ste. Während ich in unserer Stube diese Zeilen schreibe, verpufft an der Corniche ein gewaltiges Feuerwerk tausende von Dirham am Himmel von Abu Dhabi. Das Knallen der Raketen und Petarden dringt durch den Verkehr der Stadt bis in unsere Wohnung. Das grosszügige Wohnzimmerfenster erlaubt uns den Blick auf die letzten zehn Meter der Feuerwerkskörper vor ihrer Kulmination. Just, bevor sie sich mit Funken und Lichterschweif wieder in die Tiefe stürzen.

Für uns ist dies der letzte Jahrestag im Wüstenland. Nach langem Ringen, nach endlosem Hinauszögern, nach immer wieder aufflammenden Diskussionen haben Franziska und ich uns entschlossen, im Juli des kommenden Jahres wieder in die Schweiz zurückzukehren. Angesichts der aktuellen Wetterverhältnisse in Europa eine Dummheit. Wir waren heute mit meinem in den Ferien weilenden Bruder Üse auf dem Boot. Haben vor einer Sandbank den Anker gesetzt und bei sanftem Wellengang Salami, Käse und Brot geteilt. Das Wasser schien uns mit 24 Grad zu kalt. Derweilen Väterchen Frost Europa und die Schweiz fest im Griff hat.
Einzig Üse hat sich letztlich zu einem kühnen Sprung ins Arabische Meer überwunden. Linda, Nina und mir wars zu kalt. Es muss wohl das Touristen-Virus gewesen sein, das meinen Bruder zu solchem Tun animiert hat (Mindestens einmal in diesen Ferien will ich im Meer gebadet haben...„). Wir verstehen ihn gut. So, wie die meisten Freunde und die Familie unseren Rückkehrentscheid nachvollziehen können.
Fünf Jahre werden wir bei unserer Abreise in den Emiraten verbracht haben. 5 out of 39! Das entspricht rund zehn Prozent der noch jungen Landesgeschichte, berechtigt aber weder zu einer Green-Card noch zu einem gratis Macchiato im Starbucks der Marina Mall.

Damit haben wir unsere Feuerwerksrakete zum Jahresende verschossen. Nicht gar so knallig und farbenprächtig wie die Dinger an der Corniche. Dafür mit einem Schuss Emotion, der sich lange am emiratisch-nächtlichen Himmel halten wird.


Tuesday, November 23, 2010

48 Charts

Es kommt vor, dass Piloten sich mit erschreckend banalen Dingen beschäftigen. Besonders auf Nachtflügen. Sie zählen beispielsweise Airport-Charts; jene Karten, die Rollwege und Standplätze illustrieren und anhand derer An- und Abflugverfahren sowie sämtliche Anflüge geflogen werden. Unentbehrliche Dokumente also, um die aviatische Mission erfolgreich und fehlerfrei durchführen zu können.

Manchmal übertreiben es die Flughafenbehörden einfach ein bisschen. Auf dem Flug nach Delhi und zurück stolpern der Copi und ich bereits im NOTAM (Notice to Airmen) bei der Planung über satte acht Seiten mit Angaben zu Delhi. Diese Zusammenstellung wichtiger Angaben zu Flugrouten und Infrastruktur der Flughäfen gehört zum Pflichtstudium bei der Flugvorbereitung. Die manchmal etwas kurrlig formulierten Informationen lesen sich weder so flüssig wie Donna Leon, noch sind sie intellektuell ergiebig wie Frisch und Dürrenmatt (damit mir keiner staatsbürgerliche Ignoranz vorwerfe...). Doch Pflicht ist eben Pflicht. Das lehren wir den Kindern bereits im Stillalter, den Junghunden im Welpenkurs und den Copiloten in der Streckeneinführung. Der erste Offizier und ich halten uns an die Vorgabe, auch wenn wir mit jeder gelesenen Seite die Übersicht ein bisschen mehr verlieren.

Zahlreiche Rollwege sind wegen Bauarbeiten geschlossen. Während des Fluges versuchen wir diese Angaben auf die Flughafenkarten zu übertragen. Wir überprüfen geänderte Frequenzen von Navigationshilfen und verifizieren Kursangaben, die für An- und Abflugverfahren verwendet werden.
Beim Durchblättern der entsprechenden Seiten, es sind ausnehmend viele, beginne ich zu zählen. Mich trifft fast der Schlag: Während durchschnittliche Flughäfen ihre Angaben auf vielleicht 20 Karten publizieren, verteilen die indischen Behörden diese Daten auf nicht weniger als satte 48 Airport-Charts! Doppelseitig beschriftet, versteht sich. Da läppert sich eine stattliche Lektüre zusammen. Dagegen nehmen sich die 34 Karten von London Heathrow direkt bescheiden aus, und New York JFK figuriert mit läppischen 24 Seiten quasi unter „ferner liefen“. Einzig die Frankfurter vermögen die Inder mit 58 Blättern zu übertrumpfen. Nicht dass wir jede Zeile studieren müssten, die Krux liegt eher darin, herauszufinden wo sich die wichtigen Infos verbergen.

Zweieinhalb Stunden bleiben uns dafür, dann leiten wir den Sinkflug ein. Inzwischen hat sich ein sanfter Nebelschleier über die Hauptstadt Indiens gelegt. Für unsere Landung allerdings kein Problem.

Im Verlauf der folgenden Bodenzeit stelle ich jedoch mit Besorgnis fest, wie sich die Schwaden im Scheinwerferlicht des Flugfeldes zunehmend verdichten. Als wir die Freigabe für den Triebwerkstart erbitten müssen wir hören, dass im Moment sämtliche Maschinen Startverbot erhalten. Die Sicht pendelt mittlerweile zwischen 150 und 200 Meter. Mir schwant Übles. Alsdann beginnen die Diskussionen am Funk: Niemand scheint genau zu wissen, welche Sichtweiten für einen Start erforderlich sind. Nach einer Weile fragt der Controller jede Maschine nach dem individuellen Startminimum. Wer 150 Meter akzeptiert, kann die Triebwerke starten. Wer mehr braucht, bleibt vorerst hängen. Wir stossen unseren Airbus zurück, reihen uns ein in der Schlange der Wartenden. Die Rollverhältnisse erweisen sich als anspruchsvoll. Vor uns wälzt sich träge eine B777 der Air India Richtung Pistenanfang. Nach wenigen Minuten erhalten die Piloten die Startfreigabe. Die beiden Triebwerke heulen auf, die Räder beginnen zu drehen, dann wird die Maschine vom Nebel verschluckt. Nach fünf Minuten ist die Reihe an uns. Ich schiebe die vier Gashebel nach vorne. Erleichtert darüber, dass wir nicht in dieser unberechenbaren Suppe stecken bleiben, der wir in dieser Nacht auch mit 48 Flughafenkarten nicht mehr entkommen wären.

Saturday, November 13, 2010

Von Wünschen und Optionen

Wenn ich es mir richtig überlege, gibt es kaum ein Hotel auf unserem Streckennetz, das nicht über eine Drehtüre betreten wird. Mit Flügeln aus Glas, die uns mit vornehmem Schwung in die Lobby oder auf die Strasse spülen. Begleitet vom Zischen des Windes, der sich, vermischt mit dem Lärm der Strasse, bei jeder Drehung neugierig und auch ein bisschen unverschämt in den Hoteleingang zwängt.

Wenn ich an einem kalten Wintermorgen, in der Regel mit verschlafenem Blick, ins Freie trete, wird das Säuseln von einem kalten Luftzug begleitet, der mir endgültig die letzte Bettwärme aus den Gliedern scheucht.
Doch heute ist es ungewöhnlich warm. Der kühle Morgengruss bleibt aus. Und dies will so gar nicht zum Bild der gelbrot verfärbten Blätter und der Lichterketten an den Bäumen passen. Die Frisuren der Damen zeugen von einem kräftigen Wind, der durch die Strassen von Chicago bläst. Wir schreiben den 11. November, und ich bin lediglich mit Hemd und einer dünnen Jacke bekleidet. Frieren muss ich trotzdem nicht, gestern Nachmittag hangelte sich das Quecksilber auf die für diese Jahreszeit rekordverdächtige Marke von 20 Grad.

Der Einkaufsbummel an der Michigan Avenue wird zum Frühlingsspaziergang. Dabei schwirren mir tausend Gedanken durch den Kopf. Linda sitzt in diesem Moment im Flugzeug und kommt mir mit jeder Minute ein bisschen näher. Sie fliegt nach Vancouver. Allein. Umsteigen in Toronto. Diese Reise hat sie sich zum 18. Geburtstag gewünscht, der in einem knappen Monat ansteht.
Ihr Freund Nemo studiert an der University of British Columbia (UBC). Nach beinahe drei Monaten Trennung, findet unsere Tochter, sei es höchste Zeit für ein Wiedersehen. Ausserdem, so fügt sie an, wäre es eh ihr Wunsch, später am gleichen Institut zu studieren. Was diesem einwöchigen Sprung über den Ozean und den nordamerikanischen Kontinent beinahe schon Pflichtcharakter verleiht und den Eltern einige Knoten Wind aus den (Argumentations-)Segeln nimmt.
Die Kinder werden eben älter. Und was im Kindergarten oder der Primarschule mit einer Duplo-Schachtel und einer zusätzlichen Kerze auf dem Geburtstagskuchen abgetan war, ruft heute nach einem stattlichen Obolus.
A propos – abrupt aus meinen Gedanken gerissen, finde ich mich unvermittelt im Erdgeschoss des Apple Store an der Magnificent Mile wieder. Tims Laptop ist in die Jahre gekommen. Auch der Sohn feiert im kommenden Monat Geburtstag. Weihnachten folgt auf dem Fuss, das bietet Spielraum für Geschenkoptionen aller Art, die er in diesem Fall gerne nutzt.

Derweilen liegt unsere Rückkehr in die Schweiz nach wie vor im Nebel. Allerdings beginnen sich die Schwaden langsam zu lüften. Unsere Entscheidung naht mit dem Jahresende. Schluss mit der ewigen Tändelei. Die Uhr tickt.
Trotz widersprüchlicher Listen mit Pro’s und Contra’s: Am Ende werden es wohl eh unsere Bäuche sein, die den Ausschlag geben.
Auf jeden Fall habe ich unseren kleinen Zweitwagen dieser Tage zum Verkauf ausgeschrieben, um Raum für fahrzeugspezifische Veränderungen zu schaffen. Wer sein Vehikel mindestens sechs Monate im Ausland gefahren hat, dem wird bei einem allfälligen Import die Warenumsatzsteuer erlassen. Ein durchaus lohnenswerter Gedanke: Die lokale Währung hat über die vergangenen fünf Jahre kontinuierlich an Wert verloren. Ausserdem sind Autos wesentlich billiger als in der Schweiz. Somit wäre die Einfuhr eines in den Emiraten gekauften Wagens ein doppelter Gewinn. Theoretisch zumindest. Grund genug, sämtliche Optionen offen zu halten. Genauso wie in der Fliegerei!




































Tuesday, November 09, 2010

Die Rennfahrer kommen

Vor zwei Stunden beim Nachtessen im Hotel Shangri-La; spontanes Foto mit Lewis Hamilton.

Die Rennfahrer kommen...

Monday, November 08, 2010

Systembefriedigung

Nach zwei Tagen im Simulator bin ich frustriert. Nicht alles gelingt beim halbjährlichen Training und Check wie gewünscht. Das Gefühl ist bekannt. Wild flatternde Schmetterlinge in der Bauchgegend fragen vorwurfsvoll: „Warum habt ihr nur nicht...?“. Doch im Nachgang sind wir immer klüger und täten uns mit manchen technischen Problemen, Anflügen und Checklisten wesentlich leichter.
Zwei Tage in der Folterkiste erweitern unseren Horizont in jeder Beziehung: fachlich und menschlich. Hie und da stolpert man über einen Ausbildner, der uns frustrierte Stossgebete zum künstlichen Himmel schicken lässt. Vielleicht liegts auch an meinem Alter, dass mir das Auftreten gewisser Instruktoren zunehmend zu schaffen macht. Wer meint, er wisse alles besser, macht anderen das Leben gehörig schwer. Wer das Gefühl hat, seine Ansichten seien die allein selig machenden, wird schon beinahe unerträglich. Wenn dann solche Personen mit unbekümmertem Selbstverständnis die gängigen Verfahren spontan mit eigenem Ideengut aufmischen, verkommt eine Trainingseinheit rasch einmal zum turbulenten Laienschauspiel, um nicht zu sagen, zum Affentheater; mal mit tragischem, mal mit komischem Charakter.

Der Copi und ich finden uns auf Anhieb. Mein englischer Kollege erweist sich als äusserst erfahrener Flieger. Vormaliger Pilot der Royal Air Force. Fluglehrer auf der F4 Phantom und dem Tornado. Drei Jahre Instruktionseinsatz bei der Deutschen Luftwaffe. Waffeneinsatzspezialist. Squadron Leader. Sein Einstieg in die Linienfliegerei erfolgte spät und brachte ihn über Thomas Cook Airlines und Virgin Atlantic vor einem Jahr in den Mittleren Osten. 47 Lenze auf dem Buckel, grau meliertes Haar. Fliegerisch stark, ein toller Cockpitkollege, der jederzeit mitdenkt, aktiv unterstützt, lückenlos kommuniziert und mich als Kapitän auch in komplexen Situationen nicht im Stich lässt.
Selbstverständlich unterlaufen uns während der beiden Tage im Simulator immer wieder kleine und grössere Missgeschicke. Formel1-Fahrer schaffen auch keine 30 fehlerfeien Runden in einem Stück. Doch letztlich gelingt es uns jedesmal, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das Team spielt und trägt in fast jeder Situation.

Das Schulungsumfeld erlebe ich hier anders als in der Schweiz. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Instruktoren sind eklatant. Ebenso ihr Selbstverständnis, ihr Auftreten, ihre Strategien. Bei Simulatorchecks werden sämtliche durchgeführten Elemente bewertet. In der Regel setzt der Checkpilot ein „S“ ins entsprechende Feld. „S“ für Satisfactory. Standard, Durchschnitt. Ja nicht zu gut, lieber etwas schlechter. Differenziert wird kaum. Abgerundet wird die Quali mit der simplen Bemerkung „Check completed to satisfactory standards. Minor items debriefed.“ Was immer das heissen mag. Hoffentlich auch wurden wir debrieft. Und hoffentlich handelte es sich nur um Minor Items.

Ich habe schon aussagekräftigere Qualifikationen erhalten. Mein Copi mit Sicherheit auch. Doch was solls. Das System ist befriedigt, der Check bestanden, die Lizenz für weitere sechs Monate verlängert.

Thursday, November 04, 2010

Nachtflug

Der Blick aus dem Fenster gibt nicht viel frei. Das helle Licht im Cockpit beraubt mich der Möglichkeit, Mond, Sterne oder Planeten auszumachen.
Ich sitze unbequem, die Schuhbändel meiner schwarzen Uniform-Einheitsschuhe habe ich gelöst. Beim Versuch, meine Beine auszustrecken stosse ich mit den Füssen gegen die Pedale fürs Seitenruder. Ich fahre den Sitz einige Zentimeter zurück, strecke mich erneut. Der Copi starrt teilnahmslos ans Instrumentenbrett, bevor er einen Schluck aus seiner Teetasse nimmt. Schliesslich schnappt er sich den Flugplan und kontrolliert unseren Brennstoffverbrauch.

Ich greife nach der grossen Wasserflasche in der Ablage neben meinem Sitz und überwinde mich zu drei, vier langen Schlücken. Zwei Liter alle vier Stunden ist die Vorgabe, damit die Nieren ausreichend durchgespült werden. Die Luft ist trocken, das Wasser ist mir trotzdem verleidet. Doch Kaffee habe ich bereits zu viel getrunken: Zuhause vor der Abfahrt, am Flughafen, im Cockpit vor der Start.
Meine Augen wandern über die Bildschirme, ohne dabei Werte festzustellen, die beunruhigen würden. Hie und da durchbrechen monotone Stimmen am Funk die Stille der Nacht. Ihnen gemeinsam ist das Fliegerenglisch, dabei unterscheiden sie sich durch typische, von der Muttersprache geprägte Akzente.
Ich verschränke meine Hände hinter dem Kopf, drehe den Oberkörper zuerst nach rechts, dann nach links, gähne, reibe mir die brennenden Augen, blicke auf die Uhr.

Die Müdigkeit nagt. Wie ein Virus hat sie sich in meinen Gliedern festgekrallt. Dabei sind wir erst etwas mehr als zwei Stunden in der Luft. Weitere sechs stehen bis zur Landung in Dublin an. Der Start erfolgte um halb drei am Morgen. Zu einer Zeit, wo anständige Menschen tief schlafen. Es ist dunkel als wir abheben, es wird auch dunkel sein bei der Landung in Irland. Wieder ein Blick auf die Uhr.

Ich winde mich aus meinem Sitz. Wer viel trinkt, der muss mal. Alte Hasen empfehlen, den ersten Gang auf die Toilette möglichst lange hinauszuzögern. Wer einmal die Hosen runterlässt, kann sich nachher kaum mehr zurückhalten. Eine von vielen Fliegerregeln. Ähnlich wie die Empfehlung, bei Ultralangstrecken vor dem Schlafen eine Tasse Bouillon zu trinken und die Temperatur im Crewbunk auf mindestens 24 Grad zu regulieren. Warme Füsse helfen mit, die Blase nicht jede halbe Stunde entleeren zu müssen.

Zurück im Cockpit lösche ich das Licht und blicke aus dem Fenster. Der mit seinem Schwert bewaffnete Orion wacht schützend über unserem Flug. Ich verharre einige Sekunden unbeweglich, sauge die Dunkelheit in mich auf. Die Augenlider werden schwer. Einen Moment nur lasse ich dies zu, vernachlässige die Gegenwehr, dann kippt mein Kopf nach vorne. Erschrocken zucke ich zusammen. Instinktiv fährt mein Blick nach rechts. Der Copi scheint in guter Verfassung. Ich bin beruhigt. Die Zeiger der Uhr bewegen sich kaum.

Wie vor jedem Nachtflug habe ich die Kabinenbesatzung beim Briefing gebeten, regelmässig einen Blick ins Cockpit zu werfen. Mindestens alle 30 Minuten sollen sie nach uns sehen. Dann rutsche ich wieder unruhig auf meinem Sitz herum, strecke die Beine, die Arme, spanne Sehnen und Muskeln. Die Uhr wirkt wie ein Magnet.
Seit der ersten Zeile sind gerade mal neun Minuten vergangen. Noch sechseinhalb Stunden bis zur Landung.

Nachtflüge sind eine Qual.

Friday, October 29, 2010

Endspiel!

Seit zwei Tagen läuft in Abu Dhabi das High School Varsity MESAC Volleyball-Turnier (Middle East South Asia Conference). Es ist das krönende Ende der diesjährigen Saison. Sowohl für die Girls als auch für die Boys.
Die Mädchen-Mannschaft der ACS hat sich nach Siegen im Round Robin und im Halbfinal bereits vorzeitig für das Endspiel von morgen Samstag qualifiziert. Den Gegner machen die Teams von Dubai American Academy, American School Dubai und American School Doha unter sich aus.

Sämtliche Spiele werden live im Internet gezeigt. Nicht in Topqualität, aber für Freunde und Verwandte im Ausland eine spannende Variante, die Ereignisse mitzuverfolgen.

Spiel-Link http://www.ustream.tv/channel/mesac-varsity-volleyball-oct-2010--crt-2

Resultattafel-Link http://www.ustream.tv/channel/mesac-varsity-volleyball-2010--crt-1

Gespielt wird ab 0900 Uhr Abu Dhabi Zeit (0700 Uhr CH-Zeit). Das Endspiel der Mädchen findet um 0300 Uhr Abu Dhabi Zeit statt. Linda spielt mit der Nummer 11.

Let’s go Vipers!

Saturday, October 23, 2010

Der fast perfekte Arbeitsplatz

Die Rede ist nicht vom Airbus-Cockpit. Auch nicht von unserer Küche an der Delma Street. Nein – ich habe die heimlich erträumte und oft gewünschte, kreativ inspirierende Schreib-Ecke gefunden. Den fast perfekten Arbeitsplatz.

Dazu musste ich mich heute früh – zur Erinnerung, Freitag ist in Abu Dhabi Sonntag – um sieben Uhr aus dem frisch bezogenen Bett quälen. Nach lediglich viereinhalb Stunden Schlaf, mit einigen Einheiten Sekt, Bier und Ramazotti in den Adern. Eine kleine germanische Splittergruppe hatte am Vorabend die vorübergehende, vorwiegend ferienbedingte, Wüsten-Rückkehr (Achtung: nicht "wüste Rückkehr"...) der in die Heimat abgewanderten Lembachs gefeiert. Einmal mehr eine Ansammlung von Ärzten und Krankenschwestern mit zugewandten Orten. Dazwischen die medizinisch unbedarfte Schweizer Delegation, bestehend aus Franziska und mir. Nach Peter von Matts anregenden Äusserungen zum Dialektwahn und zur gefährlichen Abwertung des Hochdeutschen haben wir sämtliche Hemmungen abgelegt, plappern ungeniert drauflos, und lassen uns auch von vereinzelten Lachern, ausgelöst etwa durch Bemerkungen wie „...beim Cabriofahren windet es...“ nicht mehr erschüttern.
Seit wir wissen, dass uns die selbe Muttersprache vereint, und solange sich die Deutschen nicht einig sind, ob es im offenen Auto zieht oder bläst, lassen sich solche Ausrutscher wesentlich besser parieren.

Dann fahre ich heute Morgen also nach Dubai. Linda nimmt mit dem Varsity-Team an einem Volleyballturnier teil. Die Schulanlage der Universal American School wirkt grosszügig und fortschrittlich. Modern, mit einer tollen Sporthalle, deren Akkustik die Anfeuerungsrufe der mitgereisten Freunde und Eltern um ein Vielfaches verstärkt. Nach dem ersten Spiel der Mädchen will ich meinem malträtierten Gehör eine wohlverdiente Pause verschaffen. Auf der Suche nach einer stillen Schreibecke stosse ich auf eine neu erstellte Wohnsiedlung. Versteckt hinter einer der Strasse zugewandten Häuserzeile taucht eine malerische Poolanlage auf, an deren Rande ich einen Coffeeshop entdecke, der mich sogleich in seinen Bann zieht. Der Aussenbereich erinnert an ein im Kolonialstil erbautes Hotel. Weite runde Eingangsbogen, der massive Sockel cachiert hinter malerisch postierten Grünpflanzen. An der hochliegenden Decke rauschen leise flatternde Propeller und fächeln den Gästen lauwarme Luft um die Ohren.
Ich setze mich an einen der braunen Holztische und platziere mich so, dass der Blick über den Rand meines Laptops die Sicht auf den üppigen Palmengarten ermöglicht. Im danebenliegenden Pool planschen Kinder, auf den Liegen brutzeln Erwachsene unter der Sonne. Das weisse Baumwollhemd umtänzelt verspielt meinen Oberkörper, um die nackten Beine streicht ein laues Bodenlüftchen. Das Haupt ist unbedeckt, einen Strohhut habe ich noch immer nicht gekauft. Befürchtungen, er lasse mich älter erscheinen, ringen erbittert mit dem Wunsch nach anhaltender Jugendlichkeit.

Allein, dieser Platz ist traumhaft. Beinahe perfekt. Lediglich wenig Steigerungspotenzial scheint vorhanden: Der lauschige Garten in Collina d’Oro vielleicht, wo Hermann Hesses Geist inspiriert, oder die Wohnung mit Terrasse am Monte Bré, wo der Blick auf den Lago di Lugano des Schreiberlings Seele beflügelt.
Während ich auf die Tastatur meines Laptops hämmere und Kaffee trinke, rinnen mir erste Schweisstropfen den Rücken hinunter. Deckenventilatoren sind eben keine Klimaanlage. Seufzend gebe ich meinen Tisch frei und verziehe mich ins gekühlte Innere. Wenig später verlasse ich die Quelle meiner freitäglichen Inspiration. Das nächste Spiel der Mädchen wartet.

Daumendrücken, sich die Kehle wundschreien. Mit der Idylle ist es vorbei.


Sunday, October 17, 2010

Besuch

Der Homo Sapiens ist ein soziales Wesen. Ein Rudeltier, ähnlich wie der Wolf, auch wenn er seine Gemütslage nicht jederzeit und für alle Welt ersichtlich mit der Haltung seiner Rute kundtut. Menschen verwirklichen sich unter anderem in sozialen Beziehungen; Dazu gehören Kontakte mit Verwandten und Freunden. Wechselnd in Intensität und Dauer, unterschiedlich auch in Motivation und Engagement.
Zu einem Leben als Expat gehört unweigerlich der Umgang mit dem Thema Gäste und Besuch. Ich habe es bis anhin, aus Rücksicht auf liebe Verwandte und teure Freunde, tunlichst vermieden, das äusserst heikle Thema in diesem Blog aufzunehmen. Liess die ersten vier Jahre die Launen der Natur walten und wehrte mich nicht, wenn der Wind die Spuren im Sand zerzauste. In der fürsorglichen Absicht, keine schlafenden (Wüsten)Hunde zu wecken.

Jetzt aber scheint der Moment gekommen, vielleicht das zweitletzte Wüstenspuren-Tabu zu brechen. Mit gutem Grund: Das Pièce de Résistance der Gästebeherrbergung ist geknackt. Wir haben in unserem urbanen Vogelkäfig (in dem ich mich mittlerweile pudelwohl fühle...) Rekordarbeit geleistet, und auf für uns engstem Raum, die für uns grösste Zahl von Besuchern einquartiert. Asiatische Grossstadt-Verhältnisse an der Delma Street.

Vor zwei Wochen sind Franziskas Bruder Daniel mit seiner Frau Gitte und den vier Teenie-Töchtern Larissa, Melina, Rilana und Rebecca bei uns eingetroffen. Sogar unser grosszügig dimensionierter Toyota Prado vermag die stattliche Truppe nicht zu schlucken, als Franziska am frühen Morgen, mit verschlafenem Blick, den Besuch am Flughafen in Empfang nimmt.
Zuhause angekommen, richten wir uns ein, so gut es geht. Zehn Seelen verteilt auf drei Doppelbetten und zwei Ausziehsofas. Ein TV-Gerät, vier Laptops sowie eine unübersichtliche Anzahl Handys garantieren bei Aufenthalten in der Wohnung unununterbrochene Unterhaltung und störungsfreie Kommunikation mit dem Rest der Welt. Waschmaschine und Tumbler, Geschirrspüler und Espressomaschine stehen im Dauerbetrieb. Der Lärmpegel steigt und hält sich während einer Woche auf wackerem Niveau. Dann fliegen Larissa und Melina wieder in die Schweiz. Nicht weil es ihnen zu eng oder zu laut wird, sondern ganz einfach weil die Arbeit ruft.

Seit wir nach Abu Dhabi gezogen sind, besuchen uns regelmässig Freunde und Verwandte. Dass dies geschehen würde, war von Anfang an klar. Wenn es zu Diskussionen über anstehende Besuche aus der Heimat kommt, können Expats regelrecht ins Wetteifern geraten. Nicht nur, dass sie mit der Anzahl ihrer Gäste prahlen, vielmehr verlieren sie sich immer wieder in der Schilderung abenteuerlichster Wüstentouren. Auch überbieten sie sich unentwegt in der Lokalisierung neuer Schnäppchen-Shops und Einkaufs-Mekkas. Ein geschickt eingeflochtener Seufzer oder das qualvolle Verdrehen der Augen sollen signalisieren, dass manchmal alles ein bisschen viel wird.

Seien wir ehrlich: Wer Gäste in den eigenen vier Wänden einquartiert, lässt die Hosen mindestens bis zu den Knien runter. Offenbart Einblick ins sonst sorgsam abgeschirmte Privatleben. Teilt den Zank über nicht entsorgten Abfall oder die Diskussionen über unerledigte Schularbeiten nicht nur mit Frau und Kindern, sondern gleichzeitig mit vielen der Besucher. Der Kampf um verlängerte Ausgehzeiten und herumliegende Kleider verkommt zur Arena im Kleinformat. Statt Hundertausenden von Fernsehzuschauern sind es nur zwei, drei, vielleicht vier Gäste. Dafür sind sie hautnah dabei, und bekunden ihr Interesse nicht selten duch aktive Teilnahme an der belebten Runde. Mitten drin die Protagonisten: Die Mutter als Moderatorin, die Kinder als stimmgewaltige Wortführerinnen (der sonst schon laute Geräuschpegel legt nochmals um einige Dezibel zu...) – und der Vater, wie meist, als Advocatus Diaboli.
Wer Besucher einquartiert muss auch akzeptieren, dass andere bereits langgestreckt auf der Couch lümmeln, wenn Mann oder Frau selber lümmeln wollen. Dass die TV-Fernbedienung fest von Gästehand umklammert ist, wenn auf SF2 gerade die Sportschau anläuft. Oder dass sich die Halbwertszeit des in der hintersten Ecke des Kühlschranks gelagerten Lieblingskäses drastisch reduziert, und der suchende Griff am Abend ins Leere tastet.
Ein nicht zu unterschätzendes Kapitel ist der Versuch, die Tagesabläufe zu synchronisieren. Schule und Arbeit treiben die Gastgeber früh aus den Federn, während die Besucher oftmals erst ab Mitternacht so richtig auf Touren kommen. Die Kinder sollten sich um ihre Hausaufgaben kümmern, die Mutter um die schleppende Weiterbildung und der Vater um den ungestörten Geldfluss aufs Lohnkonto. Damit verbunden sind Nachtflüge und spontane Powernaps zu jeder beliebigen Tagesstunde. Meist dann, wenn die Besucher laut diskutierend ihre Siebensachen für den Strandausflug zusammensuchen.
Immer mehr kommt es vor, dass uns die Gäste gar eine Nasenlänge voraus sind: Für eine Fahrt mit der Dubai-Metro oder den Besuch auf dem Burj Khalifa hat es bei uns einfach noch nicht gereicht.

Mit der Familie von Franziskas Bruder lief es erstaunlich gut. Das lag nicht zuletzt am selbstlosen Engagement der Gäste. Nach dem Nachtessen strahlte die Küche jeweils blitzblank, noch ehe sich Franziska oder ich mich vom Tisch erhoben hatten. Kühlschrank und Weingestell wurden zünftig geleert aber grosszügig nachgefüllt, so dass mich bei ihrer Abreise beinahe das schlechte Gewissen plagte.
A propos schlechtes Gewissen: Wer sich ob dem Geschriebenen betroffen fühlt, dem kann an dieser Stelle leider nicht geholfen werden. Wer die obigen Zeilen mit einem Schmunzeln pariert, kennt mich wohl bereits zu gut. Auch in diesem Fall wird Abhilfe schwierig.

In aller Regel bleibt es kaum bei einem Besuch im Jahr. Sinkende Temperaturen verheissen vermehrt Gäste. Daniel und seine Familie sind mittlerweile wieder abgereist. Nun ist uns eine Woche Erholungspause gegönnt, dann werden Franziskas Eltern in Genf ins Flugzeug steigen. Anschliessend folgen liebe Freunde aus dem Zürcher Unterland, und nach einer weiteren Rekonvaleszenzphase rüsten wir uns auf den Besuch meines Bruders.
Wenn er uns schliesslich verlassen wird, ist bereits Mitte Dezember, und Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest, an dem wir uns endlich ungestört mit Familie und Freunden treffen können...














Saturday, October 09, 2010

Wer lacht, lebt!

"Die Blackberry-Dienste sind jetzt in Einklang mit den Rahmenbedingungen für Telekommunikation in den UAE", teilte die Telekommunikationsbehörde der Emirate gestern mit. Heute prangt die Schlagzeile auf den Titelblättern der meisten lokalen Zeitungen.
Jetzt gehts also doch! Ich frage mich, wer wohl mit dieser wunderbar eingefädelten Zusatschlaufe am meisten Geld verdient hat: der Kommunikationsbeinahe-Monopolist Etisalat, die Blackberry Hersteller Research in Motion (RIM) oder der Staat? Möglicherweise gar alle drei. Was solls. Die Tochter und deren Freund in Vancouver freuts, den Vater und dessen Frau in Abu Dhabi ärgerts. Bei einer Zeitverschiebung von elf Stunden dürfte der Grund verständlich sein: kommuniziert wird meist spät in der Nacht oder früh am Morgen. Alles andere verkommt dann zur Nebensache.
Vielleicht sollte ich mich einfach weniger ärgern. Denn heute morgen habe ich in der Gulf News gelesen, dass die Briten mit zunehmendem Alter ihren sprichwörtlichen Humor verlieren. Wie ist das wohl bei uns Schweizern? Erst recht bei denen, die in den Emiraten leben und deren Kinder in Longdistance-relationships engagiert sind...?

Für andere tuts auch die heutige Sportberichterstattung. Wer Hitzfeld und seinen Jünglingen die Daumen gedrückt hat, dürfte 24 Stunden nach der Misere mit mangelnder Blutzirkulation kämpfen. Ich befürchte, dass Niederlagen dieser Art die abnehmende, besorgnisserregende Humorlosigkeit unnötigerweise beschleunigen. Mindestens im fussballerischen Bereich haben die Briten allerdings weniger zu befürchten.

Kinder lachen 300 Mal täglich, Teenager lediglich noch sechs Mal. Zwischen 20 und 30 reduziert sich diese Zahl – zumindest statistisch gesehen – weiter auf vier Lachanfälle. Der Negativtrend ändert sich vorübergehend mit der Geburt eigener Kinder. 30-jährige Eltern bringen es auf fünf Lacher, wovon die Hälfte durch den Nachwuchs generiert wird. Mit 50 aber, so erklärt die entsprechende Kolumne, lachen wir nur noch drei Mal und beginnen langsam aber sicher, unseren Humor zu verlieren.
Im weiteren lese ich, dass über 50-jährige im Jahr durchschnittlich 2.9 Beschwerdebriefe schreiben. Nach 60 hauen wir bereits 3.5 mal in die Tasten, während sich die Jungen in den Zwanzigern lediglich 1.8 Mal in zwölf Monaten schriftlich beschweren.

Diese Trends sind beängstigend! Dem muss Einhalt geboten werden. Dringend! Doch wie? Der durchschnittliche Engländer kann gerade noch mal zwei Witze erzählen. Mit dieser knittrigen Rate wird es uns kaum gelingen, die Lachaktivität entscheidend zu steigern. Gefragt sind innovative Ansätze, welche Freude und die Lust am Leben in den Vordergrund stellen. Ich denke da an grosszügige Lohnerhöhungen bei zusätzlichen Freitagen, mehr Sonnentage pro Jahr (gilt nicht unbedingt für meinen derzeitigen Wohnsitz), spontane Steuerreduktionen, Senkung der Krankenkassenprämien, mehr Mitsprache der Angestellten bei Führungsentscheidungen, die Reduktion der Schweizer Armee auf 20 Mann, die Abschaffung des Terminus Konkordanz oder eine Trainerrochade zwischen Sean Simpson und Ottmar Hitzfeld.

„Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“, sagte Charlie Chaplin. Und er sollte es ja wissen. Er wurde übrigens 88 Jahre alt.

Sunday, September 26, 2010

Kälteschock und Sandsturm

Während sich der eine den A*** abfriert , treibt der Oktober-Einsatz einigen meiner Kollegen den Schweiss auf die Stirn.
Grund dafür ist die Einführung eines neuen Planungssystems, so genannt Bidding-System. Neben automatisierten und erleichterten Abläufen im Planungsbereich bieten solche Bidding-Systeme den Besatzungsmitgliedern vermehrte und flexible Einflussmöglichkeiten bei der Gestaltung der monatlichen Arbeitspläne.
Theoretisch zumindest. In der Praxis laufen die Dinge ähnlich vielfältig, wie der Duden die deutsche Übersetzung des Verbs to bid variiert. Die Bedeutung pendelt zwischen bieten, befehlen, bitten, einladen, mitsteigern und... reizen! Hier öffnen sich endlose Weiten zur Spekulation. Vielleicht haben Flugbesatzungen den Terminus über Jahre hinweg falsch interpretiert. Vielleicht besteht der Hintergrund eines Bidding-Systems vielmehr darin, individuelle Crew-Wünsche vollständig auszuschliessen und Einsätze militärisch strikt zu befehlen. Höchst interessant scheint mir in diesem Zusammenhang die Übersetzung reizen. Wer hier wen reizt, bleibt allerdings offen.

Nun, unser Etihad Bidding System feiert mit der Kreation der gestern veröffentlichten Oktober-Einsätze Premiere. Da werden bei mir doch gleich Erinnerungen an die Einführung eines ähnlichen Systems bei der Swissair selig wach. Das war vor rund zehn Jahren, ebenfalls begleitet von netten Überraschungen für alle Beteiligten.
Hier zumindest haben die neuen Einsatzpläne einen kleinen Sandsturm der Entrüstung ausgelöst. Das online-Pilotenforum läuft zu absoluter Hochform auf, meine Inbox bimmelt im Zehnminutentakt, ich komme kaum nach mit Lesen.

Wer vier Freitage eingegeben hat, erhält zwei, dafür nicht dann, wann gewünscht. Während einige Kurzstreckenkollegen vier Mal im Ausland übernachten, schlafen andere jede Nacht im eigenen Bett (was nicht immer nur auf eitel Freude stösst). Kollegen, die ihren runden Geburtstag feiern (und frei gewünscht haben) werden just an diesem Tag losgeschickt, andere wiederum fliegen drei Mal hintereinander das exakt gleiche Pattern, in der Regel nicht auf der von ihnen bevorzugten Route.
Meine Wenigkeit kann sich da direkt glücklich schätzen. Zwar ist von meinem gewünschten langen Mailand-Nightstop weit und breit nichts zu sehen, dafür hat mir der Computer in meinen beiden Flugwochen (neben dem üblichen Bürodienst) lediglich zwei Nordatlantikflüge zugesprochen. Mit satten fünf Freitagen dazwischen, was letztlich auch nicht zu verachten ist und überdies den SWISS-Kollegen das Wasser in die übermüdeten Augen treibt.

Fortschritt hin oder her; bei der Analyse dieses Einsatz-Chrüsimüsis sind Mann und Frau geneigt, die guten alten Zeiten zurückzuwünschen. Jene Epoche, als wir – die Arme voller Weinflaschen und Zigarettenpackungen, die Jackentasche prall gefüllt mit Schöggeli – regelmässig der lieben Planerin oder dem netten Planer einen Freundschaftsbesuch abstatteten. Heute sind sämtliche korruptiven Mittel wirkungslos; ein sanftes Streicheln der Maus hilft ebensowenig wie ein subtil-drohendes Zuklappen des Laptopdeckels.

Vielleicht Satanismus oder Okkultismus. Oder wie hat doch die neue Miss Schweiz gestern auf die Frage nach dem Glauben geantwortet: „Man muss nur an sich selbst glauben, dann kommt alles gut...“

Auf dass es ein erfolgreiches Missen-Jahr werde!

Monday, September 13, 2010

Palast der Fata Morgana

Die Shisha blubbert sanft und zufrieden. Ich lehne mich entspannt in das mit weichen Kissen gepolsterte Sofa und reiche Tim den Schlauch, an dessen Ende das Plastikmundstück steckt. Er nimmt einen tiefen Zug und lässt den Rauch in kleinen Wolken entweichen. An der Poolbar schaukeln, von der nächtlichen Brise getragen, einige Laternen. Hinter uns lösen sich drei Araberinnen aus der Dunkelheit. Kichernd rauschen sie an uns vorbei, bevor sich ihre wallenden Abayas alsbald wieder im Schwarz der Nacht verlieren. Es ist kurz vor 23 Uhr, noch immer drückt uns die Hitze einige Schweissperlen auf die Stirn.

Vor fünf Stunden erst wurden wir Zeugen eines Sonnenuntergangs, wie ihn das lebendigste Bilderbuch nicht klebriger dokumentieren könnte. Der Kitsch triefte förmlich von den Steinwänden des Hotels Qasr al Sarab. Die orangefarbene Sonnenkugel tauchte träge und schwerfällig, müde von ihrer Tagestour, in die Weite der aufgeheizten Rub al Khali-Wüste. Ihre Farbe änderte im Minutentakt. Das zarte Abendrot am Horizont mischte sich mit dem schwächer werdenden, durchsichtigen Himmelsblau und mit dem sanften Braun der Wüste. Nach wenigen Minuten hatten die Sandmengen die Sonne vollends verschlungen.

Das im November 2009 eröffnete Qasr al Sarab schmiegt sich malerisch an die mächtigen Dünen des Leeren Viertels. So lautet die deutsche Bezeichnung für die Rub al Khali-Wüste, ihres Zeichens die grösste Sandwüste der Welt, die sich über das südliche Drittel der arabischen Halbinsel bis hinunter in den Jemen erstreckt. Die verlassene Gegend drängt sich nicht unbedingt für den Bau einer solchen Luxusanlage auf. Umso einzigartiger scheint die Tatsache, dass die Gäste von einer Infrastruktur profitieren, der es an Nichts mangelt. Das Hotel Qasr al Sarab, zu Deutsch Palast der Fata Morgana, wird seinem Namen mehr als gerecht. Für die königliche Familie der Al Nayhans wurde ein abgesonderter Gebäudetrakt im gleichen Baustil errichtet. Wir dürfen annehmen, dass deren Zimmer noch eine Spur grösser und luxuriöser dimensioniert wurden.

Mit Vasco da Gama, der 1498 (!) das Kap der Guten Hoffnung umsegelte, kamen die Portugiesen in die Gegend der heutigen Emirate und des Oman. Der Baustil des Qasr al Sarab erinnert an die von ihnen erbauten Forts. Türme und langgezogene Mauern aus hellbraunem Sandstein vermitteln den Eindruck von Sicherheit und Geborgenheit. In Anlehnung an die in Oasen oft verwendeten Falaj-Bewässerungssysteme windet sich ein Netz von Wasserkanälen durch die Anlage. Zwischen den einzelnen Trakten wandeln die Gäste durch ebenfalls in Sandtönen gehaltene lange Gänge, die mit arabischen Bildern und überdimensionierten Vasen dekoriert sind. Sämtliche Zimmer sind nach Westen ausgerichtet, um den Besuchern Abend für Abend den Blick auf die untergehende Sonne zu ermöglichen.

Wir verbringen drei Nächte in diesem Paradies aus 1001 Nacht. Der Ramadan ist soeben zu Ende gegangen, die Muslime zelebrieren Eid al Fitr. Wir wollen noch einmal mit der ganzen Familie einige gemeinsame Stunden in der Wüste verbringen. Tim hat im Verlauf der vergangenen Woche seine letzten Koffer und Taschen gepackt. Am kommenden Mittwoch werde ich mit ihm in die Schweiz fliegen, um die letzten Details vor dem Beginn seines neuen Lebensabschnitts zu regeln. Die Familienstrukturen beginnen zu bröckeln. Der Auszug der Gladiatoren hat begonnen.

Das Qasr al Sarab ist über diese islamischen Feiertage gut belegt. Allerdings sind es in erster Linie Expatfamilien aus Dubai und Abu Dhabi, die sich im Wüstenresort einquartieren. Dazwischen sichten wir nur wenige Emiratis. Der orientalische Zauber zwingt uns dennoch in seinen Bann. Allen voran bin ich es, den die Stimmung zwischen hochstämmigen Palmen, Mauern, Türmen und Dünen in eine morgenländische Trance versetzt. Ich taumle zwischen Tagtraum und Faszination.
Beim Nachtessen, zwischen Hoummus und Umm-Ali, äussere ich die Vermutung, dass ich möglicherweise ein Beduinensohn der mindestens zehnten Generation bin. Die Familie antwortet mit Kopfschütteln und Schmunzeln. Die Zweifel meines Sohnes und meiner Töchter mögen ja berechtigt sein. Zu mehr als einer Ehefrau habe ich es schliesslich nicht gebracht. Und das ist nicht nur für einen Piloten unserer Zeit, sondern auch für einen Araber reichlich kümmerlich.






























































































































































































Etihad's first female captain takes to the skies!

Untenstehend der Originalartikel publiziert im "The National" vom 9. September

Sophie Blanchard, Etihad Airways´ first female captain sits at the controls before her flight to London yesterday.

ABU DHABI // Etihad Airways celebrated yesterday as the company’s first female captain took to the skies.

Sophie Blanchard, 33, from Lyon, France, took off in her Airbus A330-300 with 225 passengers and crew from Abu Dhabi International Airport at 1.30pm at the controls of Flight EY17, bound for London’s Heathrow. She landed at 6.04pm local time.

Achieving her uniform’s fourth stripe was the conclusion of 15 years of training and hard work for the married mother of two.

She joined Etihad in 2007 as a First Officer, after initially flying for Etihad Crystal Cargo while working for Air Atlanta.

“It is a great privilege to become Etihad’s first female captain and be the first woman to take full command of a commercial flight,” she said before the seven-and-a-half-hour trip. “The company has been very supportive in my aim to become a captain and I look forward to my first flight to London.”

Ms Blanchard started her aviation training when she was 17, after finishing high school. She travelled to Florida in the United States to train for her commercial licence before moving back to Europe to take up her first job.

“I started on DC8 cargo planes registered in Liberia, based in Belgium. That African freighter operation lasted for two years, and I travelled all around Africa and the rest of the world, for humanitarian and other cargo shipments.”

Etihad currently has 10 female pilots within its ranks and four female cadet pilots.

“We congratulate Sophie on becoming Etihad’s first female captain,” said Capt Richard Hill, Etihad Airways’ chief operations officer. “It’s a great achievement and well deserved as she has shown tremendous dedication to achieve the rank of captain.

“She has the right number of flying hours, right qualifications and training. So much of the job relies on having good people skills; being able to make clear and accurate decisions. Communication skills are paramount.

“We have a number of other female pilots who are completing their training. I would expect the next female captain to be ready in the next couple of months. There has been an increase in the number of female pilots who want to get into the industry,” he said.

He said Ms Blanchard’s example would further encourage women to become pilots.

Ms Blanchard’s success echoes that of another Sophie Blanchard, who rose to fame as the first female professional balloonist. Her namesake became an aviation pioneer, together with her husband, Jean-Pierre, at the end of the 18th century and beginning of the 19th century, and even entertained Napoleon Bonaparte, who named her “Aeronaut of the Official Festivals”.

Wednesday, September 08, 2010

Feuer und Rauch

Täglich krachen Autos auf unseren Strassen ineinander. Wir lesen von diesen Unfällen und nehmen sie zur Kenntnis wie Börsenkurse und Sportresultate. Weniger Auto fahren tun wir deswegen nicht.
Flugunfälle werden in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen als Strassenunfälle, was wohl in erster Linie an der Zahl der zu beklagenden Opfer liegt. Wenn ein Flugzeug, im Besonderen ein Verkehrsflugzeug, crasht, drapieren Presseagenturen entsprechende Meldungen mit einer reisserischen Katastrophen-Schleife. In der Regel zieren dergestaltige Titel die Frontseiten vieler Tageszeitungen. Wer will es ihnen, den um Leserquoten kämpfenden Journalen, verübeln.
Selbstverständlich verfolgen Piloten die Berichterstattungen um Abstürze mit aufmerksamem Interesse. Je nachdem, welche Airline, welcher Flugzeugtyp oder welche Region betroffen sind.
Vergangene Woche ist eine UPS Boeing 747-400 in Dubai vom Himmel gefallen. Eine knappe Autostunde von Abu Dhabi entfernt. Offenbar ging die Maschine unmittelbar neben einer Wohnsiedlung nieder, in der zahlreiche Emirates-Piloten hausen. Eine Cockpitbesatzung der Etihad hat den Funkverkehr der UPS-Besatzung live mitverfolgt. Auf dem Rückweg von Kuwait kommunizierten sie zur gleichen Zeit auf der entsprechenden Frequenz von Bahrain-Control. Unsere Flight Safety Abteilung ist im Besitz ihres Berichts. Aufzeichnungen eines Dramas, die unter die Haut gehen und unmittelbare Assoziationen an die vor zwölf Jahren in den Nordatlantik gestürzte Swissair 111 wecken.

Seit dem Absturz der UPS-Maschine zirkulieren in unserer Firma auch Informationen zu einem System, das angeblich auch bei intensiver Rauchentwicklung im Cockpit den Piloten ermöglicht, Instrumente und Anzeigen zu lesen und zu bedienen. EVAS steht für Emergency Vision Assurance System. Das vom FAA zugelassene System besteht aus einer aufblasbaren Sichthilfe, die auf mirakulöse Weise den Blick aufs Instrumentenpanel ermöglicht.

Hokuspokus oder Revolution?

Ich weiss es nicht, allein der kurze Informationsfilm weckt neben Fragen auch Hoffnungen. Denn noch immer sind Feuer und Rauch der Fliegerei gefährlichster Feind. Wer es nicht schafft, innert zehn bis fünfzehn Minuten zu landen, dem bleiben kaum Chancen. Doch für eine auch nur einigermassen erfolgreiche Landung benötigen die Piloten eine minimale Sicht auf die Instrumente. Wer nicht ans Panel sieht, weder Autopilot, Bordcomputer noch Funkgeräte bedienen kann, dem helfen wohl auch zehn Minuten nicht zum Überleben.

video

Thursday, August 26, 2010

Kondome

Sollten wir im kommenden Sommer, oder spätestens in einigen Jahren, unser Expat-Dasein aufgeben, so wird mir das abwechslungsreiche Pendeln zwischen der Schweiz und den Emiraten fehlen. Das mag jetzt ironisch klingen, ist aber ernst gemeint. Ich empfinde die spontanen Kurztrips auch nach vier Jahren immer wieder als spannend, auflockernd und bereichernd. Denn glücklicherweise kann ich mir die Flüge so einteilen, dass genügend freie Sitze vorhanden und die Wartezeiten bei Check-In und Security akzeptabel sind.
Die Entscheidungsfindung in der Causa Rückkehr allerdings verläuft schleppend. Dabei wird die Zeit langsam knapp. Bis im Februar wollen SWISS und Pilotenverband informiert sein. Franziska und ich haben uns eine eigene Deadline gesetzt: Am Jahresende müssen die Würfel gefallen sein.

Am vergangenen Wochenende bin ich für die Hochzeit meines Göttibuben Robin und seiner Braut Barbara nach Genf geflogen und mit Zug nach Winterthur gefahren. Die Trauung in der Stadkirche der Eulachstadt weckt Erinnerungen an meine Konfirmation vor 36 Jahren. Der gleiche Altar, die gleiche Kanzel, auf der Pfarrposition wurde allerdings ausgewechselt.
Gefeiert wird nach einem Apéro in der Villa Sträuli (es lebe Winterthur!) in der 1748 erbauten Trotte Iselisberg. Bei herrlichem Sommerwetter geniesst die bunte Gästeschaar nicht nur das ausgezeichnete Essen, sondern auch den ausschweifenden Blick über das Thurtal bis nach Frauenfeld. Es ist jenes Wochenende, wo sich die starken Schwinger gegenseitig an die Hosen gehen. Natürlich freut mich, dass ein Jungtalent aus dem Diemtigtal die begehrte Krone holt.

Franziska ist leider nicht mit dabei. Bei der Hochzeit, meine ich. Sie hat just in dieser Woche Prüfungen in Frankfurt für ihre Weiterbildung zur Buchhändlerin. Wir treffen uns am Sonntagabend vor dem Check-In des Rhein Main Flughafens für den gemeinsamen Rückflug nach Abu Dhabi. Nach kurzer Nacht, einem Besuch bei der Ex-Schwägerin und den Ackermanns in Neerach, habe ich einmal mehr die Dienste von SBB und DB beansprucht, und mich auf der Schiene nach Hessen verschoben. Die Mädchen geniessen während zwei Tagen ungewohnte Freiheiten, losgelöst von erzieherischer Besserwisserei. Allerdings auch ohne Rückhalt bei Küchendienst und Aufräumarbeiten.

In der neuen Wohnung stören noch immer überzählige Kleinmöbel und Bilder, bei denen wir über die weitere Verwendung unsicher oder uns nicht einig sind. Behutsam tasten wir uns weiter vor an eine, wie uns scheint, gefällige Lösung. Bereits sind die neuen Vorhänge ausgesucht, zugeschnitten und montiert. Jeden Tag schreiten die Räumungs-, Entsorgung- und Einrichtungssarbeiten voran. Es kommt gut. Meine anfängliche Skepsis weicht langsam einer stillen Freude.

Derweilen rückt die endgültige Abreise von vertrauten Menschen unwiderruflich näher: Peter besucht uns zu einem bescheidenen Abschiedsbrunch. Die Familie hat in Würzburg bereits die neue Wohnung bezogen. Er wohnt mehr schlecht als recht im leer geräumten Haus und ist in seinen letzten Abu Dhabi-Tagen mit allerlei administrativem Krimskrams beschäftigt. Der in die Jahre gekommene treue Familienhund Manu muss vor dem Abflug von seinen Altersbeschwerden erlöst werden. Eine strapaziöse Flugreise nach Deutschland wäre ihm nicht mehr zuzumuten. Am Samstag fährt Peter mit dem Hund zur deutschen Tierärztin in Khalifa. Sie kennt sowohl die Lembachs als auch Manu und zeigt Verständnis und Einfühlungsvermögen.

Jetzt sitzt er, Peter, in unserer Stube und geniesst noch einmal den Blick über die Dächer von Abu Dhabi. Bereits am ersten September wird er seine neue Stelle in der Missionsärztlichen Klinik Würzburg antreten. Anästhesisten haben es einfacher als Piloten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Auch Lindas Freund Nemo ist am Kofferpacken. Anfangs September wird er sein Studium an der UBC, der University of British Columbia in Vancouver beginnen. Liegt nicht gerade am Weg, die Stadt an der Westküste Kanadas. Seine Abreise steht in wenigen Tagen an. Während ich bei milder, spätsommerlicher Witterung meinen ersten Nightstop in Dublin zu einem kurzen Stadtbummel nutze, bleibe ich nach dem üblichen Kaffee Latte – schliesslich bin ich wieder einmal die Nacht durchgeflogen – vor dem Schaufenster eines Trödelladens, dessen Eingang im satten Grün der irischen Freiheitskämpfer bemalt ist, hängen.






























Brooks & Co.
vereinigt ein Sammelsurium an Objekten aus früheren Jahren: Fotos, Plakate, Truhen, Hüte, Krüge, Bücher, Vasen, Puppen, Modellautos und sonstige Krämereien. Ein Paradies für Sammelfreaks und Schnäppchenjäger. Aus der hintersten Ecke des Ladens meldet sich mit brüchiger Stimme der Inhaber. Ich schätze ihn auf mindestens 80 Jahre. Er kann sich nur mit der Hilfe zweier Holzstöcke bewegen. Wenn er nicht spricht, röchelt er, man verzeihe mir den Ausdruck, wie ein alter Hund. Er erklärt mir, dass er dieses Geschäft seit 1977 betreibt. Er scheint über die Jahre mit dem Inventar zu einer symbiotischen Einheit verschmolzen zu sein. Ich erstehe zwei Metallschilder mit Aufdruck. Das eine werde ich an Lindas Zimmertür nageln. Am Tag von Nemos Abreise. Rein prophylaktisch. Es könnte ja sein, dass dereinst Männerbesuch ansteht. Auf dem Schild steht geschrieben:







Ich will mir später nichts vorzuwerfen haben.

Thursday, August 19, 2010

Ali Khans Shoe Shop

Der kleine Schuhmacherladen liegt versteckt in einer Hinterhofstrasse im Zentrum von Abu Dhabi. Ich entdecke ihn zufällig, auf der Suche nach einem Werkzeugladen, wo ich Nägel kaufen will. Das passt, denn meine vor wenigen Wochen erstandenen Mokassin zeigen bereits Verschleisserscheinungen. Lose Nähte und Knoten, die sich mit jedem Schritt weiter öffnen.
Gestern Abend dann will ich mein Schuhwerk reparieren lassen. Franziska weilt in Deutschland, die Mädchen und ich sind auf dem Weg zum Nachtessen im T.G.I. Friday’s. Nicht unbedingt traditionell arabisch, aber gut und praktisch. Der Umweg zu Ali Khans Shoe Shop ist unwesentlich, doch der Zeitpunkt ist ungünstig gewählt; die Sonne ist eben erst am Horizont untergetaucht. Im Ramadan wirken Strassen und Geschäfte um diese Zeit wie ausgestorben. Iftar: Die muslimische Gemeinschaft bricht ihr tägliches Fasten.

Kurz vor 2300 Uhr parke ich wieder vor Alis Laden. Diesmal brennt Licht, die Tür steht offen. In den Wandgestellen stehen säuberlich aufgereiht Schuhmodelle aus braunem und schwarzem Leder. Am Boden erblicke ich eine kleine, bescheiden bestückte Arbeitsecke. Schnürsenkel in unterschiedlicher Länge, diverse Fäden, Haken, Schere sowie eine Lochzange. Die übrigen Utensilien sind mir unbekannt. Möglicherweise haben Zahnärzte vor 100 Jahren mit ähnlichem Werkzeug hantiert.
Erst jetzt entdecke ich den jungen Pakistani, der in der Ecke am Boden kauert und an seinem Handy herumfingert. Anfänglich beachtet er mich kaum. Er knurrt ein „Salam Aleikum“ und beschäftigt sich weiter mit dem Mobiltelefon. Ich warte geduldig bis er aufblickt. Es ist drückend heiss in Ali Khans Schuhladen. Keine Klimaanlage, nicht einmal ein Ventilator. Lange halte ich es hier drinnen nicht aus.

Ich zeige dem in grünes Gewand gehüllten Handwerker meine Schuhe. Er versteht mich kaum, erkennt aber mein Anliegen.
„Sit!“. Mit einer flüchtigen Kopfbewegung zeigt er in die Ecke, wo ein kleiner wackeliger Holzstuhl steht. Ich beobachte Ali, wenn er es denn ist, bei seiner Arbeit. Er bleibt im Schneidersitz, seine nackten Fusssohlen gegeneinander gerichtet, und greift sich eine Spule mit weissem Schuhfaden. Dann legt er los. Sämtliche Schwachstellen meiner in der modernen Marina Mall erstandenen Mokassin werden neu verknotet. Mit einem Feuerzeug schweisst er jeweils die Enden des Fadens ab. Die kleine Flamme löscht er mit dem Finger, ohne dabei seine Miene zu verziehen. Obwohl ich lediglich zuschaue, steht mir der Schweiss auf der Stirn. Es ist brutal heiss im kleinen Laden. Die Türe steht zwar offen, doch in Abu Dhabi bleiben die Temperaturen im August auch Nachts über 30° Grad. Ich spüre, wie mir der Saft aus allen Poren schiesst. An der Wand hängen braune Ledergürtel, von denen mir einer sehr gut gefällt. Doch jede Bewegung ist zuviel. So lasse ich es bleiben. Ali arbeitet ruhig und bedächtig. Nach wenigen Minuten hat er sein Werk verrichtet. Er zupft an den Schuhen, überprüft kritisch das Resultat seiner Reparatur.
„Finished“ sagt er und reicht mir die blauen Latschen. Ich bin zufrieden, frage nach dem Preis. Ali brummt etwas Unverständliches. Ich frage noch einmal. "Fifteen“. So richtig gesprächig will er nicht werden. Ich klaube eine Zwanzigernote aus dem Portemmonnaie und strecke sie ihm hin: „Ramadan Kareem“. Jetzt huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. „Muslim?“ blickt er mich fragend an.
„La, la, mafi Muslim. Ana men Swisri.“ Nein, nein – ein Muslim bin ich nicht. Ich komme aus dem Land, wo der Bau von Minaretten verboten ist. Wo es dafür Käse, Milch und Schokolade im Überfluss gibt.
Der junge Schuhmacher nickt und erhebt die rechte Hand. Ich deute seine zaghafte Bewegung als wolle er sagen: „Schon gut, kein Problem. In meiner Heimat beschäftigen uns andere Sorgen“. Wie Recht er doch hat.

Ich verlasse Ali Khans Shoe Shop. Die enge Strasse ist verstopft mit chaotisch parkierten Autos. Auf dem Gehsteig unter den Bäumen diskutieren Pakistani in kleinen Gruppen. Ihre Mienen blicken finster. Es ist kurz vor Mitternacht.
Abu Dhabi boomt, aber nicht hinter jeder Hausecke.

Saturday, August 14, 2010

Wunschlos glücklich

Ich bin wunschlos glücklich!

Nicht etwa, weil wir vom Vorstadthaus in den Vogelkäfig gezogen sind. Obwohl sich die neue Wohnung letztlich als ganz flott erweist. Mein Seelenwohl gründet weder in einem Karrieresprung noch in der erhofften Eingebung in der Frage unseres Rückkehr-Entscheids. Keine neue Frau (die bestehende ist mir nach wie vor lieb und teuer), kein unerwarteter Lottogewinn. Viel einfacher - auf unserem Rückflug von Sydney durchqueren wir den Perseiden-Schauer. Es ist die perfekte Nacht, stille, heimliche, bescheidene, lang gehegte, spontane und unverschämte Wünsche an die Sternschnuppe zu bringen.

Wie jedes Jahr im August kreuzt die Erde auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne in diesen Tagen die Spur des Kometen Swift-Tuttle. Alle 133 Jahre kehrt dieser Komet ins innere Sonnensystem zurück, zuletzt im Jahr 1992. Auf seiner Kometenbahn lässt Swift-Tuttle eine Staubspur mit winzigen Kometenpartikeln in der Grösse von Sandkörnern zurück. Als die Erde in der Nacht unseres Rückflugs die alte Kometenbahn kreuzt, rast sie mit knapp 30 Kilometern pro Sekunde auf die kleinen Kometenstaubkörner, genannt Meteoroiden, zu. Diese kollidieren mit der Atmosphäre und treten mit einer Geschwindigkeit von etwa 60 Kilometern pro Sekunde in die oberen Luftschichten ein. Die vor den Staubteilchen liegende Luft wird so stark zusammengepresst, dass sie über 3000 Grad heiß wird und dadurch zu leuchten beginnt. Ähnlich wie in einer Neonröhre, in der Gasteilchen ionisiert werden und somit leuchten, beginnen in der Atmosphäre die Luftteilchen vor dem rasenden Staubkorn Licht auszustrahlen. Das Ergebnis sind Sternschnuppen.
Nach nur einer Sekunde in der Erdatmosphäre sind die Meteoroiden verglüht. Dennoch reichen die winzigen Staubteilchen aus, um eine gut sichtbare Sternschnuppe zu erzeugen. Die meisten Sternschnuppen werden für die Nacht vom 12. auf den 13. August angekündigt, denn dann kommt die Erde der Staubspur von Swift-Tuttle am nächsten. Gemäss Aussagen von Fachleuten kann ein Beobachter etwa 100 Meteoroiden pro Stunde erwarten. Es ist, wie gesagt, die Nacht unseres Rückflugs von Australien.

Obwohl sich das Ganze in einer Höhe von 80 bis 100 Kilometern abspielt, können wir den Meteorschauer mit bloßem Auge von der Erde aus beobachten. Noch viel idealer ist ein Beobachtungsposten auf 12'000 Metern.
Meine Schicht beginnt kurz bevor wir das ebenfalls hell erleuchtete Singapur überfliegen. Wir löschen sämtliche Lichter im Cockpit und starren aus dem Fenster. Der Mond ist leer, die Nacht ist finster. Mit jeder Sekunde gewöhnt sich das Auge besser an die Dunkelheit. Immer klarer und leuchtender heben sich die Sterne und Planeten vom Schwarz des Himmels ab. Dann zischt die erste Sternschnuppe aus dem Nichts. Ihr kurzes Leuchten verlischt sogleich wieder. Es dauert nur wenige Minuten, bis sich das Schauspiel wiederholt. Unglaublich, als wären wir im Planetarium. Rechts, links – die Lichter schiessen aus allen Richtungen. Vor mir liegt der Zettel mit meinen vorgängig notierten Wünschen. Bei jeder Sternschnuppe hake ich eine Zeile ab. 14 Stunden Flug, von denen ich die Hälfte im Cockpit sitze, genügen, um meine Liste abzuarbeiten. Mein Arbeitsplatz auf 40'000 Fuss ermöglicht mir das Paradies auf Erden.

Ich fahre nach der Landung am frühen Morgen freudig gespannt nach Hause. Im Wissen, dass die Lohnerhöhung, der neue Mercedes, die Vermehrung meiner Pensionskassenfonds ebenso wie die gesteigerte Hilfsbereitschaft der Töchter im Haushalt nur eine Frage der Zeit sind.

Wednesday, August 11, 2010

Umzug

Der Kragen platzt mir bereits am Donnerstag. Einen Tag vor dem Umzug in die Stadt. Der Chef der Zügeltruppe windet sich am Telefon und meint, dass am Freitag niemand arbeiten würde. Auch seine Angestellten nicht. Obwohl er dies vor zwei Wochen noch ausdrücklich bestätigt hat. Er hätte sich im Wochentag geirrt, stammelt er nun in sein Handy. Eine miserable Vorgabe, wenn das nur gut kommt.
So beginnt unser Umzug statt am muslimischen Sonntag, der eigentlich Freitag ist, am Samstag. Darüber schwebt wie ein Damoklesschwert meine Langstrecken-Reserve, die mich allenfalls über den Pazifischen oder Atlantischen Ozean schicken könnte. Spätestens am Montag gehts definitiv nach Down Under. Mit 48 Stunden Aufenthalt in Sydney. Bis dann soll möglichst viel verschoben, ausgepackt, abgestaubt, verräumt und aufgehängt sein. Also Vollgas.

Tatsächlich stehen die Zügelmänner am Samstag kurz nach 8 Uhr vor dem Haus. Den Chef plagt immer noch ein schlechtes Gewissen, dabei ist mein Zorn längst verflogen. 15 junge, kleingewachsene und zerbrechlich wirkende Inder stürmen mit zusammengefalteten Kartonschachteln unter ihren Armen unser Haus und machen sich in sämtlichen Zimmern an die Arbeit. Kaum sind die braunen Boxen aufgeklappt, sind sie auch schon halb gefüllt. Alles verschwindet darin; Büromaterial, Kleider, Bilder, Nagelfeile, Bücher, Gläser, Pfannen und Töpfe. Ein bisschen wie im Märchen. Keine sieben Zwerge, dafür 15 Heinzelmännchen, die uns mit ihren Diensten unterstützen. Katze Bart (nach dem Simpson-Sprössling benannt) rauscht wild fauchend durch die Räume. Linda und Nina stehen verloren und verschlafen zwischen den Arbeitern. Die beiden sind vor Aufregung die halbe Nacht wach gelegen, ihre jugendliche Dynamik ist ihnen gänzlich abhanden gekommen. Franziska und ich eilen durch alle drei Etagen und versuchen, den Überblick zu behalten.

Umziehen ist in Abu Dhabi wesentlich einfacher als in der Schweiz. Diverse Moving Companies bieten einen Komplettservice an, der uns eigentlich erlauben würde, während des Wohnortwechsels eine Woche in die Ferien zu verreisen. Die Jungs räumen ab und bauen wieder auf. Jedes Glas, jede Weinflasche wird vorsichtig in Papier gewickelt und am neuen Ort wieder ins entsprechende Regal gestellt. 5000 Dirham (1500 CHF) kosten uns diese Verrichtungen, dafür werden auch Bilder und Vorhänge aufgehängt. Nicht immer ganz im Lot, aber immer noch besser und schneller, als ich das machen würde.
Am Nachmittag entscheide ich mich, den Fernseher inklusive Satellitenempfänger und Videogerät in die neue Wohnung zu transportieren. Sollten mir die Arbeiter die mühsam erarbeitete Kabelkombination zerpflücken, wäre ich hoffnungslos verloren. Etwa so, wie beim Versuch, die Sender im neuen Heim zu programmieren. Dabei glaube ich alles richtig zu machen. Tröstlich immerhin, dass es dem kurzfristig zu Hilfe geholten Fachmann nicht besser ergeht. Erst ein Anruf bei der für die Montage der Satellitenschüssel zuständigen Firma bringt Aufklärung: „First you have to pay 280 Dirhams, only then we will activate the reception in your apartment“. Immerhin können wir uns die Kosten der Installation sparen. Anders als vor vier Jahren, beim Einzug ins Haus im Al Qurm Compound.

Es ist 1700 Uhr, als ein Bus mit der ersten Ladung Möbel vorfährt. Die 15 Inder verrichten ihre Arbeit auch am Nachmittag wie ein fleissiges Bienenvolk. Zwischen 22° in klimatisierten Räumen und 48° im Freien laufen sie sich die Füsse wund. Ihre blauen Hemden sind schweissnass. Wir offerieren Wasserflaschen und Cookies. Sie akzeptieren mit einem schüchternen Lächeln und ihrem typischen Kopfwackeln; die einen nehmen nur ein Bisquit, andere gleich die ganze Packung.
Hossein, der Wachmann im neuen Wohnblock, erweist sich als zuverlässiger und ungemein wertvoller Koordinator. Er, der täglich von 0900 bis 2100 seinen Dienst verrichtet und pro Monat nur zwei Tage frei hat, ist freundlich und um keinen Rat verlegen. Ich schiebe ihm gleich am ersten Abend 100 Dirham über den Tresen. Viel Geld für ihn, ein Achtel seines Monatsgehalts, doch damit schaffe ich uns viele Probleme vom Hals. Er dankt es mit leuchtenden Augen, und ich weiss mir seine Dienste für die nächsten zwölf Monate auf sicher.

Es ist bereits halb zehn, als sich die letzten Zügelmänner auf den Heimweg machen. Wir haben entschieden, schon heute in der neuen Wohnung zu nächtigen. Das Abendessen besteht aus Sushi und Pouletschenkeln. Zum Dessert gibts Datteln und Berliner. Dazu trinken wir Mineralwasser. Wir essen am Boden und auf dem Sofa. Der Kühlschrank mit dem Bier, und sämtliche Tische stehen noch im Al Qurm Compound.

Am nächsten Morgen früh gehts weiter. Christian Laulund, ehemaliger SAS-Pilot und neuer Nachbar aus der fünften Etage, bringt Espresso in die Stube, während die Inder immer neue Schachteln schleppen und drei Lieferwagen füllen.
Franziska versucht bei den Stadtbehörden unseren Hausvertrag für Strom und Wasser zu kündigen. Sie darf gerade mal die letzte Rechnung bezahlen, ihre Unterschrift fürs offizielle Formular wird nicht akzeptiert. „Only your husband can give us the signature“. Also zeige ich mich am Abend persönlich, komme aber auch nicht weit: „I need a copy of your passport“, begrüsst mich der arabische Beamte. Schade, dass er das nicht bereits am Morgen erwähnt hat. Eigentlich hätte ich es wissen müssen.
Immerhin laufen die Dinge bei der Neuinstallation der Internet-Dienste flüssiger. Schilderungen von Kollegen haben uns das Schlimmste befürchten lassen. Linda zeigt in dieser Sache Gelassenheit. Dank Schwarzbeer-Technologie bleibt sie auch ohne Netz stets im Loop. Zumindest bis Anfang Oktober, dann sollen die Blackberry-Dienste gestoppt werden. Sie zählt auf das Verhandlungsgeschick der Saudis und hofft, dass die Emirate von ihren Kompromissen mit den RIM-Managern profitieren können.
Der staatliche Kommunikations-Anbieter etisalat schickt bereits am Montag einen Techniker in die Wohnung. Glücklicherweise ist Franziska wach und öffnet ihm die Tür. Ich schlafe noch und stolpere nach dem Aufstehen beinahe über seinen Kabelsalat im Büro. Es dauert keine Stunde, und wir sind wieder mit der grossen weiten Welt verbunden.

Unsere indischen Helfer sind eine Wucht! Wir werden von ihrem Einsatz und ihrer Hilfsbereitschaft freudig überrascht. Nicht ein einziges Glas geht in die Brüche. Dafür schafft es Nina, die Glasfront eines Bildes zu zertrümmern. Das Auspacken der Kartonschachteln läuft flüssig. Unsere Schwierigkeit liegt darin, die kleinen aber wichtigen Dinge des Alltags im allgemeinen Wirrwarr zu orten: Franziska sucht ihre Schlüssel, ich mein Buch und meine Uniformjacke. Schwer zu finden sind auch Ladegeräte für Telefone und Computer. Dafür geraten mir frühere Rechnungen in die Hände, für die wir bereits die Mahnungsgebühren beglichen haben.
Der Wohnraum wirkt im allgemeinen Umzugs-Chaos bedrohlich eng. Der Versuch, ein geräumiges 6-Zimmerhaus mit Garten in eine durchschnittliche 5-Zimmerwohnung ohne Balkon zu packen, verlangt Opfer. Vieles hat keinen Platz und muss verkauft, verschenkt oder entsorgt werden. Entsorgen ist meine Stärke und gleichzeitig Franziskas Schwäche. Der Konflikt ist vorprogrammiert. So zollen wir dem Umzug seinen Tribut; mit lauten Worten und dem einen oder anderen Schweisstropfen.

48 Stunden nach dem ersten Handgriff ist der Spuk vorbei. Vieles steht, wenn auch noch nicht dort, wo es hingehört. Wir beginnen uns wohlzufühlen. Die einen weniger, die andern mehr. Alles ist neu und ein bisschen anders: Die treue Maid Romana wohnt nicht mehr bei uns, und die Katze kackt verstört vor Lindas Augen auf ihre Bettdecke.
Tumbler, Kaffee- und Waschmaschine sind angeschlossen und betriebsbereit. Die Satellitenschüssel sorgt für flimmerfreies TV-Bild, Internet und Festanschluss garantieren den Kontakt zur Aussenwelt. Der Geschirrspüler allerdings braucht noch ein bisschen elektrische Hilfe, ebenso warten wir darauf, dass der Kochherd an der Gasverteilung angeschlossen wird. Schon am dritten Morgen liegt die Gulf News vor der Wohungstür, die Normalität scheint langsam zurückzukehren. Ich kann beruhigt nach Sydney fliegen.






























































Von Müdigkeit überfraut














Der neue Wohnpalast














Blick vom Wohnzimmer auf die Stadt


























Lindas Zimmer mit Rundblick