Thursday, August 19, 2010

Ali Khans Shoe Shop

Der kleine Schuhmacherladen liegt versteckt in einer Hinterhofstrasse im Zentrum von Abu Dhabi. Ich entdecke ihn zufällig, auf der Suche nach einem Werkzeugladen, wo ich Nägel kaufen will. Das passt, denn meine vor wenigen Wochen erstandenen Mokassin zeigen bereits Verschleisserscheinungen. Lose Nähte und Knoten, die sich mit jedem Schritt weiter öffnen.
Gestern Abend dann will ich mein Schuhwerk reparieren lassen. Franziska weilt in Deutschland, die Mädchen und ich sind auf dem Weg zum Nachtessen im T.G.I. Friday’s. Nicht unbedingt traditionell arabisch, aber gut und praktisch. Der Umweg zu Ali Khans Shoe Shop ist unwesentlich, doch der Zeitpunkt ist ungünstig gewählt; die Sonne ist eben erst am Horizont untergetaucht. Im Ramadan wirken Strassen und Geschäfte um diese Zeit wie ausgestorben. Iftar: Die muslimische Gemeinschaft bricht ihr tägliches Fasten.

Kurz vor 2300 Uhr parke ich wieder vor Alis Laden. Diesmal brennt Licht, die Tür steht offen. In den Wandgestellen stehen säuberlich aufgereiht Schuhmodelle aus braunem und schwarzem Leder. Am Boden erblicke ich eine kleine, bescheiden bestückte Arbeitsecke. Schnürsenkel in unterschiedlicher Länge, diverse Fäden, Haken, Schere sowie eine Lochzange. Die übrigen Utensilien sind mir unbekannt. Möglicherweise haben Zahnärzte vor 100 Jahren mit ähnlichem Werkzeug hantiert.
Erst jetzt entdecke ich den jungen Pakistani, der in der Ecke am Boden kauert und an seinem Handy herumfingert. Anfänglich beachtet er mich kaum. Er knurrt ein „Salam Aleikum“ und beschäftigt sich weiter mit dem Mobiltelefon. Ich warte geduldig bis er aufblickt. Es ist drückend heiss in Ali Khans Schuhladen. Keine Klimaanlage, nicht einmal ein Ventilator. Lange halte ich es hier drinnen nicht aus.

Ich zeige dem in grünes Gewand gehüllten Handwerker meine Schuhe. Er versteht mich kaum, erkennt aber mein Anliegen.
„Sit!“. Mit einer flüchtigen Kopfbewegung zeigt er in die Ecke, wo ein kleiner wackeliger Holzstuhl steht. Ich beobachte Ali, wenn er es denn ist, bei seiner Arbeit. Er bleibt im Schneidersitz, seine nackten Fusssohlen gegeneinander gerichtet, und greift sich eine Spule mit weissem Schuhfaden. Dann legt er los. Sämtliche Schwachstellen meiner in der modernen Marina Mall erstandenen Mokassin werden neu verknotet. Mit einem Feuerzeug schweisst er jeweils die Enden des Fadens ab. Die kleine Flamme löscht er mit dem Finger, ohne dabei seine Miene zu verziehen. Obwohl ich lediglich zuschaue, steht mir der Schweiss auf der Stirn. Es ist brutal heiss im kleinen Laden. Die Türe steht zwar offen, doch in Abu Dhabi bleiben die Temperaturen im August auch Nachts über 30° Grad. Ich spüre, wie mir der Saft aus allen Poren schiesst. An der Wand hängen braune Ledergürtel, von denen mir einer sehr gut gefällt. Doch jede Bewegung ist zuviel. So lasse ich es bleiben. Ali arbeitet ruhig und bedächtig. Nach wenigen Minuten hat er sein Werk verrichtet. Er zupft an den Schuhen, überprüft kritisch das Resultat seiner Reparatur.
„Finished“ sagt er und reicht mir die blauen Latschen. Ich bin zufrieden, frage nach dem Preis. Ali brummt etwas Unverständliches. Ich frage noch einmal. "Fifteen“. So richtig gesprächig will er nicht werden. Ich klaube eine Zwanzigernote aus dem Portemmonnaie und strecke sie ihm hin: „Ramadan Kareem“. Jetzt huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. „Muslim?“ blickt er mich fragend an.
„La, la, mafi Muslim. Ana men Swisri.“ Nein, nein – ein Muslim bin ich nicht. Ich komme aus dem Land, wo der Bau von Minaretten verboten ist. Wo es dafür Käse, Milch und Schokolade im Überfluss gibt.
Der junge Schuhmacher nickt und erhebt die rechte Hand. Ich deute seine zaghafte Bewegung als wolle er sagen: „Schon gut, kein Problem. In meiner Heimat beschäftigen uns andere Sorgen“. Wie Recht er doch hat.

Ich verlasse Ali Khans Shoe Shop. Die enge Strasse ist verstopft mit chaotisch parkierten Autos. Auf dem Gehsteig unter den Bäumen diskutieren Pakistani in kleinen Gruppen. Ihre Mienen blicken finster. Es ist kurz vor Mitternacht.
Abu Dhabi boomt, aber nicht hinter jeder Hausecke.

1 comment:

Flo said...

Hallo Herr Eppler,

ich hätte eine Frage an Sie zur Etihad. Diese würde ich allerdings gerne per Mail klären.

ich-liebeFliegen@web.de

Es wäre super, wenn Sie mich darüber kontaktieren würden oder mir hier eine Kontaktadresse mitteilen könnten.

Ich freue mich schon auf den nächsten Blogeintrag ;)

Vielen Dank und mit freundlichen Grüßen