Nach zwei Tagen im Simulator bin ich frustriert. Nicht alles gelingt beim halbjährlichen Training und Check wie gewünscht. Das Gefühl ist bekannt. Wild flatternde Schmetterlinge in der Bauchgegend fragen vorwurfsvoll: „Warum habt ihr nur nicht...?“. Doch im Nachgang sind wir immer klüger und täten uns mit manchen technischen Problemen, Anflügen und Checklisten wesentlich leichter.
Zwei Tage in der Folterkiste erweitern unseren Horizont in jeder Beziehung: fachlich und menschlich. Hie und da stolpert man über einen Ausbildner, der uns frustrierte Stossgebete zum künstlichen Himmel schicken lässt. Vielleicht liegts auch an meinem Alter, dass mir das Auftreten gewisser Instruktoren zunehmend zu schaffen macht. Wer meint, er wisse alles besser, macht anderen das Leben gehörig schwer. Wer das Gefühl hat, seine Ansichten seien die allein selig machenden, wird schon beinahe unerträglich. Wenn dann solche Personen mit unbekümmertem Selbstverständnis die gängigen Verfahren spontan mit eigenem Ideengut aufmischen, verkommt eine Trainingseinheit rasch einmal zum turbulenten Laienschauspiel, um nicht zu sagen, zum Affentheater; mal mit tragischem, mal mit komischem Charakter.
Der Copi und ich finden uns auf Anhieb. Mein englischer Kollege erweist sich als äusserst erfahrener Flieger. Vormaliger Pilot der Royal Air Force. Fluglehrer auf der F4 Phantom und dem Tornado. Drei Jahre Instruktionseinsatz bei der Deutschen Luftwaffe. Waffeneinsatzspezialist. Squadron Leader. Sein Einstieg in die Linienfliegerei erfolgte spät und brachte ihn über Thomas Cook Airlines und Virgin Atlantic vor einem Jahr in den Mittleren Osten. 47 Lenze auf dem Buckel, grau meliertes Haar. Fliegerisch stark, ein toller Cockpitkollege, der jederzeit mitdenkt, aktiv unterstützt, lückenlos kommuniziert und mich als Kapitän auch in komplexen Situationen nicht im Stich lässt.
Selbstverständlich unterlaufen uns während der beiden Tage im Simulator immer wieder kleine und grössere Missgeschicke. Formel1-Fahrer schaffen auch keine 30 fehlerfeien Runden in einem Stück. Doch letztlich gelingt es uns jedesmal, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das Team spielt und trägt in fast jeder Situation.
Das Schulungsumfeld erlebe ich hier anders als in der Schweiz. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Instruktoren sind eklatant. Ebenso ihr Selbstverständnis, ihr Auftreten, ihre Strategien. Bei Simulatorchecks werden sämtliche durchgeführten Elemente bewertet. In der Regel setzt der Checkpilot ein „S“ ins entsprechende Feld. „S“ für Satisfactory. Standard, Durchschnitt. Ja nicht zu gut, lieber etwas schlechter. Differenziert wird kaum. Abgerundet wird die Quali mit der simplen Bemerkung „Check completed to satisfactory standards. Minor items debriefed.“ Was immer das heissen mag. Hoffentlich auch wurden wir debrieft. Und hoffentlich handelte es sich nur um Minor Items.
Ich habe schon aussagekräftigere Qualifikationen erhalten. Mein Copi mit Sicherheit auch. Doch was solls. Das System ist befriedigt, der Check bestanden, die Lizenz für weitere sechs Monate verlängert.
Monday, November 08, 2010
Thursday, November 04, 2010
Nachtflug
Der Blick aus dem Fenster gibt nicht viel frei. Das helle Licht im Cockpit beraubt mich der Möglichkeit, Mond, Sterne oder Planeten auszumachen.
Ich sitze unbequem, die Schuhbändel meiner schwarzen Uniform-Einheitsschuhe habe ich gelöst. Beim Versuch, meine Beine auszustrecken stosse ich mit den Füssen gegen die Pedale fürs Seitenruder. Ich fahre den Sitz einige Zentimeter zurück, strecke mich erneut. Der Copi starrt teilnahmslos ans Instrumentenbrett, bevor er einen Schluck aus seiner Teetasse nimmt. Schliesslich schnappt er sich den Flugplan und kontrolliert unseren Brennstoffverbrauch.
Ich greife nach der grossen Wasserflasche in der Ablage neben meinem Sitz und überwinde mich zu drei, vier langen Schlücken. Zwei Liter alle vier Stunden ist die Vorgabe, damit die Nieren ausreichend durchgespült werden. Die Luft ist trocken, das Wasser ist mir trotzdem verleidet. Doch Kaffee habe ich bereits zu viel getrunken: Zuhause vor der Abfahrt, am Flughafen, im Cockpit vor der Start.
Meine Augen wandern über die Bildschirme, ohne dabei Werte festzustellen, die beunruhigen würden. Hie und da durchbrechen monotone Stimmen am Funk die Stille der Nacht. Ihnen gemeinsam ist das Fliegerenglisch, dabei unterscheiden sie sich durch typische, von der Muttersprache geprägte Akzente.
Ich verschränke meine Hände hinter dem Kopf, drehe den Oberkörper zuerst nach rechts, dann nach links, gähne, reibe mir die brennenden Augen, blicke auf die Uhr.
Die Müdigkeit nagt. Wie ein Virus hat sie sich in meinen Gliedern festgekrallt. Dabei sind wir erst etwas mehr als zwei Stunden in der Luft. Weitere sechs stehen bis zur Landung in Dublin an. Der Start erfolgte um halb drei am Morgen. Zu einer Zeit, wo anständige Menschen tief schlafen. Es ist dunkel als wir abheben, es wird auch dunkel sein bei der Landung in Irland. Wieder ein Blick auf die Uhr.
Ich winde mich aus meinem Sitz. Wer viel trinkt, der muss mal. Alte Hasen empfehlen, den ersten Gang auf die Toilette möglichst lange hinauszuzögern. Wer einmal die Hosen runterlässt, kann sich nachher kaum mehr zurückhalten. Eine von vielen Fliegerregeln. Ähnlich wie die Empfehlung, bei Ultralangstrecken vor dem Schlafen eine Tasse Bouillon zu trinken und die Temperatur im Crewbunk auf mindestens 24 Grad zu regulieren. Warme Füsse helfen mit, die Blase nicht jede halbe Stunde entleeren zu müssen.
Zurück im Cockpit lösche ich das Licht und blicke aus dem Fenster. Der mit seinem Schwert bewaffnete Orion wacht schützend über unserem Flug. Ich verharre einige Sekunden unbeweglich, sauge die Dunkelheit in mich auf. Die Augenlider werden schwer. Einen Moment nur lasse ich dies zu, vernachlässige die Gegenwehr, dann kippt mein Kopf nach vorne. Erschrocken zucke ich zusammen. Instinktiv fährt mein Blick nach rechts. Der Copi scheint in guter Verfassung. Ich bin beruhigt. Die Zeiger der Uhr bewegen sich kaum.
Wie vor jedem Nachtflug habe ich die Kabinenbesatzung beim Briefing gebeten, regelmässig einen Blick ins Cockpit zu werfen. Mindestens alle 30 Minuten sollen sie nach uns sehen. Dann rutsche ich wieder unruhig auf meinem Sitz herum, strecke die Beine, die Arme, spanne Sehnen und Muskeln. Die Uhr wirkt wie ein Magnet.
Seit der ersten Zeile sind gerade mal neun Minuten vergangen. Noch sechseinhalb Stunden bis zur Landung.
Nachtflüge sind eine Qual.
Ich sitze unbequem, die Schuhbändel meiner schwarzen Uniform-Einheitsschuhe habe ich gelöst. Beim Versuch, meine Beine auszustrecken stosse ich mit den Füssen gegen die Pedale fürs Seitenruder. Ich fahre den Sitz einige Zentimeter zurück, strecke mich erneut. Der Copi starrt teilnahmslos ans Instrumentenbrett, bevor er einen Schluck aus seiner Teetasse nimmt. Schliesslich schnappt er sich den Flugplan und kontrolliert unseren Brennstoffverbrauch.
Ich greife nach der grossen Wasserflasche in der Ablage neben meinem Sitz und überwinde mich zu drei, vier langen Schlücken. Zwei Liter alle vier Stunden ist die Vorgabe, damit die Nieren ausreichend durchgespült werden. Die Luft ist trocken, das Wasser ist mir trotzdem verleidet. Doch Kaffee habe ich bereits zu viel getrunken: Zuhause vor der Abfahrt, am Flughafen, im Cockpit vor der Start.
Meine Augen wandern über die Bildschirme, ohne dabei Werte festzustellen, die beunruhigen würden. Hie und da durchbrechen monotone Stimmen am Funk die Stille der Nacht. Ihnen gemeinsam ist das Fliegerenglisch, dabei unterscheiden sie sich durch typische, von der Muttersprache geprägte Akzente.
Ich verschränke meine Hände hinter dem Kopf, drehe den Oberkörper zuerst nach rechts, dann nach links, gähne, reibe mir die brennenden Augen, blicke auf die Uhr.
Die Müdigkeit nagt. Wie ein Virus hat sie sich in meinen Gliedern festgekrallt. Dabei sind wir erst etwas mehr als zwei Stunden in der Luft. Weitere sechs stehen bis zur Landung in Dublin an. Der Start erfolgte um halb drei am Morgen. Zu einer Zeit, wo anständige Menschen tief schlafen. Es ist dunkel als wir abheben, es wird auch dunkel sein bei der Landung in Irland. Wieder ein Blick auf die Uhr.
Ich winde mich aus meinem Sitz. Wer viel trinkt, der muss mal. Alte Hasen empfehlen, den ersten Gang auf die Toilette möglichst lange hinauszuzögern. Wer einmal die Hosen runterlässt, kann sich nachher kaum mehr zurückhalten. Eine von vielen Fliegerregeln. Ähnlich wie die Empfehlung, bei Ultralangstrecken vor dem Schlafen eine Tasse Bouillon zu trinken und die Temperatur im Crewbunk auf mindestens 24 Grad zu regulieren. Warme Füsse helfen mit, die Blase nicht jede halbe Stunde entleeren zu müssen.
Zurück im Cockpit lösche ich das Licht und blicke aus dem Fenster. Der mit seinem Schwert bewaffnete Orion wacht schützend über unserem Flug. Ich verharre einige Sekunden unbeweglich, sauge die Dunkelheit in mich auf. Die Augenlider werden schwer. Einen Moment nur lasse ich dies zu, vernachlässige die Gegenwehr, dann kippt mein Kopf nach vorne. Erschrocken zucke ich zusammen. Instinktiv fährt mein Blick nach rechts. Der Copi scheint in guter Verfassung. Ich bin beruhigt. Die Zeiger der Uhr bewegen sich kaum.
Wie vor jedem Nachtflug habe ich die Kabinenbesatzung beim Briefing gebeten, regelmässig einen Blick ins Cockpit zu werfen. Mindestens alle 30 Minuten sollen sie nach uns sehen. Dann rutsche ich wieder unruhig auf meinem Sitz herum, strecke die Beine, die Arme, spanne Sehnen und Muskeln. Die Uhr wirkt wie ein Magnet.
Seit der ersten Zeile sind gerade mal neun Minuten vergangen. Noch sechseinhalb Stunden bis zur Landung.
Nachtflüge sind eine Qual.
Friday, October 29, 2010
Endspiel!
Seit zwei Tagen läuft in Abu Dhabi das High School Varsity MESAC Volleyball-Turnier (Middle East South Asia Conference). Es ist das krönende Ende der diesjährigen Saison. Sowohl für die Girls als auch für die Boys.
Die Mädchen-Mannschaft der ACS hat sich nach Siegen im Round Robin und im Halbfinal bereits vorzeitig für das Endspiel von morgen Samstag qualifiziert. Den Gegner machen die Teams von Dubai American Academy, American School Dubai und American School Doha unter sich aus.
Sämtliche Spiele werden live im Internet gezeigt. Nicht in Topqualität, aber für Freunde und Verwandte im Ausland eine spannende Variante, die Ereignisse mitzuverfolgen.
Spiel-Link http://www.ustream.tv/channel/mesac-varsity-volleyball-oct-2010--crt-2
Resultattafel-Link http://www.ustream.tv/channel/mesac-varsity-volleyball-2010--crt-1
Gespielt wird ab 0900 Uhr Abu Dhabi Zeit (0700 Uhr CH-Zeit). Das Endspiel der Mädchen findet um 0300 Uhr Abu Dhabi Zeit statt. Linda spielt mit der Nummer 11.
Let’s go Vipers!
Die Mädchen-Mannschaft der ACS hat sich nach Siegen im Round Robin und im Halbfinal bereits vorzeitig für das Endspiel von morgen Samstag qualifiziert. Den Gegner machen die Teams von Dubai American Academy, American School Dubai und American School Doha unter sich aus.
Sämtliche Spiele werden live im Internet gezeigt. Nicht in Topqualität, aber für Freunde und Verwandte im Ausland eine spannende Variante, die Ereignisse mitzuverfolgen.
Spiel-Link http://www.ustream.tv/channel/mesac-varsity-volleyball-oct-2010--crt-2
Resultattafel-Link http://www.ustream.tv/channel/mesac-varsity-volleyball-2010--crt-1
Gespielt wird ab 0900 Uhr Abu Dhabi Zeit (0700 Uhr CH-Zeit). Das Endspiel der Mädchen findet um 0300 Uhr Abu Dhabi Zeit statt. Linda spielt mit der Nummer 11.
Let’s go Vipers!
Saturday, October 23, 2010
Der fast perfekte Arbeitsplatz
Die Rede ist nicht vom Airbus-Cockpit. Auch nicht von unserer Küche an der Delma Street. Nein – ich habe die heimlich erträumte und oft gewünschte, kreativ inspirierende Schreib-Ecke gefunden. Den fast perfekten Arbeitsplatz.
Dazu musste ich mich heute früh – zur Erinnerung, Freitag ist in Abu Dhabi Sonntag – um sieben Uhr aus dem frisch bezogenen Bett quälen. Nach lediglich viereinhalb Stunden Schlaf, mit einigen Einheiten Sekt, Bier und Ramazotti in den Adern. Eine kleine germanische Splittergruppe hatte am Vorabend die vorübergehende, vorwiegend ferienbedingte, Wüsten-Rückkehr (Achtung: nicht "wüste Rückkehr"...) der in die Heimat abgewanderten Lembachs gefeiert. Einmal mehr eine Ansammlung von Ärzten und Krankenschwestern mit zugewandten Orten. Dazwischen die medizinisch unbedarfte Schweizer Delegation, bestehend aus Franziska und mir. Nach Peter von Matts anregenden Äusserungen zum Dialektwahn und zur gefährlichen Abwertung des Hochdeutschen haben wir sämtliche Hemmungen abgelegt, plappern ungeniert drauflos, und lassen uns auch von vereinzelten Lachern, ausgelöst etwa durch Bemerkungen wie „...beim Cabriofahren windet es...“ nicht mehr erschüttern.
Seit wir wissen, dass uns die selbe Muttersprache vereint, und solange sich die Deutschen nicht einig sind, ob es im offenen Auto zieht oder bläst, lassen sich solche Ausrutscher wesentlich besser parieren.
Dann fahre ich heute Morgen also nach Dubai. Linda nimmt mit dem Varsity-Team an einem Volleyballturnier teil. Die Schulanlage der Universal American School wirkt grosszügig und fortschrittlich. Modern, mit einer tollen Sporthalle, deren Akkustik die Anfeuerungsrufe der mitgereisten Freunde und Eltern um ein Vielfaches verstärkt. Nach dem ersten Spiel der Mädchen will ich meinem malträtierten Gehör eine wohlverdiente Pause verschaffen. Auf der Suche nach einer stillen Schreibecke stosse ich auf eine neu erstellte Wohnsiedlung. Versteckt hinter einer der Strasse zugewandten Häuserzeile taucht eine malerische Poolanlage auf, an deren Rande ich einen Coffeeshop entdecke, der mich sogleich in seinen Bann zieht. Der Aussenbereich erinnert an ein im Kolonialstil erbautes Hotel. Weite runde Eingangsbogen, der massive Sockel cachiert hinter malerisch postierten Grünpflanzen. An der hochliegenden Decke rauschen leise flatternde Propeller und fächeln den Gästen lauwarme Luft um die Ohren.
Ich setze mich an einen der braunen Holztische und platziere mich so, dass der Blick über den Rand meines Laptops die Sicht auf den üppigen Palmengarten ermöglicht. Im danebenliegenden Pool planschen Kinder, auf den Liegen brutzeln Erwachsene unter der Sonne. Das weisse Baumwollhemd umtänzelt verspielt meinen Oberkörper, um die nackten Beine streicht ein laues Bodenlüftchen. Das Haupt ist unbedeckt, einen Strohhut habe ich noch immer nicht gekauft. Befürchtungen, er lasse mich älter erscheinen, ringen erbittert mit dem Wunsch nach anhaltender Jugendlichkeit.
Allein, dieser Platz ist traumhaft. Beinahe perfekt. Lediglich wenig Steigerungspotenzial scheint vorhanden: Der lauschige Garten in Collina d’Oro vielleicht, wo Hermann Hesses Geist inspiriert, oder die Wohnung mit Terrasse am Monte Bré, wo der Blick auf den Lago di Lugano des Schreiberlings Seele beflügelt.
Während ich auf die Tastatur meines Laptops hämmere und Kaffee trinke, rinnen mir erste Schweisstropfen den Rücken hinunter. Deckenventilatoren sind eben keine Klimaanlage. Seufzend gebe ich meinen Tisch frei und verziehe mich ins gekühlte Innere. Wenig später verlasse ich die Quelle meiner freitäglichen Inspiration. Das nächste Spiel der Mädchen wartet.
Daumendrücken, sich die Kehle wundschreien. Mit der Idylle ist es vorbei.

Dazu musste ich mich heute früh – zur Erinnerung, Freitag ist in Abu Dhabi Sonntag – um sieben Uhr aus dem frisch bezogenen Bett quälen. Nach lediglich viereinhalb Stunden Schlaf, mit einigen Einheiten Sekt, Bier und Ramazotti in den Adern. Eine kleine germanische Splittergruppe hatte am Vorabend die vorübergehende, vorwiegend ferienbedingte, Wüsten-Rückkehr (Achtung: nicht "wüste Rückkehr"...) der in die Heimat abgewanderten Lembachs gefeiert. Einmal mehr eine Ansammlung von Ärzten und Krankenschwestern mit zugewandten Orten. Dazwischen die medizinisch unbedarfte Schweizer Delegation, bestehend aus Franziska und mir. Nach Peter von Matts anregenden Äusserungen zum Dialektwahn und zur gefährlichen Abwertung des Hochdeutschen haben wir sämtliche Hemmungen abgelegt, plappern ungeniert drauflos, und lassen uns auch von vereinzelten Lachern, ausgelöst etwa durch Bemerkungen wie „...beim Cabriofahren windet es...“ nicht mehr erschüttern.
Seit wir wissen, dass uns die selbe Muttersprache vereint, und solange sich die Deutschen nicht einig sind, ob es im offenen Auto zieht oder bläst, lassen sich solche Ausrutscher wesentlich besser parieren.
Dann fahre ich heute Morgen also nach Dubai. Linda nimmt mit dem Varsity-Team an einem Volleyballturnier teil. Die Schulanlage der Universal American School wirkt grosszügig und fortschrittlich. Modern, mit einer tollen Sporthalle, deren Akkustik die Anfeuerungsrufe der mitgereisten Freunde und Eltern um ein Vielfaches verstärkt. Nach dem ersten Spiel der Mädchen will ich meinem malträtierten Gehör eine wohlverdiente Pause verschaffen. Auf der Suche nach einer stillen Schreibecke stosse ich auf eine neu erstellte Wohnsiedlung. Versteckt hinter einer der Strasse zugewandten Häuserzeile taucht eine malerische Poolanlage auf, an deren Rande ich einen Coffeeshop entdecke, der mich sogleich in seinen Bann zieht. Der Aussenbereich erinnert an ein im Kolonialstil erbautes Hotel. Weite runde Eingangsbogen, der massive Sockel cachiert hinter malerisch postierten Grünpflanzen. An der hochliegenden Decke rauschen leise flatternde Propeller und fächeln den Gästen lauwarme Luft um die Ohren.
Ich setze mich an einen der braunen Holztische und platziere mich so, dass der Blick über den Rand meines Laptops die Sicht auf den üppigen Palmengarten ermöglicht. Im danebenliegenden Pool planschen Kinder, auf den Liegen brutzeln Erwachsene unter der Sonne. Das weisse Baumwollhemd umtänzelt verspielt meinen Oberkörper, um die nackten Beine streicht ein laues Bodenlüftchen. Das Haupt ist unbedeckt, einen Strohhut habe ich noch immer nicht gekauft. Befürchtungen, er lasse mich älter erscheinen, ringen erbittert mit dem Wunsch nach anhaltender Jugendlichkeit.
Allein, dieser Platz ist traumhaft. Beinahe perfekt. Lediglich wenig Steigerungspotenzial scheint vorhanden: Der lauschige Garten in Collina d’Oro vielleicht, wo Hermann Hesses Geist inspiriert, oder die Wohnung mit Terrasse am Monte Bré, wo der Blick auf den Lago di Lugano des Schreiberlings Seele beflügelt.
Während ich auf die Tastatur meines Laptops hämmere und Kaffee trinke, rinnen mir erste Schweisstropfen den Rücken hinunter. Deckenventilatoren sind eben keine Klimaanlage. Seufzend gebe ich meinen Tisch frei und verziehe mich ins gekühlte Innere. Wenig später verlasse ich die Quelle meiner freitäglichen Inspiration. Das nächste Spiel der Mädchen wartet.
Daumendrücken, sich die Kehle wundschreien. Mit der Idylle ist es vorbei.

Sunday, October 17, 2010
Besuch
Der Homo Sapiens ist ein soziales Wesen. Ein Rudeltier, ähnlich wie der Wolf, auch wenn er seine Gemütslage nicht jederzeit und für alle Welt ersichtlich mit der Haltung seiner Rute kundtut. Menschen verwirklichen sich unter anderem in sozialen Beziehungen; Dazu gehören Kontakte mit Verwandten und Freunden. Wechselnd in Intensität und Dauer, unterschiedlich auch in Motivation und Engagement.
Zu einem Leben als Expat gehört unweigerlich der Umgang mit dem Thema Gäste und Besuch. Ich habe es bis anhin, aus Rücksicht auf liebe Verwandte und teure Freunde, tunlichst vermieden, das äusserst heikle Thema in diesem Blog aufzunehmen. Liess die ersten vier Jahre die Launen der Natur walten und wehrte mich nicht, wenn der Wind die Spuren im Sand zerzauste. In der fürsorglichen Absicht, keine schlafenden (Wüsten)Hunde zu wecken.
Jetzt aber scheint der Moment gekommen, vielleicht das zweitletzte Wüstenspuren-Tabu zu brechen. Mit gutem Grund: Das Pièce de Résistance der Gästebeherrbergung ist geknackt. Wir haben in unserem urbanen Vogelkäfig (in dem ich mich mittlerweile pudelwohl fühle...) Rekordarbeit geleistet, und auf für uns engstem Raum, die für uns grösste Zahl von Besuchern einquartiert. Asiatische Grossstadt-Verhältnisse an der Delma Street.
Vor zwei Wochen sind Franziskas Bruder Daniel mit seiner Frau Gitte und den vier Teenie-Töchtern Larissa, Melina, Rilana und Rebecca bei uns eingetroffen. Sogar unser grosszügig dimensionierter Toyota Prado vermag die stattliche Truppe nicht zu schlucken, als Franziska am frühen Morgen, mit verschlafenem Blick, den Besuch am Flughafen in Empfang nimmt.
Zuhause angekommen, richten wir uns ein, so gut es geht. Zehn Seelen verteilt auf drei Doppelbetten und zwei Ausziehsofas. Ein TV-Gerät, vier Laptops sowie eine unübersichtliche Anzahl Handys garantieren bei Aufenthalten in der Wohnung unununterbrochene Unterhaltung und störungsfreie Kommunikation mit dem Rest der Welt. Waschmaschine und Tumbler, Geschirrspüler und Espressomaschine stehen im Dauerbetrieb. Der Lärmpegel steigt und hält sich während einer Woche auf wackerem Niveau. Dann fliegen Larissa und Melina wieder in die Schweiz. Nicht weil es ihnen zu eng oder zu laut wird, sondern ganz einfach weil die Arbeit ruft.
Seit wir nach Abu Dhabi gezogen sind, besuchen uns regelmässig Freunde und Verwandte. Dass dies geschehen würde, war von Anfang an klar. Wenn es zu Diskussionen über anstehende Besuche aus der Heimat kommt, können Expats regelrecht ins Wetteifern geraten. Nicht nur, dass sie mit der Anzahl ihrer Gäste prahlen, vielmehr verlieren sie sich immer wieder in der Schilderung abenteuerlichster Wüstentouren. Auch überbieten sie sich unentwegt in der Lokalisierung neuer Schnäppchen-Shops und Einkaufs-Mekkas. Ein geschickt eingeflochtener Seufzer oder das qualvolle Verdrehen der Augen sollen signalisieren, dass manchmal alles ein bisschen viel wird.
Seien wir ehrlich: Wer Gäste in den eigenen vier Wänden einquartiert, lässt die Hosen mindestens bis zu den Knien runter. Offenbart Einblick ins sonst sorgsam abgeschirmte Privatleben. Teilt den Zank über nicht entsorgten Abfall oder die Diskussionen über unerledigte Schularbeiten nicht nur mit Frau und Kindern, sondern gleichzeitig mit vielen der Besucher. Der Kampf um verlängerte Ausgehzeiten und herumliegende Kleider verkommt zur Arena im Kleinformat. Statt Hundertausenden von Fernsehzuschauern sind es nur zwei, drei, vielleicht vier Gäste. Dafür sind sie hautnah dabei, und bekunden ihr Interesse nicht selten duch aktive Teilnahme an der belebten Runde. Mitten drin die Protagonisten: Die Mutter als Moderatorin, die Kinder als stimmgewaltige Wortführerinnen (der sonst schon laute Geräuschpegel legt nochmals um einige Dezibel zu...) – und der Vater, wie meist, als Advocatus Diaboli.
Wer Besucher einquartiert muss auch akzeptieren, dass andere bereits langgestreckt auf der Couch lümmeln, wenn Mann oder Frau selber lümmeln wollen. Dass die TV-Fernbedienung fest von Gästehand umklammert ist, wenn auf SF2 gerade die Sportschau anläuft. Oder dass sich die Halbwertszeit des in der hintersten Ecke des Kühlschranks gelagerten Lieblingskäses drastisch reduziert, und der suchende Griff am Abend ins Leere tastet.
Ein nicht zu unterschätzendes Kapitel ist der Versuch, die Tagesabläufe zu synchronisieren. Schule und Arbeit treiben die Gastgeber früh aus den Federn, während die Besucher oftmals erst ab Mitternacht so richtig auf Touren kommen. Die Kinder sollten sich um ihre Hausaufgaben kümmern, die Mutter um die schleppende Weiterbildung und der Vater um den ungestörten Geldfluss aufs Lohnkonto. Damit verbunden sind Nachtflüge und spontane Powernaps zu jeder beliebigen Tagesstunde. Meist dann, wenn die Besucher laut diskutierend ihre Siebensachen für den Strandausflug zusammensuchen.
Immer mehr kommt es vor, dass uns die Gäste gar eine Nasenlänge voraus sind: Für eine Fahrt mit der Dubai-Metro oder den Besuch auf dem Burj Khalifa hat es bei uns einfach noch nicht gereicht.
Mit der Familie von Franziskas Bruder lief es erstaunlich gut. Das lag nicht zuletzt am selbstlosen Engagement der Gäste. Nach dem Nachtessen strahlte die Küche jeweils blitzblank, noch ehe sich Franziska oder ich mich vom Tisch erhoben hatten. Kühlschrank und Weingestell wurden zünftig geleert aber grosszügig nachgefüllt, so dass mich bei ihrer Abreise beinahe das schlechte Gewissen plagte.
A propos schlechtes Gewissen: Wer sich ob dem Geschriebenen betroffen fühlt, dem kann an dieser Stelle leider nicht geholfen werden. Wer die obigen Zeilen mit einem Schmunzeln pariert, kennt mich wohl bereits zu gut. Auch in diesem Fall wird Abhilfe schwierig.
In aller Regel bleibt es kaum bei einem Besuch im Jahr. Sinkende Temperaturen verheissen vermehrt Gäste. Daniel und seine Familie sind mittlerweile wieder abgereist. Nun ist uns eine Woche Erholungspause gegönnt, dann werden Franziskas Eltern in Genf ins Flugzeug steigen. Anschliessend folgen liebe Freunde aus dem Zürcher Unterland, und nach einer weiteren Rekonvaleszenzphase rüsten wir uns auf den Besuch meines Bruders.
Wenn er uns schliesslich verlassen wird, ist bereits Mitte Dezember, und Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest, an dem wir uns endlich ungestört mit Familie und Freunden treffen können...

Zu einem Leben als Expat gehört unweigerlich der Umgang mit dem Thema Gäste und Besuch. Ich habe es bis anhin, aus Rücksicht auf liebe Verwandte und teure Freunde, tunlichst vermieden, das äusserst heikle Thema in diesem Blog aufzunehmen. Liess die ersten vier Jahre die Launen der Natur walten und wehrte mich nicht, wenn der Wind die Spuren im Sand zerzauste. In der fürsorglichen Absicht, keine schlafenden (Wüsten)Hunde zu wecken.
Jetzt aber scheint der Moment gekommen, vielleicht das zweitletzte Wüstenspuren-Tabu zu brechen. Mit gutem Grund: Das Pièce de Résistance der Gästebeherrbergung ist geknackt. Wir haben in unserem urbanen Vogelkäfig (in dem ich mich mittlerweile pudelwohl fühle...) Rekordarbeit geleistet, und auf für uns engstem Raum, die für uns grösste Zahl von Besuchern einquartiert. Asiatische Grossstadt-Verhältnisse an der Delma Street.
Vor zwei Wochen sind Franziskas Bruder Daniel mit seiner Frau Gitte und den vier Teenie-Töchtern Larissa, Melina, Rilana und Rebecca bei uns eingetroffen. Sogar unser grosszügig dimensionierter Toyota Prado vermag die stattliche Truppe nicht zu schlucken, als Franziska am frühen Morgen, mit verschlafenem Blick, den Besuch am Flughafen in Empfang nimmt.
Zuhause angekommen, richten wir uns ein, so gut es geht. Zehn Seelen verteilt auf drei Doppelbetten und zwei Ausziehsofas. Ein TV-Gerät, vier Laptops sowie eine unübersichtliche Anzahl Handys garantieren bei Aufenthalten in der Wohnung unununterbrochene Unterhaltung und störungsfreie Kommunikation mit dem Rest der Welt. Waschmaschine und Tumbler, Geschirrspüler und Espressomaschine stehen im Dauerbetrieb. Der Lärmpegel steigt und hält sich während einer Woche auf wackerem Niveau. Dann fliegen Larissa und Melina wieder in die Schweiz. Nicht weil es ihnen zu eng oder zu laut wird, sondern ganz einfach weil die Arbeit ruft.
Seit wir nach Abu Dhabi gezogen sind, besuchen uns regelmässig Freunde und Verwandte. Dass dies geschehen würde, war von Anfang an klar. Wenn es zu Diskussionen über anstehende Besuche aus der Heimat kommt, können Expats regelrecht ins Wetteifern geraten. Nicht nur, dass sie mit der Anzahl ihrer Gäste prahlen, vielmehr verlieren sie sich immer wieder in der Schilderung abenteuerlichster Wüstentouren. Auch überbieten sie sich unentwegt in der Lokalisierung neuer Schnäppchen-Shops und Einkaufs-Mekkas. Ein geschickt eingeflochtener Seufzer oder das qualvolle Verdrehen der Augen sollen signalisieren, dass manchmal alles ein bisschen viel wird.
Seien wir ehrlich: Wer Gäste in den eigenen vier Wänden einquartiert, lässt die Hosen mindestens bis zu den Knien runter. Offenbart Einblick ins sonst sorgsam abgeschirmte Privatleben. Teilt den Zank über nicht entsorgten Abfall oder die Diskussionen über unerledigte Schularbeiten nicht nur mit Frau und Kindern, sondern gleichzeitig mit vielen der Besucher. Der Kampf um verlängerte Ausgehzeiten und herumliegende Kleider verkommt zur Arena im Kleinformat. Statt Hundertausenden von Fernsehzuschauern sind es nur zwei, drei, vielleicht vier Gäste. Dafür sind sie hautnah dabei, und bekunden ihr Interesse nicht selten duch aktive Teilnahme an der belebten Runde. Mitten drin die Protagonisten: Die Mutter als Moderatorin, die Kinder als stimmgewaltige Wortführerinnen (der sonst schon laute Geräuschpegel legt nochmals um einige Dezibel zu...) – und der Vater, wie meist, als Advocatus Diaboli.
Wer Besucher einquartiert muss auch akzeptieren, dass andere bereits langgestreckt auf der Couch lümmeln, wenn Mann oder Frau selber lümmeln wollen. Dass die TV-Fernbedienung fest von Gästehand umklammert ist, wenn auf SF2 gerade die Sportschau anläuft. Oder dass sich die Halbwertszeit des in der hintersten Ecke des Kühlschranks gelagerten Lieblingskäses drastisch reduziert, und der suchende Griff am Abend ins Leere tastet.
Ein nicht zu unterschätzendes Kapitel ist der Versuch, die Tagesabläufe zu synchronisieren. Schule und Arbeit treiben die Gastgeber früh aus den Federn, während die Besucher oftmals erst ab Mitternacht so richtig auf Touren kommen. Die Kinder sollten sich um ihre Hausaufgaben kümmern, die Mutter um die schleppende Weiterbildung und der Vater um den ungestörten Geldfluss aufs Lohnkonto. Damit verbunden sind Nachtflüge und spontane Powernaps zu jeder beliebigen Tagesstunde. Meist dann, wenn die Besucher laut diskutierend ihre Siebensachen für den Strandausflug zusammensuchen.
Immer mehr kommt es vor, dass uns die Gäste gar eine Nasenlänge voraus sind: Für eine Fahrt mit der Dubai-Metro oder den Besuch auf dem Burj Khalifa hat es bei uns einfach noch nicht gereicht.
Mit der Familie von Franziskas Bruder lief es erstaunlich gut. Das lag nicht zuletzt am selbstlosen Engagement der Gäste. Nach dem Nachtessen strahlte die Küche jeweils blitzblank, noch ehe sich Franziska oder ich mich vom Tisch erhoben hatten. Kühlschrank und Weingestell wurden zünftig geleert aber grosszügig nachgefüllt, so dass mich bei ihrer Abreise beinahe das schlechte Gewissen plagte.
A propos schlechtes Gewissen: Wer sich ob dem Geschriebenen betroffen fühlt, dem kann an dieser Stelle leider nicht geholfen werden. Wer die obigen Zeilen mit einem Schmunzeln pariert, kennt mich wohl bereits zu gut. Auch in diesem Fall wird Abhilfe schwierig.
In aller Regel bleibt es kaum bei einem Besuch im Jahr. Sinkende Temperaturen verheissen vermehrt Gäste. Daniel und seine Familie sind mittlerweile wieder abgereist. Nun ist uns eine Woche Erholungspause gegönnt, dann werden Franziskas Eltern in Genf ins Flugzeug steigen. Anschliessend folgen liebe Freunde aus dem Zürcher Unterland, und nach einer weiteren Rekonvaleszenzphase rüsten wir uns auf den Besuch meines Bruders.
Wenn er uns schliesslich verlassen wird, ist bereits Mitte Dezember, und Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest, an dem wir uns endlich ungestört mit Familie und Freunden treffen können...
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