Sunday, March 08, 2009

Clash of Cultures

Wenn der Chinese mit dem Argentinier, die Rumänin mit dem Schweden, der Südafrikaner mit der Uzbekin und der Brite mit dem Chilenen hantiert, herrscht Kulturenvielfalt. Bei Etihad mischen auch Schweizer mit. Ebenso wie Iraner, Taiwanesen, Malaysier, Italiener, Franzosen, Trinidader, Jamaicaner, Amerikaner, Peruaner, Brasilianer, Russen, Serben, Bosnier, Sri Lankesen, Philippinos, Äthiopier, Deutsche, Österreicher, Sudanesen und viele mehr. Männlein und Weiblein, die in bunter Vielfalt in der Kabine oder im Cockpit ihrem Handwerk nachgehen. Die zusammen kommunizieren; mal besser, mal weniger gut. Denn nicht allen sitzt das Mundwerk gleich locker.

Sprache
Dieser Sprachen- und Ländermix verlangt allen Mitabeitern viel Toleranz und Flexibilität ab. Gerade in der Fliegerei, wo Besatzungen jeweils nur für Stunden und Tage – hie und da auch für Nächte (!) – den Arbeitsplatz teilen, ist die Bildung langlebiger Team-Strukturen keine einfache Sache. Dabei ist eben genau diese „Team-Arbeit“ gefragt. „Unus pro omnibus, omnes pro uno“: Einer für alle und alle für einen. Dies umzusetzen erweist sich in dem hier beschriebenen Umfeld manchmal als olympischer Hürdenlauf. Unterschiedliche Faktoren, wie beispielsweise die Sprache, der kulturelle Hintergrund oder die individuelle Persönlichkeit erschweren die Suche nach dem Gemeinsamen Nenner. Die Arbeit im Rahmen einer Flugzeugbesatzung erfordert gegenseitigen Respekt, teamorientiertes Denken und diszipliniertes Einhalten der vorgegebenen Verfahren.
Nach (meist) harmonischen 25 Jahren im SWISS(air)-Cockpit war ich verwöhnt. Im Wissen, dass jeder Kollege – auf dem rechten wie auf dem linken Sitz – Selektion und Pilotenschule der gleichen Marke durchlaufen hat, war vieles einfacher, klarer und damit nachvollziehbarer. Mit dem Wechsel zu Etihad musste ich umdenken. Jeder Pilot bringt seinen individuellen Rucksack mit. Ausbildung und Erfahrung sind nicht nur unterschiedlich, sondern auch schwer einzuschätzen.
Das grundlegende Kommunikationsmittel ist die Sprache. Etihad-Besatzungen verständigen sich in Englisch. In der Kabine und im Cockpit. Zumindest was die professionellen Dimensionen anbelangt. Der Gebrauch anderer Sprachen ist, ausser bei rein privaten Plaudereien, verpönt und wird meist unterbunden. Gewisse „Cabin Manager“ sprechen dies denn auch bereits beim Crew Briefing an.
Englisch bleibt für die Mehrzahl der Fliegenden – auch nach längerem Aufenthalt in den Emiraten – eine Fremdsprache. Dies wird dann augenfällig, wenn sich ein Thailänder und ein Columbianer in einem Englisch unterhalten, das in beiden Fällen durch typische Eigenheiten der eigenen Sprache geprägt ist. Trifft dann einer der beiden auf dem nächsten Flug auf einen Engländer, wird die Verständigung trotzdem nicht einfacher: Der Brite spricht flüssig und perfekt, sein Gegenüber kapiert langsam und unvollständig.

Kultur
Da unsere Piloten aus den unterschiedlichsten Winkeln dieses Planeten kommen, geben oftmals völlig banale Dinge Anlass zu Diskussionen: Denn nicht alle verstehen unter einem „Monitored Approach“ auf Anhieb das Gleiche. Und wenn der Schweizer Captain seine Besatzung um „pünktliches“ Erscheinen beim „Pick up“ bittet, lässt das hierzulande ungemein viel Interpretationsraum offen.
Kulturelle Unterschiede sorgen hie und da für Fragezeichen. Ein Chinese beispielsweise lässt sich viel weniger in die Karten blicken als ein Italiener, dessen Zunge wesentlich lockerer sitzt. Der Umgang mit Hierarchien charakterisiert die Kulturen. Einer, der sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt, ist der Niederländer Gert Hofstede. Seine Kulturtheorie gilt als die bislang umfassendste Untersuchung in der interkulturellen Managementforschung. Anhand von fünf Dimensionen studiert er Individualität aber auch das Zusammenspiel unterschiedlicher Kulturkreise. Der sogenannte „PDI“ (Power Distance Index) beispielsweise zeigt auf, bis zu welchem Mass Menschen tiefer Hierarchiestufen die Ungleichheit solcher „Rangordnungen“ akzeptieren können. Auf Hofstedes Website können beliebige "Kulturkombinationen" durchleuchtet und analysiert werden. Genau eben solche Faktoren sind es, die bei einer multikulturellen Airline die Effizienz der Operation beeinflussen.
Heute orientiere ich mich leichter in diesem bunten Nationenstrauss, nicht zuletzt auch, weil ich der Ansicht bin, gewisse Strukturen durchschaut zu haben. Niemand kennt die Bücher so genau wie die Malaysier, die sich in der Regel Zeile für Zeile an die Vorgaben halten und ihre Briefings in einem derartigen Tempo herunterspulen, dass ich immer wieder mal den Faden verliere. Ganz ähnlich erlebe ich auch die Kollegen von Sri Lanka, die als Instruktoren nichts anbrennen lassen und bereits mehr als einen Kollegen bei Checks „gefailt“ haben. Die Südamerikaner schwärmen von ihrer Heimat, zeigen Fotos oder verlieren sich in angeregte politische Diskussionen. Verschwiegener sind die Chinesen, nicht zuletzt auch weil ihnen die Englische Sprache mehr Mühe bereitet. Sie sind bemüht, sämtliche Verfahren korrekt einzuhalten und tun sich oft schwer mit kurzfristigen Änderungen. Es bedarf einer grossen Portion Überzeugungskraft, um sie auch bei kleinen Abweichungen „im Boot“ zu behalten. Niemand verfügt über ein so ausgeprägtes Selbstbewusstsein wie die Kanadier, und niemand ist so unberechenbar wie die Franzosen. Meine schwierigsten Momente im Cockpit hatte ich mit ihnen. Die Deutschen wollen es ganz genau wissen und erweisen sich nicht selten als Paragraphenreiter, derweil die Italiener die Dinge sehr locker angehen und immer zu einem Spässchen aufgelegt sind.
Solche Zuordnungen mögen bitte nicht für bare Münze genommen werden. Meine Wahrnehmungen sind subjektiv und wissenschaftlich nicht erhärtet. Selbstverständlich gibt es immer wieder Ausnahmen, schliesslich sind ja auch nicht alle Schweizer verklemmt, unsicher und konservativ...

8 comments:

Martin said...

Ich kann Deine Erfahrungen bestätigen, wenn auch nicht als Pilot in einem Airliner-Cockpit:

Meine Englischkenntnisse werden üblicherweise als sehr gut bezeichnet, mein Diplom behauptet, ich sei quasi Muttersprachler. Aber wenn ich am Telefon einen Englischsprachigen haben, dann geht es viel einfacher mit einem anderen English as a Second Language-Speaker als mit einem Muttersprachler.

Bei den Kulturen ist auch in meinem Umfeld sehr ähnliches zu beobachten. Bei Chinesen bereitet mir vor allem die fehlende Flexibilität Mühe. Deutsche sind flexibel, aber erst, wenn man für sie eine entsprechende Regel gefunden haben, Cover Your Ass wie im Bilderbuch. Und so weiter. Nun ja, für die bin ich der Schweizer, der unter pünktlich 5 Minuten früher versteht, beim Sprechen ständig seltsame chchchchch-Geräusche von sich gibt und Mühe hat, über Bankster-Witze zu lachen.

nff said...

Ein spannendes Thema, dem ich fast einmal ein Nachdiplomstudium gewidmet hätte.

Doch wie du dich erinnern kannst, haben wir diese Kulturvielfalt auch in der Swiss. Aus Sicht des untergebenen Copiloten spielen diese zuweilen die grössere Rolle, als wenn man Chef ist.

Wir haben kleine, grosse, dünne und dicke. Aber auch Aargauer, Zürcher, Genfer und Waadtländer. Einige Walliser und auch ein paar Appenzeller. Viele Konservative und einige Linke. Dann gibt es da noch die Instruktoren aus Berufung und die Instruktoren aus Unsicherheit. Militärpiloten, Offiziere und Genadier Gefreite. Sportflieger und Segelflieger, studierte und gelernte. Aktionäre und Festgeldsparer.

Grundsätzlich kann man sagen, dass alle Dicken gemütlich sind. Was aber nicht heisst, dass die Dünnen alle spinnen. Kleine sind zuweilen schwierig, wenn sie mit Doppelmetern zusammenarbeiten müssen. Instruktoren aus Berufung sind eine Bereicherung in allen Flug- und Ausgangslagen, während Instruktoren aus Unsicherheit eigentlich nur dazu taugen, Azubis zu verunsichern.

Schwierig in diesen Tagen sind die Aktiensparer, die von Volkswirtschaft keine Ahnung haben und mit einem Festgeldsparer zusammenarbeiten müssen. Interessanterweise gibt es auch immer wieder Diskussionen zwischen Zürchern und dem Rest der CH. Warum ist mir schleierhaft, schliesslich ist Zürich einfach das genialste Pflaster in der Alpenrepublik.

Doch zum "Clash of Cultures" kommt es erst, wenn der SVP Nationalrat mit einem WOZ Abonnenten den Arbeitsplatz teilt. Und das sind dann zwei Copiloten :-)

Eppler Family said...

@Martin: da haben wir doch in der Tat eine Übereinstimmung. Was das Image von uns Schweizern betrifft, da liessen sich natürlich auch Geschichten schreiben. Auch hier habe ich schon über diese oder jene Anspielung geschmunzelt...

@NFF: gut gebrüllt Löwe! Wie du gemerkt hast, habe ich darauf verzichtet, die Körperdimensionen in die Diskussion einzubeziehen. Damit bekäme die ganze Angelegenheit zusätzlichen "Sprengstoff". Denn der "BMI" spielt in den UAE bei jedem "Medical Check" eine zentrale Rolle. Just in diesen Tagen hat das GCAA (BAZL der UAE) eine neue Weisung in Sachen "Übergewicht" erlassen. Den Inhalt kenne ich noch nicht, werde aber mit sofortiger Wirkung den Genuss von Süssigkeiten drastisch reduzieren...

Gruss

nff said...

Damit ist das Thema Sand für mich gestorben..... Schon zu meiner Nationalmannschaftszeit im Wildwasserfahren hatte ich ein Körpergewicht von 95 Kilogramm bei 196 cm Länge. Ergibt einen BMI von ..... 24.72. Damit ich dieses Gewicht halten konnte, musste ich bulimischen Ernährungspraktiken huldigen. War nicht gut für meine Gesundheit.....
Jetzt habe ich einen BMI von >28 und laufe noch so manchem Elite B Läufer am Engadiner um die Ohren. Wer liegt hier falsch?

Eppler Family said...

@NFF: Da kann ich dir einzig versichern, dass du nicht der einzige mit diesem Problem bist. Kenne so manchen anderen Kollegen hier, dem der Schöpfer ähnlich wuchtige Körpermasse geschenkt hat. Nicht immer nur zur Freude des Beschenkten. Für dich gibt es eigentlich nur eine Hoffnung: Dass der "BMI" alsbald in "BRAIN Mass Index" umbenannt wird...

Gruss

Crowi said...

Yes...you people really DO have brains!
Das war wieder mal sehr reichhaltiger Lesestoff, ich denke dem Mr. Samuel Huntington würde es auch gefallen. Wie die weite Welt so auf engstem Raum aneinandergerät. Dann kommt der NFF und kommentiert noch eine lokale Version der ganzen Geschichte dazu. Unvergleichlich!

Eng und w e i t.. Diese Dualität hat mich immer schon fasziniert. Gerade auf der Zuschauerterrasse am Zürich Airport. Da ist auf jedem Flugzeug Standplatz eine Nummer zu sehen. Der exakte Längen- und Breitengrad des Standplatzes. Exakt bis auf die zweite oder dritte Stelle hinter dem Komma - was weiss ich. Und da stehen sie dann, diese Flieger, aufs Tüpfli genau auf dem selben Platz; nachdem sie all diese gewaltigen Distanzen zurückgelegt haben.

Zosses said...

Wie ich Dich verstehe. In meiner Tätigkeit stehe ich täglich vor demselben Problem. 45 Nationen, jeder spricht Englisch auf seine Weise, eher "Jungelish". Oder er spricht überhaupt keine Sprache, die wir verstehen...

Eppler Family said...

@crowi: Da sind wir einer Meinung. Auch ich bin dem NFF dankbar für seine pointierte Ergänzung der Thematik. Dass er auch gleich noch die Sparer mit einbezogen hat, verleiht dem Ganzen eine besonders aktuelle Note.

@Zosses: Wie sagt Paul Watzlawick doch so schön: "Man kann nicht nicht kommunizieren". Ob wir die Sprache unseres Vis-à-vis nun verstehen oder nicht, Signale und Zeichen senden wir dennoch aus. Ob sie (richtig) verstanden werden, ist allerdings eine andere Frage. Vielleicht auch eine taktische...

Liebe Grüsse