Thursday, March 19, 2009

Vier Kontinente

Piloten reisen viel und oft. Manchmal mehr als ihnen lieb ist. Und manchmal – besonders nach langen Aufenthalten zu Hause – stopfe ich Unterhosen und T-Shirts etwas lustlos und unmotiviert in den Koffer. Doch dann jagt mich irgendwann am nächsten Tag der Wecker aus den Federn. Und es beginnen Automatismen zu laufen, die sich über viele Berufsjahre ins Unterbewusstsein eingefräst haben: ich schlurfe ins Bad, rasiere mich mit zugekniffenen Augen, ärgere mich unter der Dusche über das entweder zu heisse oder zu kalte Wasser, setze spärlich bekleidet die Kaffeemaschine in Betrieb, trinke während der Aufheizphase (der Kaffeemaschine...) zwei Gläser Wasser sowie ein Actimel, spüle mit Kaffee nach, putze die Zähne, schlüpfe in die Uniform, packe meine Sachen zusammen, kontrolliere meine Ausweise und dann – ganz wichtig – neutralisiere die in diesen Breitengraden leicht fliessenden natürlichen Körpersäfte mit einem Schuss Eau de Toilette.

Lange Reise
So gerüstet und geschmacklich verfeinert schleiche ich mich auch heute morgen aus dem Haus. Es ist Samstag und der Rest der Familie steckt noch tief in den Federn. Niemand, der den arbeitenden Vater mit Trompeten und Fanfaren verabschieden würde. Auch nicht mit einem Abschiedskuss. Dabei werde ich in knapp drei Stunden mit dem farbenprächtigen Etihad Formel 1 A340-600 in Abu Dhabi starten und um die halbe Welt reisen: auf 37'000 Fuss steigen und über die Grosse Arabische Wüste, den Indischen Ozean, Australiens Grosse Victoriawüste, das Australische Tiefland wie auch das Australische Bergland nach Sydney fliegen. Ich werde mir ausserdem während meiner fünstündigen Ruhezeit auf einem Sitz der hintersten Economy-Reihe zwei Filme anschauen, dazwischen genüsslich dösen, zu viel essen und wieder einmal zu wenig trinken, einige Gedanken in meinen Laptop tippen und anschliessend – um das schlechte Gewissen zu beruhigen – mindestens noch ein technisches Bulletin studieren.
So lassen sich 14 Stunden in einer 75 Meter langen Röhre von knapp sechs Metern Durchmesser und bei einer Luftfeuchtigkeit von fünf Prozent relativ gut überstehen. Und weil ich um die gesundheitsschädigende Wirkung solch langer Flüge weiss, habe ich meine persönliche Lebenserwartung schon vor vielen Jahren nach unten korrigiert. Was nicht nur Nachteile hat und mir immer wieder guten Grund gibt, mein Geld jetzt und nicht erst nach meinem Tod, wo’s theoretisch eh zu spät ist, auszugeben...












































Neues Innenleben
Der eigens für das erste in Abu Dhabi stattfindende Formel 1-Rennen umgespritzte Flieger mit der Immatrikulation A6-EHJ ist eine Augenweide. Das Flugzeug wirkt nicht nur auf Bildern attraktiv, sondern auch bei Betrachtung aus unmittelbarer Nähe. Das Innenleben präsentiert sich anders als bei den 340-600 Etihad-Vorgängermodellen. Neben diversen Modifikationen wurde ein Piloten-Crew Bunk unmittelbar hinter dem Cockpit installiert. Ausgerüstet mit einem komfortablen Business-Sitz und einer einklappbaren Bettstatt. Gedacht für den Captain, derweil sich der Copi weiterhin im Heck des Flugzeuges erholen kann. In einem ähnlich ausgestatteten Bunk, der wesentlich mehr Platz und Privatsphäre als die Ruhestätten in den vormaligen Cockpit-Bunks garantiert.
Passagiermässig erfahren die neuen A340-600 ebenfalls eine Erweiterung: 12 First-, 32 (vormals 30) Business- und 248 (244) Economy-Class Gäste finden zwischen vier Galleys, 16 Jumpseats and viel Vorhangstoff Platz. Und sogar fliegen tut das stattlich schwere Ding: mit einem maximalen Startgewicht von 380 Tonnen und einem maximalen Landegewicht von 265 Tonnen bleibt genügend Spielraum, um mit voller Passagierlast und einigen Containern Fracht mehr als 14 Stunden in der Luft bleiben zu können.















Coral Zone Class (Economy)















Pearl Zone Class (Business)















Diamond Zone Class (First)

Harmonisches Ende
Glücklicherweise findet alles irgendwann einmal ein Ende, auch der längste aller ULR-Flüge (Ultra Long Range). Nach 13 Stunden und 21 Minuten touchieren die Räder unseres vielfarbigen Werbeträgers sanft den Beton der Piste 34L in Sydney. Die lokalen Uhren zeigen viertel nach Sieben in der Früh. Und weil Sonntag ist, liegen die meisten Australier noch in ihren Betten. An der Seite ihrer Australierinnen, nehme ich an. Die Strassen sind leergefegt. Anders als in Abu Dhabi, wo am Sonntag bereits wieder die Arbeitswoche beginnt.
Der Bus bringt unsere 19-köpfige Besatzung ins Hotel „Four Seasons“. Ich freue mich bereits auf etwas Schlaf, eine 90-minütige „Jet Lag Massage“ im Spa sowie ein gutes Stück Fleisch in einer gemütlichen Beiz in der Nähe des Hafens. Während ich den Schlaf und die Massage alleine geniesse, versammelt sich zum kulinarischen Teil die gesamte Cockpitcrew. Wir entscheiden uns für ein Lokal, bei dem das Fleisch roh ausgewählt und anschliessend selber gegrillt wird. Salat und Kartoffeln gibts à discretion dazu. Gegessen wird im Freien, allerdings bietet eine Überdachung Schutz vor allfälligen Regengüssen. Die Tische sind wie immer gut besetzt, die Australier geniessen die angenehmen Temperaturen des ausklingenden Sommers.
Und wie wir uns später genüsslich über unser selbst Gegrilltes hermachen, bemerkt der eine Copi, dass hier tatsächlich vier Kontinente an einem Tisch versammelt sind: Zaki aus Malaysia vertritt die Asiaten, Fatah aus Algerien die Afrikaner, Juan Pablo aus Bolivien die Südamerikaner und meine Wenigkeit steht für Europa – wo wir Schweizer doch gar keine richtigen Europäer sind! Glücklicherweise gehöre ich keiner bodenständigen Partei an, so dass ich diese Rolle trotzdem mit der notwendigen politischen Überzeugung wahrnehmen kann.
Vier Kontinente friedlich an einem Tisch vereint. Vier Sprachen, vier Kulturen und vier völlig unterschiedliche Schicksale. Ein Brückenschlag der besonderen Art.















Auch als Modell eine Augenweide

5 comments:

Anonymous said...

as always cool writing and nice pictures
greez from (as always) cold switzerland
eppi

nff said...

... diese unmotivierende Kofferpackerei scheint auch dich zu beschäftigen :-)
Was mir am Beitrag besonders gefällt, ist die Beschreibung de Crewbunks. Dieser kommt meiner Forderung nach King Size Betten im Ruheabteil der Piloten schon ziemlich nahe.

Gruss aus Shanghai

nff

Martin said...

Actimel?

Wieso trinkst Du nicht ein gewöhnliches Joghurt?

Ist nicht gezuckert und kostet viel weniger.

http://www.abgespeist.de/actimel/mitmachen/beschwerde_e_mail_an_danone/index_ger.html

Eppler Family said...

@eppi: tja, zu schade, dass du uns nicht besuchen kannst. Tim hat sogar Gratis-Tickets fürs Coldplay-Konzert gekriegt...

@nff: dieser Crewbunk ist wie geschaffen für dich! Zumindest im Sessel wäre die Beinfreiheit garantiert. Am besten du meldest dich bei Etihad für ein Screening. Ein Eintritt bei uns brächte dir nicht nur den Vorteil bequemerer Crew-Bunks, sondern auch ein früheres Upgrading. Zwei Fliegen auf einen Schlag...

@Martin: Leider hast du ja recht. Zufälligerweise habe ich just heute im online TA folgende Schlagzeile gelesen: "Die Verbraucher haben gewählt. Der Trinkjoghurt Actimel, vermeintliches Wundermittel gegen Erkältungen, ist für sie die dreisteste Werbelüge des Jahres." Und weiter: «Actimel schützt nicht vor Erkältungen – es stärkt das Immunsystem nur ähnlich gut wie ein herkömmlicher Naturjoghurt, ist aber vier Mal so teuer und doppelt so zuckrig. Die Werbung von Danone ist ein grosses probiotisches Märchen.»
Muss mal schauen, ob ich meine Morgengewohnheiten ändern kann...

Gruss

Anonymous said...

Also doch zurück zum Natür-Yoghurt!

"Verzicht nimmt nicht. Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen."

Ich weiss auch nicht...auf die Dauer...die Essensgewohnheiten von Langstrecken Crews.

Dieses Zitat von Martin Heidegger jedenfalls stammt aus einer Fastenbroschüre.

Gruss
Crowi