Wednesday, November 12, 2008

Von Sydney bis Yerevan

Der Flug nach Sydney macht weniger Probleme als die gestrige Fahrt mit der „Lady Ann“. Für den Namen unseres Bootes kann ich keine Verantwortung übernehmen, für die technischen Unzulänglichkeiten, die uns anfänglich wiederfuhren, schon eher. Doch das Schöne an der Macht ist die Willkür. Und weil zumindest die „Macht der Wahrnehmung“ in der Hand der Schreibenden liegt, verzichte ich an dieser Stelle ganz willkürlich auf eine detaillierte Schilderung der Ereignisse auf Abu Dhabis Wassern.

Schwenken wir also zurück zum Flug nach „Down Under“.
Der Anfang harzt: Die Kabinenchefin bleibt im Morgenverkehr stecken und checkt fünf Minuten zu spät ein. Die Verantwortlichen vom Crew Control streichen die Dame kurzerhand von der Besatzungsliste und machen daraus - so will es die Regelung - einen Disziplinarfall. Eine Reserve wird aufgeboten, das Problem ist nur – so befürchte ich – dass sie wohl kaum in absehbarer Zeit am Flughafen eintreffen wird. Deshalb versuche ich Crew Control und „Flight Duty Officer“ zu überzeugen, die ursprüngliche „Cabin Managerin“ nicht ihrer Pflicht zu entheben. Das erweist sich allerdings als kein einfaches Unterfangen. Nach langen Diskussionen lassen sich Hardliner erweichen und Skeptiker umstimmen. Wir haben zwar mindestens eine Viertelstunde verloren, aber alles ist wieder „back to normal“.
Leider hat an gewissen Tagen die Normalität kurze Beine. Kürzere als Lügen. Wenige Minuten nach dem Start reisst uns ein Bimmeln des Warncomputers aus der Routine: Eines der beiden Aggregate unserer Klimaanlage überhitzt und meldet sich ab. Soweit kein Grund zur Beunruhigung. Wir arbeiten die kurze Checkliste durch und hoffen, die Sache sei damit erledigt. Dem ist leider nicht so. Nach zehn Minuten bimmelt es wieder. Auf dem System-Display präsentiert sich dasselbe Bild wie vorher. Wir gehen einen Schritt weiter und entscheiden uns zu einem „Reset“ der entsprechenden Komponente. Doch nach einer weiteren Viertelstunde sind wir abermals mit der gleichen Warnung konfrontiert. Da Fluggeräte der heutigen Zeit mit Satelliten-Telephonen ausgerüstet sind, rufen wir unsere „Maintenance“ in Abu Dhabi an. Die Experten sind zwar auch nicht in der Lage, den Defekt zu beheben, doch immerhin schaffen wir es mit ihrer Hilfe, die Klimaanlage in einem Modus zu nutzen, der einen problemlosen Weiterflug – und ein Steigen auf die ursprünglich geplante Reiseflughöhe – zulässt.

Schaumiges
Nach der Ankunft im frühsommerlichen Sydney, nach einigen Stunden Schlaf und einer 90-minütigen Massage begebe ich mich, mein Buch unter den Arm geklemmt, in den nahe gelegenen Starbucks. Ich bestelle einen Caramel Macchiato und setze mich an eines der kleinen runden Holztischchen. Ich öffne den Deckel meines Kaffeebechers und bin begeistert ob der Konsistenz des Schaumes. Darauf kommt es nämlich an. Guter Kaffee zeichnet sich in erster Linie durch seinen Geschmack und die Dichte des „Schäumchens“ aus. Zumindest für mich. An dritter Stelle erst kommt die Werbung und damit die Erkenntnis, dass auch der Platz an „Mister George Clooney’s“ Seite nur über eben dieses „Schäumchen“ führt.
Mit dem, Kaffeehäusern oben genannter Marke eigenen Holzstäbchen, das mich übrigens immer wieder an dieses „Spachtel“-ähnliche Teil erinnert, das einem der Arzt bei der Untersuchung in den Rachen stösst, beginne ich, den Schaum Schicht um Schicht abzuarbeiten. Derweil lese ich mit Spannung, wie sich der übermüdete Wallander unaufhörlich näher an den diesmal überaus brutalen Mörder tastet. Ich lese so eifrig wie ich Kaffee trinke, und weil der Barristo heute einen so fantastischen Schaum hinkriegt, hole ich mir wenig später einen weiteren Becher. Es ist kurz vor 1800 Uhr, als ich ins Hotel zurückkehre. In einer halben Stunde haben wir uns fürs Nachtessen verabredet.

Kalbshaxen und Oberkrainer
In der Lobby treffe ich auf einen der beiden Copis sowie auf ein Flight Attendant. Beide haben Lust auf Schweinefleisch, das in Abu Dhabi nicht sehr freizügig angeboten wird. Da drängt sich der „Lowenbrau“-Keller in unmittelbarer Nähe des Hotels auf. Ein von Deutschen nach deutscher Art geführtes Lokal, zu dessen Spezialitäten natürlich auch die Schweinshaxen gehören. Bis anhin habe ich mich stets geweigert, nach 14 Stunden Flug ein Restaurant zu besuchen, das ich – im ähnlichen Stil zumindest – von unserem Schweizer Domizil in Stadel in 15 Auto-Minuten erreicht hätte. Heute gebe ich mich für einmal geschlagen. Doch bereits beim Klang des „Oberkrainer-Duplikats“ bereue ich meine Charakterschwäche. Die langen Holzbänke vermitteln Skihütten-Atmosphäre, und das deutsch unterlegte Englisch der Kellnerin im schwarzen Dirndl rundet das Bild perfekt ab. Wir bestellen Löwenbräu, Schweinshaxen und Schweinsschnitzel. Auf die Bretzeln verzichten wir. Der Copi ist aus Sri Lanka, die Hostess aus Armenien. Beide sind begeistert ob der tollen, volkstümlichen Atmosphäre. Ich teile ihre Freude nicht im vollen Ausmass...
Während wir auf das Essen warten, beginnt das Flight Attendant, nennen wir sie Janina, zu erzählen. Die ersten fünf Lebensjahre verbrachte sie in Georgien, wo auch ihre Mutter geboren wurde. Anschliessend zog die junge Familie nach Moskau. Der Vater betrieb ein florierendes Unternehmen mit Mercedes-Ersatzteilen. Auch mit den Autos selber wurde gehandelt. Das Geschäft lief dermassen gut, dass irgendwann die lokale Mafia die Ohren zu spitzen begann. Der Vater weigerte sich zu zahlen, bis eines Tages Janinas Bruder und ein Onkel verschwanden. Erst als die Gelder flossen, tauchten die beiden wieder auf. Doch die Angst blieb, und schliesslich liess der Vater erneut die Koffer packen. Janina erzählt, als wäre dies völlig selbstverständlich. Dazwischen bearbeitet sie unaufhörlich die Schweinshaxe auf ihrem Teller. Im Libanon baute sich die Familie eine neue Existenz auf. Der Vater fand eine Stelle bei der russischen Botschaft. Und weil die Eltern zwar Russisch und Armenisch, nicht aber Arabisch oder Französisch sprachen, war es jeweils Janina, gerade einmal zwölf Jahre alt, die mit ihren Schulkenntnissen immer wieder als Französisch-Dolmetscherin einspringen musste. Dann – im Jahre 2006 – als die Israeli ihre Raketen Richtung Beirut richteten, wurden die Zelte erneut abgebrochen. Die Eltern zog es nach Yerevan, der Hauptstadt Armeniens, wo sie noch heute leben. Derweil sich die Tochter nach Abu Dhabi absetzte und eine Anstellung bei der nationalen Airline der UAE fand.

Die Spannung ihrer Geschichte und die Grösse der gereichten Speisen halten sich die Waage. Der Copi und ich lauschen gespannt, stellen immer wieder Zwischenfragen. Schweinshaxen und Schnitzel sind auch nach einer Viertelstunde immer noch so gross wie die volle Portion eines gutbürgerlichen Restaurants im zentraleuropäischen Raum. Was letztlich auch an den überdimensionierten Fleischbrocken des Hauses liegt. Doch wir geben nicht auf. Angefeuert von der Blaskapelle kämpfen wir tapfer weiter, quer über den Teller, vom einen Rand zum anderen.
Auf den angebotenen Schnaps verzichten wir allerdings. Auch wenn das vielleicht die einzig richtige Massnahme zur Förderung einer erträglichen Verdauung gewesen wäre. Die Klänge der Tuba und der Posaune hallen noch lange in meinen Ohren. Begleitet vom dumpfen Rumoren meines überforderten gastroenterologischen Innenlebens verfolgen sie mich bis in meine tiefsten Träume. Immerhin bleibe ich von der russischen Mafia verschont.

4 comments:

nff said...

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen .....

Ich revanchiere mich nächste Woche mit einem Fressbericht aus BKK :-)

Eppler Family said...

Deine Fressberichte kenn ich! Die sind doppelt gefährlich, da nimmt man vom blossen Lesen zu...

Buenavista said...

"Neid"...einfach nur "Neid" ... die Einen lassen sich in Down Under eine Haxe schmecken - Andere wiederum werden in naher Zukunft in einer meiner Lieblingsdestinationen - BKK - logieren und sich wohl mit "Thom Khaa Gai's" und anderen asiatischen Köstlichkeiten den Bauch vollschlagen! Im Centlal Plaza Shopping Centel sämtliche Läden durchforsten - mit ellenlangem Einkaufszetteli... Gopferteckel!
Und meiner Einer schlägt sich derzeit mit Prüfungsangst durch's Leben.
Sollte ich die Prüfung tatsächlich bestehen, werde ich vorerst acht Monate im Dauerstress Europa kreuz und quer durchfliegen... mit einem schielenden Auge Richtung Asien...! Und ich werde mich hechelnd von (Kurz-)Destination zu (Kurz-) Destination hangeln... bis ich, kurz vor Kollaps endlich, endlich auch die Langstrecken abfliegen darf... Oh - you - my - god ... !!! Auf 'was habe ich mich nur eingelassen...

Der morgige Tag wird's zeigen...

Herzliche Grüsse aus Büli - Regine

Eppler Family said...

Dann drücken wir mal kräftig die Daumen!!! Wie sagt doch der Volksmund so beruhigend: "Wird schon gutgehen"...

Und falls es nicht klappen sollte, laden wir dich zu einer "Relaxwoche" nach Abu Dhabi ein.

Toi, toi, toi