Wednesday, July 15, 2009

Der Zug der Karawane

Ferien sind zur Erholung gedacht. Müde, abgespannte Seelen, von der Hetze alltäglicher Probleme gebeutelt, dürsten nach Musse und Nichtstun.
In diesen Tagen und Wochen verbringen wir ebensolche Ferien in der Schweiz. Träge wie ich nun einmal bin, fällt es mir beim Müssiggang schwer, die lose baumelnden Früchte meiner Gedankengänge niederzuschreiben. Dafür habe ich mir vorgenommen, viel und Vielfältiges zu lesen. Oftmals aber fallen mir nach wenigen Seiten bereits, sei es auf dem Liegestuhl unter südschweizerischer Sonne oder auf dem Berner Oberländer Laken, übermannt von übermächtiger Druckerschwärze, die Augen zu.

Zwischendurch verbringe ich so manche Stunde am Steuer unseres nicht mehr ganz taufrischen Chrysler Voyager. Beispielsweise von Neerach nach Neftenbach, Zürich und Grüt bei Wetzikon. Und jeweils wieder zurück.
Dann – eine Woche später Verschiebung ins Diemtigtal. Bereits am nächsten Tag weiter nach Adelboden. Für einmal nur Franziska und ich. Unterwegs zum Jubiläumstreff: Im Jahre 1979 begannen dannzumal 16 junge, motivierte Kandidaten ihre Pilotenausbildung an der Schweizerischen Luftverkehrs Schule SLS. Ich war einer von ihnen. Seither sind drei Dekaden verstrichen. Auf unseren Buckeln haben sich tausende von Luftstrassenmeilen angehäuft. In alle Ecken dieser Welt sind wir geflogen, haben Hunderte von Passagieren sicher und oftmals pünktlich in die Anonymität exotischer Flughäfen entlassen. Jetzt kreuzen sich unsere vielfältigen Wege in alpenländischer Bodenständigkeit. Begleitet von den Ehefrauen kommt es zum Stelldichein in Adelboden. Etwas in die Jahre gekommen, das Haar gelichtet, ergraut – glücklich jene, die überhaupt noch welches haben. Drei Kollegen geniessen bereits den Ruhestand, einer hat seine Lizenz aus medizinischen Gründen verloren, zwei fliegen für Airlines aus dem Mittleren Osten, einer hat der Fliegerei vollständig den Rücken gekehrt und die Branche gewechselt. Auch der vor vielen Jahren mit dem Militärhubschrauber abgestürzte Klassenkamerad ist im Geiste präsent, denn seine Ehefrau besucht mit ihrem neuen Partner regelmässig unsere jährlichen Treffen. Die Scheidungsrate unserer Truppe ist übrigens erstaunlich tief: nicht nur für allgemeine Schweizer Verhältnisse, sondern erst recht für Pilotenstandards. Lediglich vier von 16 ehemaligen SLS-Schülern der Klasse 3-79 haben sich von ihrer ersten Ehegattin getrennt.
Während der zwei intensiven Tage gibt es Vieles zu berichten und auszutauschen. Auf der Schwelle zum Rentnerdasein, werden uns einmal mehr die Folgen des Swissair-Groundings vor Augen geführt. Doch ich will an dieser Stelle nicht in Wehklagen über reduzierte Renten verfallen. Schliesslich werde ich noch für einige Jahre im Räderwerk der (Aviatik-)Industrie eingespannt bleiben. Und somit mein Salär weiterhin mit entsprechender Produktionsaufwand-Quote rechtfertigen. Also was solls.













































Nach Adelboden und entsprechender Ausnüchterung fahren Franziska und ich wieder ins Diemtigtal. Das Ritual beginnt von neuem: Auspacken, waschen, bügeln, einpacken. 19 Stunden später rollt unser Wagen, vollgepackt mit kompletter Familie sowie zahlreichen Koffern und Taschen, erneut Richtung Spiez. Diesmal führt uns die Fahrt über Grimsel und Nufenen (6 Grad Celsius) ins Tessin. Endziel Lugano (28 Grad Celsius). Die Karawane zieht weiter.















Die Gegend südlich des Monte Ceneri stimuliert mich immer ungemein. Zum Einen bin ich top motiviert, mein kümmerliches Italienisch aufzubessern, studiere Wörterbücher und in Hochglanz gefasste Konjugationstabellen. Andererseits stürze ich mich sogleich nach der Ankunft im „Bello Ticino“ ins eifrige Studium von Immobilien-Annoncen. Meine Frührentner-Fantasien scheinen grenzenlos und reichen von der Idee eines Bootsverleihs bis hin zum Traum, in einer der engen Altstadtgassen Luganos eine Espressobar mit Gelateria zu betreiben.















Die Woche ist gut angelaufen. Wie immer vergeht die Zeit viel zu schnell. Die Abende sind lau, der weisse Chardonnay mundet mindestens so vorzüglich wie der rote Merlot im Bocchalino. Das Wasser im Pool ist angenehm warm, wenn auch das erste Eintauchen etwas mehr Überwindung kostet als in Abu Dhabi. Aber schliesslich scheint die Sonne nicht gar so heiss und unerbittlich wie in den Emiraten.

4 comments:

Anonymous said...

Es freut mich sehr, diese frohe Schar von bekannten Rentnern, Fruehrentnern und Fastrentnern zu sehen. Gluecklicherweise kann ich das Bild vergroessern und mit Lesebrille analysieren. Vielleicht waren die frueheren Arbeitsbedingungen in der Airline-Industrie doch nicht so schlecht? Gruss aus Sydney (kurz vor Aida-Besuch), Giuliano

Eppler Family said...

Lieber Giuliano, du sprichst ein grosses Wort gelassen aus! Unsere Piloten-Jahrgänge vermögen wohl erst jetzt so richtig abzuschätzen, welch grosszügige Privilegien uns dereinst zuteil wurden. Immerhin durften wir beide den grössten Teil unserer Aktiv-Karriere davon profitieren. Die jungen Kollegen wurden da etwas übler "gerupft".
Wie auch immer; viel Spass in der Aida, und liebe Grüsse an den Giuseppe!

Anonymous said...

Hoi Fränzle, wünsche euch einen schönen Aufenthalt in der Schweiz.
Lieber Gruss
Therese Bernet-Nussbaum

Eppler Family said...

Hoi These, schön, von dir auf diesem Kanal zu hören. Wir geniessen Familienferien im Tessin, die leider, wie so oft, viel zu schnell vergehen. Ich hoffe, es geht dir gut - spätestens bis zur nächsten Klassenzusammenkunft...!
Liebe Grüsse
Fräne