Thursday, May 14, 2009

Wasta

Es kommt vor, und zwar nicht selten, dass mir bei der abendlichen Heimfahrt hinter dem von der Sonnenbestrahlung sengend heissen Steuer unseres Zweitwagens die Gedanken überquellen. Ich verspüre dann jeweils einen unsäglichen Drang, mich hinter die zwar abgewetzte, aber weniger heisse Tastatur meines Laptops zu setzen und loszuschreiben. Sätze purzeln mir durchs Gehirn, Ideen, Verknüpfungen, Formulierungen.
Zuhause angekommen, scheint dann aber alles wie vom "Shamal" weggeblasen.

Die vergangenen Wochen waren intensiv, nicht nur weil uns viele Freunde und Verwandte besuchten. Ich habe ausschliesslich im Büro gearbeitet. Beinahe einen Monat ohne Start und ohne Landung. Nicht einmal ein kleiner Hüpfer, der mir zu einem Hauch von Schwerelosigkeit verholfen hätte.
Unser Nachbar, mein Arbeitskollege, ringt mit einer schweren Krankheit. Jeden Tag fährt er mit mir ins Büro am Flughafen. Ans Fliegen ist für ihn nicht zu denken. Sein Leiden und Hoffen aus nächster Nähe mitzuerleben, schüttelt mich kräftig durch, lässt mich zweifeln und hadern. Es sind Momente, in denen sich Werte verändern und mit neuen Preisschildern versehen werden. Momente auch, in denen sich immer wieder ein milchiger Schatten über das eigene Wohlergehen legt.

Doch das Leben geht ungeachtet dessen weiter. Mit jedem Monat, jedem Jahr in den Emiraten umspannt uns ein engeres Netz. Das Schuljahr neigt sich seinem Ende zu. Während Tim und Nina an der ACS (American Community School) aufgeblüht sind, und eine für Franziska und mich oftmals unerklärliche „Amerikanisierung“ durchleben, tut sich Linda immer schwerer an der Deutschen Schule. Wohl wäre sie – etwas schlingernd zwar – auf Abiturkurs, doch das Umfeld bereitet ihr seit geraumer Zeit Mühe. Auch wenn sich die Deutsche Schule auf stetigem Wachstumskurs befindet, ist sie von der Dynamik einer ACS mit 900 Schülern noch weit entfernt. Linda, die sich in ihrer Freizeit mittlerweile fast ausschliesslich in eben diesen ACS-Kreisen bewegt, möchte die Schule wechseln. Motivation und Einsatz sind auf einem Tiefpunkt angelangt, die Noten ebenfalls. Doch die ACS weist uns anfänglich ab. Mit der Begründung, dass keine Schüler in "Grade eleven and twelve" von emiratischen Schulen mit einem gleichwertigen Curriculum akzeptiert würden. Franziska und ich verlangen ein Gespräch mit dem „Superintendent“ (Rektor), bei dem es uns gelingt, die unglückliche Situation unserer Tochter glaubwürdig zu schildern. Wir schlagen sogar vor, die zehnte Klasse zu wiederholen, um die geltende „Policy“ umschiffen zu können. Das Gespräch zeigt Wirkung. Linda wird zur Prüfung zugelassen. Das Resultat soll über allfällige Aufnahme und Klassenzugehörigkeit entscheiden. Linda meistert sich offenbar gut, der Bescheid ist positiv; sie darf direkt in die elfte Klasse. Wir freuen uns, denn wir versprechen uns alle viel von diesem Schulwechsel.

Just am selben Tag, als uns dieser Bescheid erreicht, flattert eine weitere – seit langer Zeit erwartete – höchst positive Nachricht in meinen elektronischen Briefkasten: Sowohl die SWISS wie auch der Pilotenverband AEROPERS haben einer einjährigen Verlängerung meiner „Option to return“ zugestimmt. Damit läuft das Rückkehrrecht erst im Sommer 2011 aus. Für den entsprechenden Entscheid lässt man uns sogar Zeit bis im Februar 2011. Wer hätte das gedacht! Damit ist garantiert, dass auch Linda ihren High School Abschluss hier in Abu Dhabi machen kann. Und Franziska und mir wird die Gnadenfrist zum Fällen des Rückkehr-Entscheids grosszügig verlängert.
Für Tim geht es bald ins letzte Wüstenjahr. Seine schulische Belastung hat im Verlauf der letzten Wochen stark zugenommen. Das IB (International Baccalaureate) ist so richtig lanciert. An vielen Tagen kommt er um 1600 Uhr mit dem Schulbus nach Hause, und brütet für den Rest des Tages über seinen Hausaufgaben, lediglich unterbrochen von ein oder zwei Stunden Eishockey. Die Zeiten haben sich für ihn definitiv geändert. Nicht nur in der Schule übrigens.
Seit wenigen Wochen beschäftigt er sich mit der hohen Kunst des Autofahrens. Die Theorieprüfung hat er bereits erfolgreich hinter sich gebracht, ebenso den sogenannten „Evaluation drive“ vom vergangenen Samstag. Dafür haben wir vorgängig extra einen Wagen mit Handschaltung gemietet, und mit dem Sohnemann eine Woche lang Anfahr-, Schalt- und Bremsübungen im und vor dem Compound abgespult. Jetzt gehts ans Praktische. Doch zuerst ist Geduld angesagt. Aufgrund von Engpässen plant die „Emirates Driving School“ seine ersten Fahrlektionen erst auf Mitte Juni. Das scheint uns spät, viel zu spät.
Seit Bezug der neuen Büros teilen die Flight Safety-Mitarbeiter die Arbeitsräume mit den Kollegen der Aviation Security. In dieser Abteilung sind vorwiegend Emiratis (Locals) tätig. Alle bestens vernetzt und teilweise gar mit vorgängiger Erfahrung im Geheimdienst. Nach gut drei Jahren in diesem Land bin ich mit Sitten und Gebräuchen weitgehend vertraut. "Wasta" ist arabisch und kann etwa mit dem Begriff „Beziehungen“ umschrieben werden. Wer „Wasta“ nutzt, handelt nach lokaler Usanz nicht etwa egoistisch, sondern passt sich ganz einfach den hiesigen Gebräuchen an. So kostet mich die diskrete Anfrage bei den Kollegen von der Security wenig Überwindung. Ob sie denn nicht die Fahrausbildung meines Sohnes etwas beschleunigen könnten, will ich wissen. Mit wehender „Kandoora“ nimmt sich ein junger Kollege meines Anliegens an, erkundigt sich nach Tims Dossier (das ich natürlich ganz zufällig dabei habe...). Er vertröstet mich auf den nächsten Tag. Im Verlauf des kommenden Morgens verkündet er mir, dass zwar kein früherer Slot verfügbar wäre, Tim jedoch an die Spitze der Warteliste „vorgerückt“ sei. Und wie von Geisterhand geführt, lässt auch die erste Annullierung nicht lange auf sich warten. Bereits nach einer halben Stunde taucht der Kollege wieder auf, in der Hand sein Handy, murmelt etwas vom kommenden Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag und Mittwoch, und bietet tägliche Fahrstunden an, allerdings immer um 14 Uhr. „Geht nicht“, erwidere ich, „die Schule wird das kaum erlauben“. Mein Vertrauensmann diskutiert weiter am Telefon. Seine Stimme wird lauter. Nach zwei Minuten offeriert er Abendstunden. Mit Ausnahme des Montags. Ich bin begeistert und nicke erfeut. „Wasta“ sei dank.
Am kommenden Morgen lege ich dem Freund und Helfer diskret eine Schachtel „Frigörli“ auf sein Pult. Eine Hand wäscht die andere, und viel mehr als zartschmelzende Schweizer Schokolade habe ich in diesem Moment nicht zu bieten.

Irgendwann später, am selben Tag, steht ein anderer Kandoora-Träger vor meinem Pult, blickt verstohlen, spricht mit leiser Stimme: Sein Cousin würde gerne Pilot werden, raunt er mir zu. Und er erkundigt sich nach dem „Cadet-Program“ von Etihad. Ob ich allenfalls Hintergrundinformationen hätte und „etwas machen“ könne.
Ob für solch hochgesteckten Wünsche mein bescheidenes Wasta-Kontingent ausreichen wird, bezweifle ich. Und überziehen ist nicht vorgesehen...

13 comments:

Flo said...

Oha, was für ein Anliegen (das letztere). Irgendwie finde ich aber auch, dass das Etihad-Cadet-Program ein absoluter Reinfall ist (das für Expats UND Emiratis). Ich war beim Assessment in FRA (natürlich nicht bestanden, hatte auch nichts anderes erwartet) im März und ich habe mir viele E-Mail-Adressen, MSN-Kontakte usw. geben lassen von den Mitstreitern, und es wurde quasi JEDER von den Emiratis zu Stage 2 eingeladen, wobei von etwa 30 Deutschen und Briten, die ich kenne und dort bzw. in LHR waren, ein einziger weitergekommen ist. Da kann mir niemand erzählen, dass die nicht-Expats solche Übermenschen sind und es allesamt "drauf haben". Insofern könnte ich mir schon vorstellen, dass du da etwas drehen kannst.

Anonymous said...

immer diese beziehungen..... nicht alle sind aber gut! :-( üse

Eppler Family said...

@flo: Ich muss an dieser Stelle eingestehen, dass ich zum Cadet-Programm nicht viel sagen kann, wendet es sich doch in erster Linie an eine andere Altersgruppe..
Ich weiss von Söhnen einiger Expat-Piloten, aber auch von ehemaligen (Expat)Flight Attendants, die seinerzeit hier in Abu Dhabi positiv selektioniert wurden und sich heute in der Ausbildung befinden. Das Rekrutierungsverfahren kenne ich überhaupt nicht. Der Ansatz, eigene Piloten auszubilden ist in dieser Region ziemlich neu, und entstand nicht zuletzt vor dem Hintergrund, möglichst viele Emiratis ins Cockpit der "National Airline of the UAE" zu holen.

@Üse: Es gibt eben solche und solche. Es lohnt sich auf jeden Fall, vorsichtig zu sein. Es ist nicht alles Gold was glänzt!

nff said...

Bevor meine Phantasie wieder Purzelbäume schlägt, möchte ich meiner Freude über die verlängerte Return-Option kund tun.

Denn - Achtung, jetzt kommt die kreative Attacke - falls der Dide wieder in das Swiss-Land kommt, könnte er dank Wasta und Geheimdienstkontakten dafür sorgen, dass nff & skypointer uhurenhurtig ein Directupgrading auf den a340 machen könnten. Für das Wasta wären dir Pasta und vino rosso sicher!

PS: um himmelgottswillen kein Kernteam gründen, sonst habe ich keine Chance :-)

Andreas said...

Immer mehr wird einem bewusst, dass Griechenland doch eher zu Middle East, als zu Europe gehoert..

Hierzulande heisst das ganze je nach dem "visma" oder (amerikanisiert) "kone" (=connection), und funktioniert je nach dem wie qualitativ es ist, auf allen Ebenen des Lebens...


Gruss!

Eppler Family said...

@nff: ...Pasta und vino rosso...! Ich würde euch ja liebend gerne weiterhelfen. Aber mit Pasta und vino rosso lockst du keinen einzigen (verdorbenen) Mittelöstler hinter der Düne hervor. Solltest du dich zu einem Mercedes mit güldenen Felgen und diamantenbestickten Ledersitzen durchringen können, dann ruf mich einfach an...

@Andreas: Wasta, Visma oder Kone. Gemeint ist wohl immer das Gleiche. Ich will nur hoffen, dass auch meinem Steuersekretär die entsprechende Terminologie und deren Anwendung bekannt ist!

nff said...

@Dide:
... ok, beginne zu sparen. Trotzdem habe ich etwas, mit dem ich zumindest einen der Mittelöstler neidig machen kann: ich war heute bei schönstem Wanderwetter im Diemtigtal

Eppler Family said...

Aber hallo! Das ist natürlich etwas anderes. Das nächste Mal müssen wir solch sportliche Aktivität unbedingt mit typischem Berner Oberländer Brauchtum koordinieren. ich denke da etwa an Hobelkäse und Rebensaft oder Diemtigtalerwurst und ein kühles Bier.
Bin überhaupt erstaunt, dass ein Engadin-Freak wie du, sich ins Diemtigtal abtreiben lässt. Ob da irgendetwas mit dem Windheading nicht gestimmt hat...?

Gruss

Hofer's said...

Dennis hat seit ca. einem Monat den Führerschein und auch bereits ein eigenes Auto (Fiat Punto, 14-jährig, günstig und mega geil ... ;-)und für uns heisst das: NIE MEHR "Hirslen-Transport" :-) :-)judihui, im Gegenteil sehr praktisch: Er holt jetzt die kleine Schwö vom Reiten, fährt mit Freundin und älterer Schwö ins Alpe, ist ab sofort für den Getränke-Nachschub bei Hofer's verantwortlich, etc. CHEIBE PRAKTISCH! Liebe Grüsse aus dem Unterland

Eppler Family said...

@Dennis: Herzliche Gratulation!!! Die vormaligen "Bambini" werden älter. Sind richtige Männer geworden wie es scheint... Wir wünschen weiterhin gute Fahrt!

Gruss

G! said...

Tja, dann ist die Frage nach deiner Rückkehr quasi zum Season-Finale-"Cliffhanger" geworden...freut mich aber zu hören, dass sie dir deinem Wunsch entsprechend verlängert wurde.

ABER, wasta hin oder her, der NFF MUSS auf den 320, dann bleib ich nämlich auf der Kurzstrecke um ihn einzuführen ... statt er mich auf dem 340 :-) Basta - net wasta :-)

G!

Meft said...

Hello there. I've been reading your blog using google translate. Although I want to learn German, i have a 2 in 1 question: Why not write in English and do you know any other blog from an Etihad Pilot(any language)?
I tried getting into the Etihad Cadet Pilot Programme but I failed the hand eye coordination test. I would have loved meeting you and learning new things. But at least i can read a great blog(altough translated)
Have a great day.
Metin

Eppler Family said...

@Metin: Thanks for the nice words! And sorry to hear that you did not pass the screening.
Writing in english is not an issue at this point since the contents are mainly thought for our friends and relatives at home. Besides, writing in english would probably drag in quite a few Etihad-employees hence weakening a little bit my "blog-privacy"...
I don't know any other EY-pilot maintaining a blog, sorry! This leaves you eventually with only one option: you have to improve your german!!!

Good luck!