Saturday, August 01, 2009

Wen die Sucht plagt

Mein „Line Check“ 2009 ist Geschichte, bis im Juli des nächsten Jahres herrscht diesbezüglich Ruhe. Doch der Schein trügt. Ein Pilot lebt ja bekanntlich nie so richtig unbeschwert, hangelt sich von einem Check zum nächsten: Bereits am 9. August muss ich wieder mit einem Instruktor das Cockpit teilen. Dass es ausgerechnet der Chefinstruktor A330/340 ist, mag Zufall sein, trägt aber nicht unbedingt zur Entspannung der Lage bei. Grund des gemeinsamen Einsatzes ist der Verfall meiner Kathmandu-Bewilligung: Wer innerhalb 90 Tagen nicht ins nepalesische Hochland geflogen ist, muss erneut zu einem Überprüfungsflug antreten. Und als wär das noch nicht genug, tanzen vor meinem geistigen Auge bereits Blutdruckmessgerät und EKG-Elektroden. Im September ist mein „Medical Check“ fällig. Dafür muss ich zwar nicht stundenlang Handbücher und Computerlernprogramme studieren, dafür werde ich in den kommenden Tagen und Wochen öfters mal die Schokolade durch einen Apfel ersetzen.

Im Oktober lassen sie mich in Frieden, da kann ich tief durchatmen, doch bereits im November holt mich die Gegenwart wieder ein; der Simulator-Check steht an, was gleichbedeutend ist mit zwei Tagen Knochenarbeit in der Tretmühle. Von der Vorbereitung mag ich an dieser Stelle gar nicht reden. Wie gesagt, Piloten müssen ständig am Ball bleiben. Das gilt für das fliegerische Greenhorn genauso wie für den Kollegen mit 15'000 Flugstunden.

Doch bevor sich Kreti und Pleti über meinen Jammergesang lustig machen, reisse ich das Steuer selber herum. Der „Line Check“ ist zwar – wie der Begriff treffend ausdrückt – ein „Check“, also eine Kontrolle, doch lachen ist deswegen keineswegs verboten. Den Nachtflug nach London bringen wir erstaunlich gut hinter uns. Wir diskutieren, angeregt von einigen Fragen des Kollegen auf dem dritten Sitz; Fragen der Automatik genauso wie Firmen- und Familienpolitisches. Obwohl der Copilot nicht gecheckt wird, beteiligt er sich mit der Leidenschaft arabischer Sippenführer lebhaft an den intensiven Gesprächen.
Der Instruktor und ich staunen nicht schlecht, als er – wir sind gerade dabei, die Erziehungsmethoden für pubertierende Töchter zu revolutionieren – unvermittelt einen Zigaretten ähnlichen Stengel in der Hand hält. Und wir glotzen wohl noch viel dämlicher, als er, wie ein echter Raucher eben, sich das Ding zwischen die Lippen klemmt und daran zu ziehen beginnt. Ob der uns verarschen will, schliessich herrscht auch bei Etihad seit mindestens zwei Jahren Rauchverbot in der Flugzeugkanzel. Kaum zu glauben, aber die Spitze dieser Peudozigarette verfärbt sich dabei glühend rot, und alsbald entweicht seinem Mund eine weiss milchige Rauchwolke. Wie echt!
Als er unser Staunen bemerkt, hält er inne. Aber nur um zu erklären, dass es sich bei diesem Modell gleichsam um einen simplifizierten „Raucher-Simulator“ handelt. Piloten reden mit Piloten am liebsten in der stark vereinfachten und im Wortschatz drastisch reduzierten Piloten-Einheitssprache. Beim Begriff „Simulator“ wird uns schlagartig bewusst, dass es sich hier nicht um eine echte Zigarette handeln kann. Wir können unsere Unterkiefer wieder entspannen und regelmässig weiter atmen. Diese Zigarettenkopie, so erfahren wir weiter, wird mit einer Nikotin-Patrone geladen und verkommt damit auf einfachste Art und Weise zu einem Sucht-Befriediger mit Placeboeffekt.
Dem Copi scheint es jedenfalls gutzutun. Entzugserscheinungen bleiben gänzlich aus. Dank dieses Stengels, den er in regelmässigen Abständen aus der einfach luxuriös anmutenden schwarzen Edelbox holt, um uns mit einigen Wolken-Imitaten die Sicht auf Instrumentenbrett und Sternenhimmel zu rauben. Das Set hat er sich übrigens in den USA erstanden. Für satte 150 US-Dollar.

Einfach unglaublich, wozu diese Raucher fähig sind...

7 comments:

nff said...

... gibt es das auch für Zigarren?

Gruss aus dem Berner Oberland!

Eppler Family said...

http://www.leben-wohnen-technik.de/elektrische-zigaretten-zigarren.html

Beinahe so komplex wie ein Flugzeug. Es bleibt die Frage, ob der suchtgeplagte Raucher (die suchtgeplagte Raucherin) ebenfalls zwei Mal jährlich zum OPC antraben muss: Damit im Pannenfall sämtliche eletrischen und pneumatischen Komponenten richtig bedient werden...

Grüss mir das Berner Oberland! Bist etwas zu spät - schade, dass wir uns verpasst haben!

Denti said...

Andere Firmen haben da schon drauf reagiert, bei uns sind die Dinger an Bord verboten mit der letzten Flugbetriebsmitteilung.

4. Elektrische Zigarette

Die Benutzung sogenannter elektrischer Zigaretten ist an Bord von xx Flugzeugen grundsätzlich verboten. Hintergrund dieser Regelung: Andere Gäste sollen durch den Gebrauch solcher Zigaretten und die Qualmabgabe nicht irritiert werden. Außerdem stellt das durch einen Hochleistungsakku betriebene Heizelement eine Brandgefahr dar.

Eppler Family said...

@Denti: Sehr interessant! Da sind offenbar einige Airlines bereits einen Schritt weiter. Der Tatsache, dass "Flugbetriebsmitteilungen" in Deutscher Sprache versandt werden, entnehme ich, dass es sich hier wohl um eine deutsche Airline handelt...?

Gruss

wiesie said...

Ist das Geruchsneutral?

Gruß
Wiesie

Crowi said...

Erstaunlich!
Nie davon gehört: "Wen die Sucht plagt" - ein Methadonprogramm für Raucher.

Eppler Family said...

@wiesie: Scheint so. Meine Nase ist zwar nicht die allerbeste, aber riechen konnte ich absolut nichts.

@crowi: Ich habe ebenso gestaunt!