Wednesday, July 18, 2007

Sisha-Nebel

Zwei freie Tage. Viel Zeit. Viel Ruhe. Ein leeres Haus.
Allerdings sind inzwischen sämtliche Zimmer eingerichtet und möbliert. Vor einem Jahr standen die Räume quasi leer. Dennoch zieht es mich an freien Tagen regelmässig in die Stadt. In eine der grosszügigen Malls, in ein Restaurant oder ins Kino.
Nicht dass ich mich darüber freuen würde, die Sommermonate ohne Familie im Emirat zu verbringen. Es ist aber mitnichten so, dass ich einsam und verbittert vor mich hin darbe. Ich geniesse die mir zur Verfügung stehende Zeit. Die Ruhe gibt mir Gelegenheit, angestaute Pendenzen zu erledigen oder ganz einfach, meinen Gedanken nachzuhängen.

Mystische Rauchschwaden
Zum Beispiel im Sisha-Café. Der Name „Hardfalls“ lässt zwar keine unmittelbaren Assoziationen mit „Tausendundeiner-Nacht“ aufkommen. Doch ich erinnere mich, dass vor längerer Zeit ein arabischer Copi den Namen erwähnt hat. Man würde hier, so hat er mir auf einem Flug vorgeschwärmt, die beste Shisha in der ganzen Stadt rauchen. Ich will es wissen. Obwohl ich dies kaum zu beurteilen in der Lage bin. Zu spärlich, zu stümperhaft sind meine Kenntnisse.
Es ist Abend, kurz nach neun Uhr. Nur mit Mühe und der Hilfe eines umtriebigen Kellners finde ich an einem freien Tisch Platz. Zweifellos ein gutes Indiz. Das Lokal liegt in der Marina Mall und ist gut besetzt. Es herrscht im wahrsten Sinne des Wortes „dicke Luft“. Kaum hat man den Fuss ins Innere des Cafés gesetzt, trüben schwere Shishawolken den Blick und verhüllen die Anwesenden in mystisch anmutenden Rauchschwaden: Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechts, die an langen Holzstielen saugen. Ich rutsche meinen Stuhl zurecht, die Platzverhältnisse sind nicht üppig, die Betreiber nutzen die zur Verfügung stehende Fläche bis auf den letzten Millimeter.

Indische Wurzeln
Der Kellner stellt eine Flasche Wasser auf den Tisch, dessen rotes Tischtuch mit einer sauber gereinigten Glasplatte beschwert ist. Ich bestelle einen Espresso „single shot“, dazu eine Shisha mit Apfeltabak. Bislang immer noch mein favorisiertes Aroma. Shisha-Rauchen ist erwiesenermassen ungesund. Nicht so Früchte – und der Apfelgeschmack in meinem Gaumen lässt das Paffen weniger schadhaft erscheinen. Schiere Illusion. Wie wir uns doch selbst betrügen, denke ich und lasse meinen Blick durch den verqualmten Raum schweifen, dessen Luft gesättigt ist von schweren orientalischen Düften. Der Geschmack typisch arabischer Parfums vermischt sich mit den vielfältigen Aromen der Wasserpfeifen. Es sitzen auffällig viele Frauen an den Tischen und geben sich ebenso ungeniert dem Rauchgenuss hin wie die Patriarchen des Morgenlandes. Das Prinzip der Shisha, so berichtet die Überlieferung, hat seinen Ursprung in Indien. Dort soll die erste Wasserpfeife aus einem in eine Kokosnuss gesteckten Bambusstock bestanden haben. Der Name ist urtümlich persisch „shishe“ (Glas) und gelangte ins Türkische „şişe“ sowie ins Arabische, wo er in den nordafrikanischen Dialekten den Glaskörper der Wasserpfeife aber auch die Pfeife insgesamt bezeichnet. Das gemeinsame Rauchen wird bis heute als Symbol der Gastfreundschaft angesehen.

Zaghaftes Paffen
In schwarz gekleidete Kellner sind für die Verteilung der Shishas zuständig. Sie sind ebenso dafür besorgt, dass den Wasserpfeifen nie die Kohle ausgeht. Auf wundersame Art sind sie in der Lage, bis zu drei dieser wenig handlichen Rauchobjekte aufs Mal zu tragen. Sie erinnern mich, so absurd der Vergleich anmutet, an die stämmigen Oktoberfest-Kellnerinnen mit ihren Bierkrügen. Ich muss schmunzeln: Was den Bavaren ihre „Mass“, ist den Arabern wohl ihre „Shisha“. Doch dieser Vergleich scheint hier niemanden zu interessieren. Bayern liegt zu weit entfernt.
Der Kellner bringt mir meine Shisha an den Tisch. Ich entferne die Plastikhülle, die über das Mundstück gestülpt ist und nehme einen ersten, zaghaften Zug. Zaghaft deshalb, weil ich schon des öfteren beim ersten Ansatz Husten musste. Ein diletantischer Lapsus, den ich hier nach Möglichkeit vermeiden will.

Belebte Gespräche
Das Lokal ist vorwiegend mit Arabern, vermutlich verschiedenster Herkunft besetzt. Die einen, im traditionellen Gewand, allerdings mit unterschiedlicher Kopfbedeckung; vom weissen (Gatra) Kopftuch über das rote (Shmagk) bis hin zum – vor allem bei den jüngeren Männern – viel verbreiteten „Baseball-Cap“ findet sich alles. Die Frauen verstecken ihre Reize unter schwarzen Abayas. Es sind jedoch auch viele westlich gekleidete BesucherInnen auszumachen. An den Tischen links und rechts von mir sitzen je zwei Araber im Dishdash und unterhalten sich angeregt. Nicht nur mit Worten, ihre Hände unterstreichen das Gesagte mit wilden Gesten. Dazu trinken sie Arabischen Kaffee, der in geschwungenen silbernen Krügen serviert wird.
Rundherum wird heftig diskutiert und gelacht. Der Geräuschpegel zwingt, lauter als gewohnt zu sprechen. Ich konzentriere mich auf das Gespräch meiner Tischnachbarn, kann jedoch kaum ein Wort erhaschen. Einmal mehr fällt mir der bisweilen aggressive Charakter dieser Sprache auf. Gutturale Laute unterstreichen den harten Wort- und Satzrhythmus und hämmern in wildem Stakkato an mein Ohr. Wer nicht diskutiert, betreibt mit seinem Handy kommunikative Selbstbefriedigung. Ohne Mobiltelefon läuft hier nichts. Überhaupt nichts! Die kleinen silbernen und schwarzen Dinger liegen stets in Griffnähe auf dem Tisch und werden mit wachsamem bis liebevollem Blick unablässig kontrolliert. Viele Araber haben ständig den kleinen Kopfhörer im Ohr, nicht nur im Café. Erhöhte Bereitschaft für spontane Gespräche. Man weiss ja nie. Dabei könnte man sich hier so herrlich mit Rauchzeichen verständigen.

Angeregte Sinne
Ich paffe entspannt an meiner Shisha und verfolge die aufsteigende Rauchwolke, in der meine Gedanken entschweben und sich im Nichts aufzulösen scheinen. Solche Momente inspirieren mich ungemein. Der Genuss des Kaffees regt meine Sinne an, der Tabak wirkt irgendwie entspannend, wenn nicht gar berauschend. Ich fokussiere einen rauchenden Araber und versuche, die Kadenz seiner Züge mitzugehen. Nur so zum Spass. Und weil ich wissen will, wie der Fachmann raucht.
Mein Handy blinzelt mir durch abziehende Rauchschwaden zu. Für arabische Verhältnisse liegt es bereits zu lange unangetastet auf dem Tisch. Leicht lasse ich mich verleiten und schicke den beiden Töchtern ein SMS, frage, wo sie gerade stecken. Dazwischen ein tiefer Zug. Die ältere antwortet schnell, berichtet, dass sie soeben mit der Schweizerischen Bundesbahn in Lausanne eingetroffen sei, wo sie mit einer Freundin eine Woche Ferien geniessen will. Nina lässt sich Zeit. Eigentlich antwortet sie gar nicht. Erst drei Stunden später, als ich schon lange wieder zuhause bin. Dafür gleich in dreifacher Ausführung. Berichtet von Badefreuden im Thunersee. Meine Antwort lässt nicht lange auf sich warten, der Blick aufs Handy ist wieder ungetrübt, denn mittlerweile hat sich der Qualm endgültig verzogen.

3 comments:

Anonymous said...

Ja, ja, die gute Sisha, mit der lässt sich so einiges vernebeln und manches viel gelassener sehen... Zeit und Raum spielen dann so ab und an keine Rolle mehr...

Anonymous said...

Hallo Dide, liebe Grüsse aus der Schweiz von Willy und seiner Familie. Herr Dosé hat gekündigt und wie Du siehst, denken wir immer noch an Euch!
Liebe Grüsse aus Zürich W + T + O + F

Dide said...

Hallo liebe Kotouns!

Da staun ich aber nicht schlecht. Freut mich natürlich, von euch auf diesem Weg zu hören. Und das mit dem Herrn Dosé sowieso...
Alles Gute und hoffentlich bis bald einmal!
Dide