Sunday, April 22, 2007

„The arabic way“

Wie im vorletzten Eintrag angetönt, findet unsere Reise in den Oman eine unerwartete Fortsetzung in Abu Dhabi. Der Einbruch in unseren Wagen, verbunden mit dem Diebstahl von Bargeld, einem Handy und einigen Kleidungsstücken bringt uns insofern in ein Dilemma, als dass wir das Missgeschick erst nach unserer Rückkehr bemerkt und damit die Gelegenheit für eine unmittelbare Meldung bei den lokalen Polizeistellen verpasst haben.
Einen offiziellen Polizeirapport brauchen wir jedoch unbedingt, wollen wir Versicherungsleistungen beanspruchen...

Also entschliessen wir uns, die Polizei in Abu Dhabi zu benachrichtigen. Um voreilige Fehler zu vermeiden, wenden wir uns zuerst hilfesuchend an Atif, einen der Security Officers im Al Qurm Compound. Wir erklären ihm die Situation und bitten ihn, eine Polizeipatrouille aufzubieten. Sein Einwand, dass sich die Beamten in Anbetracht des ausserhalb der UAE liegenden Tatorts der Sache wohl kaum annehmen würden, klingt einleuchtend. Wir sollen doch eher vorgeben, das Ganze wäre in Abu Dhabi passiert, fügt der gute Mann an. „Oh“ sage ich, „we do it the arabic way...“. Worauf er zustimmend lacht.

Phase 1
Gesagt, getan. Atif bietet die Patrouille auf, derweil Franziska und ich im Haus warten und die abgeänderte Strategie verfeineren. Nach 20 Minuten klingelt es. Vor der Tür steht ein Polizeiauto, dem zwei uniformierte Beamte entsteigen. Atif ist ebenfalls anwesend. „Sabah al chair“ begrüsse ich die Herren, worauf sie breit grinsen und mit einem „Sabah al Nour“ quittieren.
Mit der Hilfe von Atifs Übersetzerkünsten – die lokalen Polizisten verfügen in der Regel nur über rudimentäre Englischkenntnisse – versuchen wir den Männern zu erklären, dass Franziska vor zwei Tagen, anlässlich einer Rundfahrt mit ihrer Schwester durch Abu Dhabi, beim „Public Beach“ beraubt worden sei. Aufmerksame BlogleserInnen werden sofort bemerken, dass wir die Realitäten aus taktischen Gründen minimalst (Datum, Ort) angepasst haben (the „arabic way“) – offenbar jedoch nicht genügend. Die Beamten zögern nämlich und meinen, dass wir zu lange gewartet hätten. Nun wäre es für sie unmöglich, einen Rapport auszufüllen, und sie verweisen uns freundlich an die Polizeistation Shabeya im Zentrum der Stadt.

































Einbruchspuren an der Beifahrertüre

Phase 2
Jetzt, wo wir schon einmal die Fakten angepasst haben, zögern Franziska und ich keine Minute und machen uns unverzüglich auf den Weg. Bei der Polizeistation angekommen, melden wir uns beim Empfang. In knappen Worten schildere ich dem uniformierten Beamten das Problem, worauf er uns in ein Büro im Nebengang schickt. Ich versuche erneut, den Ablauf zu erklären, der anwesende Polizist bekundet jedoch Mühe, mich zu verstehen. Glücklicherweise befindet sich gerade ein „Kunde“ am Schalter, der freundlichst seine Übersetzerdienste anbietet. Ihn scheinen sie zu verstehen. Nun wird ein ranghöherer Polizist geholt. Jeden neuen Beamten begrüsse ich artig auf Arabisch. Überhaupt versuche ich wann immer möglich, einzelne arabische Floskeln oder Begriffe einzuwerfen. „Shoukran“ – „Danke“ oder „Aiwa“, der ägyptische Begriff für „Ja“. Oder wenn’s gar nicht mehr geht „Ana misch fahim", was soviel heisst wie „ich verstehe nicht“.
Wie weiter? Niemand scheint es so genau zu wissen. „Now we open se case“ (Arabic pronounciation: th wird als s ausgesprochen) raunt mir schliesslich ein üppig dekorierter Beamte in vielsagendem Ton zu. „Actually we open two cases“, doppelt er sogleich nach. Einen "Fall" will er wegen des Schadens am Auto eröffnen, den anderen wegen der entwendeten Gegenstände. Das ist uns bescheidenen Schweizern beinahe etwas zu viel des Guten, und Franziska und ich schauen uns unsicher an. Doch die "doppelte" Vorgehensweise ist unumgänglich, denn eine Schadensreparatur ist hier nur möglich unter Vorweisung eines Polizeiprotokolls. Bevor wir uns äussern können, will der höhere Beamte den Wagen begutachten. Offenbar erweist sich unser „case“ als wichtig und interessant. Zu dritt schreiten wir zum Parkplatz. Während der Inspektion des Schadens scharen sich immer mehr neugierige Polizisten um unseren Prado. Jeder fragt ein bisschen und tut gewichtig seine Meinung kund. Eo entwickelt sich eine animierte Diskussion, von der Franziska und ich allerdings wenig bis gar nichts verstehen.

Phase 3
Inmitten eines mittlerweile auf stattliche Dimensionen angewachsenen „Begleittrosses“ werden wir alsdann in ein neues Büro geführt. Hinter dem Schreibtisch thront ein Beamter, dessen Schulterpatten befürchten lassen, der Mann sei aufgrund ihrer reichhaltigen Dekoration in regelmässiger Behandlung bei einem Chiropraktor. Er wirkt jugendlich, und mustert uns mit ernstem und gleichzeitig listigem Blick. Irgend jemand – wir haben inzwischen die Übersicht verloren – beginnt auf Arabisch zu erklären. Der Offizier hört zu, stellt Zwischenfragen auf Englisch, überlegt. Immer wieder taucht die Frage nach dem „where exactly“ auf, gefolgt von „why you come only now?“ Wir geben Antworten, immer wieder dieselben. Präzisieren, werden aber kaum verstanden. Ein Witzbold fragt „Do you know se sief…(„the thief“)?”, worauf wir mit ernstem Blick verneinen. Leider nicht – sonst hätten wir ihn wohl gleich selber besucht...
„Why did you remove se car?“ Weil wir die Kratzer nicht gesehen und den Diebstahl erst zu Hause bemerkt hätten, verteidigen wir uns. „But we need wis most accrrrcy si exact location of se carr!” verlangt der Beamte im typisch arabischen Englischakkzent. „It’s very, very, very important!”

Phase 4
Doch auch nach mehr als einer Stunde im Polizeigebäude ist unser Fall noch immer nicht „eröffnet“. Der Officer, der sich als Captain entpuppt, winkt ab. Sein Polizeiposten sei nicht zuständig dafür. Der „Public Beach“ liege im Rayon des „Khalidya Police Departments“ meint er und weist uns an, dort vorzusprechen. Ein cleverer Bursche: Wohl liegt unser Wohnort in "seinem Bezirk", doch mit dieser Taktik verhindert er ungeliebte Schreibarbeit vor dem Feierabend. Ich lege ihm meine Visitenkarte auf den Tisch und füge an, dass ich ebenfalls ein „Captain“ wäre, allerdings beim lokalen Flugtransportunternehmen, dass ich den genannten Polizeiposten nicht kennen würde und er sich doch gnädigst unseres Falles annehmen möge. Er scheint zu zögern, doch dann meint er, ich solle mich an Captain (schon wieder einer) Tashiri al Khabili wenden. Der würde uns sicher helfen.
Doch vorerst geben wir auf. Es ist zu heiss und wir sind hungrig. Ausserdem wollten wir uns mit Giuliano und seiner Frau Beatrice zum Mittagessen treffen. Anschliessend müssen die Kinder von der Schule abgeholt werden. „Boucra inch allah“ – morgen, so Gott will....

Phase 5
Franziska will am nächsten Tag – was ich befürchtet habe – den Fall unbedingt weiter verfolgen. Und meine Anwesenheit sei unumgänglich, fügt sie vielsagend an, denn als Vertreterin der weiblichen Gilde – und da liegt sie wohl nicht so falsch – würde sie ihr Ziel nur schwerlich erreichen.
Also fahren wir zusammen zur „Khalidya Police Station“, wo wir uns ohne Umschweife bei Captain Tashiri al Khabili anmelden. Er sitzt im weissen Dishdash vor seinem Pult, den Telefonhörer in einer Hand, heftig argumentierend. Nachdem er aufgelegt hat, schaut er uns fragend an, worauf ich einmal mehr – nach Präsentation meiner Visitenkarte, so viel habe ich gelernt – unsere „Diebesgeschichte“ erzähle. Immer wieder unterbricht ein Übersetzer. Wir staunen nicht schlecht, als Captain Tashiri schliesslich, ohne gross nachzufragen, einen herumstehenden Polizisten anweist, „den Fall zu eröffnen“ („open se case“).

Phase 6
Wir folgen einem fülligen Beamten in ein weiteres Büro und werden angewiesen, Platz zu nehmen. Zum ersten Mal fragt uns jemand nach den Fahrzeugpapieren und den Führerausweisen. Rasch wird eine Kopie erstellt, dann setzt sich der Polizist von rundlicher Statur hinter das Pult und startet den Computer. Umständlich ordnet er einige Papiere auf seinem beinahe leeren Schreibtisch, dann seufzt er schwer und meint „Too much busy“. Dabei blickt er uns mit drolligem Hundeblick an. Wir können uns des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass er sich nicht uneingeschränkt freut über unseren „Fall“. Glücklicherweise betritt im nächsten Augenblick ein Kollege mit etwas fundierteren Englischkenntnissen und einer motivierteren Haltung den Raum und beginnt mit der Befragung im Stile eines Maigret, Derrick oder Brunetti. Sein Kollege mit den Bernhardineraugen tippt derweil bedächtig aber regelmässig das Gesagte in den Computer. Vorsichtig und mit nur zwei Fingern. Diese Prozedur dauert rund 40 Minuten! Sämtliche abhanden gekommenen Gegenstände werden schriftlich festgehalten. Während des Gesprächs wird unser Büro munter frequentiert: Männer und Frauen in Uniform kommen und gehen, grüssen freundlich, lächeln oder lächeln auch nicht, plaudern mit „unseren“ Beamten und tragen so das ihre zu einer kurzweiligen Runde bei.

Phase 7
Nach rund anderthalb Stunden scheint alles unter Dach und Fach. Franziska muss eine Kopie des in Arabisch abgefassten und für uns unleserlichen Protokolls unterzeichnen. Wir sind auf die Ausführungen des Beamten angewiesen und glauben, was er uns sagt. Wenige Minuten später drückt uns der gute Mann doch tatsächlich die Bestätigung für die Versicherung in die Hand. Ebenfalls in Arabisch, aber günstige Übersetzer gibt es ja genug in Abu Dhabi. Kaum zu glauben. Wir bedanken uns herzlichst und können es kaum fassen. Ob wir nun wohl gehen können?

Phase 8
Nein – zu früh gefreut! Wir sollen noch auf zwei Beamte warten zwecks fotografischer Erfassung unseres Schadens am Auto. Und wegen der Spurensicherung natürlich. Uns plagen Hunger und Durst, aber wir setzen uns geduldig auf eine Bank und warten, bis plötzlich zwei junge Araber vor uns auftauchen. Sie tragen andere Uniformen, etwas dunklere, mit militärischem Einschlag. Aber sie lächeln, was uns zuversichtlich stimmt. Gemeinsam gehen wir zu unserem Wagen. Sie öffnen die Türe, wobei sie allen Ernstes die Klinke mit einem Tüchlein anfassen. Wegen der Fingerabdrücke, meinen sie. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das Auto bereits gestern in der Waschanlage gewesen war...
Doch dann scheinen sie plötzlich Zweifel zu bekommen. Wieso wir uns denn erst drei Tage später gemeldet hätten. Also doch – einen Haken muss die Sache ja mindestens haben. Sie erklären sich ausserstande, das Foto hier zu machen und weisen uns an, unverzüglich bei der Shabeya-Polizeistation vorbeizugehen. Franziska und ich können diesen plötzlichen Sinnes- und Strategiewandel nur schwer nachvollziehen. „You have to report to the investigation officer“, erklärt der eine. Und zur Sicherheit will er meine Handynummer wissen. Nicht dass es der gute Mann dabei belassen würde, er tippt die Nummer in sein Telefon und kontrolliert, ob es bei mir auch klingeln würde! Wir erklären den Beamten, dass wir jetzt – nach mehr als zwei Stunden auf dem Posten – unsere Kinder von der Schule abholen müssten und keine Zeit für Fotoshootings hätten. „Sen you pick up your children and you go after“ sagt er, und als er unsere skeptischen Mienen bemerkt, scheint er ein bisschen Erbarmen zu haben und meint „...or just go when you have time...“.

Phase 9
Noch hatte ich keine Zeit dafür. Ich will auch keine Zeit haben und werde nicht hinfahren. Franziska noch weniger. Nein, auf keinen Fall tun wir uns das an! Die Protokollkopie für die Versicherung haben wir, das ist die Hauptsache. Und der Beamte hat mich bis heute nicht angerufen.
Let’s stick to „the arabic way“…

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