Monday, October 19, 2009

Harte Bandagen

Ich weiss, schon lange nichts mehr geschrieben. Der Wind droht die „Wüstenspuren“ zu verwehen. Dabei gäbe es genug zu berichten, wenn ich denn nur ein bisschen mehr Zeit fände. „Alles eine Frage der Organisation“, flüstert mir der kleine Freund ins Ohr. Der Anfang wird deswegen nicht einfacher. Worüber soll ich schreiben...?

Über den Kauf eines neuen Bootes und dessen Transport von Dubai nach Abu Dhabi? Über den Mega-Ärger mit dem Mercedes? Über die Besuche aus der Schweiz? Oder über die von Franziska und mir forsch in Angriff genommenen Weiterbildungen? Vielleicht ein Wort über die sportlichen Aktivitäten unserer Kinder an der ACS, beziehungsweise über die Geschehnisse rund um die anstehenden EMAC-Turniere? Oder soll ich an dieser Stelle meinen Senf zu den soeben im Schweizer TV angelaufenen „Grössten CH-Hits“ niederschreiben?

Also von allem ein bisschen. Querbeet. Diagonal.
Vor zwei Wochen besuche ich mit Franziskas Bruder Buda in Dubai einen Bootshändler. Dabei verlieben wir uns spontan in „Natasha“. Sie verfügt über Traum-Masse: 24 Fuss Rumpflänge und 275 Pferdestärken. Mit zwei Jahren beinahe noch jungfräulich. Mit meinem Bruder Urs und dem SLS-Kollegen Toni, heute in Emirates-Diensten, verabreden wir eine Probefahrt vor dem Burj Al Arab. Und gestern verschieben der vormalige Boots-Miteigner Peter Lembach und ich die neu erstandene „Sea Beauty“ auf dem Trailer nach Abu Dhabi. Aus „Natasha“ wird „Litina“, die Dubai-Nummer weicht dem Abu Dhabi-Schild. Etwas umständlicher als gedacht gestaltet sich die Registrierung. Den ersten Ämter-Marathon habe ich hinter mir. Die Fortsetzung folgt in den kommenden Tagen.





























Weniger Freude macht mir mein bescheidener C-Klasse Mercedes, Jahrgang 2005. Ein diskretes Rattern unter der Motorhaube hats angekündigt. Dann kommt es knüppeldick. Kompressorschaden – der Ersatz kostet 12'000 Dirham, sprich 3600 Schweizer Franken. Eine Woche fahre ich im Mietwagen des gleichen Herstellers, allerdings B-klassig. Die Nobelmarke mit dem Stern agiert später aber nicht sehr nobel, und will weder für den Mietwagen aufkommen, noch einen Anteil des teuren Kompressors übernehmen. Ich telefoniere mit Vertretern von Werkstatt und Management, koche vor Wut, schäume, laufe über. Schliesslich gewährt man mir zwölf Prozent auf die Gesamtrechnung. Die Kosten für den Mietwagen (500 Franken) werden mit Politur-Gutscheinen im Wert von 170 Franken kompensiert.
Heute – ich verschiebe gerade vom Traffic Department zur Coast Guard – leuchtet es wieder knallrot auf der Instrumentenanzeige: Diesmal deutet die Warnung auf einen Batterie- oder Alternatorschaden. Ich fahre schnurstracks zur Mercedes-Zentrale, wo ich den Empfang links liegenlasse und mich direkt in die Werkstatt vorkämpfe. Der Werkstattchef wirkt betroffen und rät mir schliesslich hinter vorgehaltener Hand, den Batteriewechsel bei einer der vielen kleinen „Hinterhof“-Werkstätten in Auftrag zu geben. Zeitlich schneller und halb so teuer. Zwei Stunden später ist die Sache erledigt; für insgesamt 700 Dirham. Die Originalbatterie allein hätte 1300 Dirham gekostet, den Einbau nicht eingerechnet...

Am Mittwoch fliegen die beiden Mädchen mit ihren Volleyballteams an die EMAC-Turniere (Eastern Mediterranean Activities Conference). Nina reist nach Kairo, Linda verschiebt nach Kuwait. Vier Tage werden sie dort paarweise bei Gastfamilien wohnen und die Farben der ACS verteidigen. Wenn es um solche Sportanlässe geht, scheuen amerikanische Schulen keinen Aufwand. In diesem Fall wird für die Reise gar ein neuer „Track Suit“ mit Schullogo angefertigt. Bezahlen tun natürlich die Eltern, ebenso für den Flug und die Nebenkosten. Durchschnittlich 2000 Dirham pro Teilnehmer. Glücklicherweise findet das Fussball EMAC-Turnier Ende November in Abu Dhabi statt. So sparen wir Tims Ticket, dürfen dafür zwei Jungs anderer Mannschaften bei uns unterbringen.
Doch nicht nur die Schule richtet mit grosser Kelle an, die Eltern verteidigen die Sportlerehren ihrer Sprösslinge hemmungslos und kämpfen mit harten Bandagen. Denn letztlich werden nur je zehn SpielerInnen für die „Traveling Teams“ selektioniert. Für die Team-Members gelten strikte Regeln. Wer mit Alkohol oder beim Rauchen erwischt wird, fliegt sofort aus der Mannschaft. Nun hat Nina dummerweise Fotos von einem Wüstentrip ins Facebook gestellt. Zusammen mit Freundinnen aus der Schweiz pafft sie genüsslich an einer Shisha. Die Bilder stammen allerdings aus dem letzten Schuljahr. Die veröffentlichten Fotos kommen der Mutter oder dem Vater eines nicht im Team aufgenommenen Mädchens trotzdem gelegen. Anonym schickt er oder sie die Bilder an die Schulleitung. Woraufhin Nina kurzerhand ins Büro des sportlichen Leiters zitiert wird. Vorgängig fangen die Verantwortlichen Linda auf dem Schulgelände ab und wollen wissen, wann Nina zum letzten Mal in der Wüste gewesen sei. Die Befragungen der Schulleitung sind fair. Es geht letztlich darum herauszufinden, WANN diese Bilder geschossen wurden. In diesem Fall glücklicherweise VOR dem Beginn der laufenden Volleyballsaison. Die Trainerin stellt sich voll und ganz hinter Nina. Sämtliche Befrager verurteilen diese hinterhältige Anschuldigung. Nina bleibt im Team und kann ihre Taschen fertig packen. Morgen Mittwoch beginnt das Abenteuer. Die beiden Töchter sind vom Volleyball-Virus befallen. Die Spannung ist spürbar. Der Stolz mitzufliegen ebenfalls. Wir sind gespannt auf die Resultate.

2 comments:

Anonymous said...

Die Bandagen sind wirklich hart; so wie das Leben!
Denunziation, wie sie leibt und weiterlebt! Dieses wird einmal mehr klar; am Beispiel ihrer Tochter!

Ha ha ha...trotzdem...danke für die Insiderinfo. So eine Hinterhofwerkstätte stellt sich als durchaus brauchbare Alternative dar, IMHO, jenseits von brands und marks und sonstigen Brandmarkungen; herdenmässig, meine ich: Muuuhhh!

"A captain is born, not made."
In Abwandlung eines Sprichwortes grüsse ich sie herzlich, dear Captain Eppler

Crowi

Eppler Family said...

@Crowi: Ich weiss nicht, ob Kapitän zu sein wirklich eine Berufung ist. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit - wie so oft im Leben - irgendwo in der Mitte.

Oder mit anderen Worten: Trotz harter Bandagen bewähren sich Kompromisslösungen. Was letztlich wiederum beweist, wie wichtig eine überlegte Taktik ist...

Wüstengruss