Thursday, September 04, 2008

Ten Years After

Heute beginnt der Ramadan. Wir schreiben den 1. September. Während ich kurz nach halb acht am Morgen Richtung Flughafen fahre, schiessen mir diverse Gedanken durch den Kopf. Es scheint, als würde der „Holy Month“ das Leben in Abu Dhabi um einige Energie-Einheiten zurückfahren. Zumindest zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Sämtliche Motoren spulen im Leerlauf. Die um diese Zeit sonst dicht befahrenen Strassen wirken ungewohnt verlassen und leer.

Misstritt
Als hätte jemand die Zeit angehalten, denke ich. Bereits Tage zuvor haben Banken und Geschäfte verkürzte Öffnungszeiten angekündigt. Die Schulen beginnen ab heute ihre Lektionen später und schliessen dafür früher. Den Kindern und Jugendlichen kanns recht sein, das Tagesprogramm endet bereits um 14.20 Uhr. Für Linda hat der Unterricht eben erst wieder begonnen, denn die Sommerferien der Deutschen Schule (DSAD) dauerten zwei Wochen länger als jene der ACS. Da bleibt ihr kaum genügend Zeit, die Vorzüge der neuen Schulanlage zu geniessen. Die DSAD ist in den Ferien nämlich umgezogen und hat den alten und viel zu kleinen Barackenbau gegen ein topmodernes und grosszügiges Schulhaus getauscht. So könnte lernen direkt Spass machen, allein der Ramadan setzt andere Prioritäten. Zugute mag dieser Umstand vielleicht Linda’s Fuss kommen, den sie sich am Vortag beim Unihockey übertreten hat. Ihr erster Versuch, mit einer Gruppe Skandinavier einmal wöchentlich „Inner Bandy“ zu spielen, ist ungünstig angelaufen. Daran kann auch ihr Bruder Tim nichts ändern, der ihr zuliebe ebenfalls mitspielt (weil sie doch so schüchtern ist) und dafür sogar ein Fussballtraining fürs „Varsity-Team“ der ACS schwänzt. Spielerisch kann Linda zwar passabel mithalten, ein ärgerlicher Misstritt gegen Ende des Abends setzt ihrem Eifer hingegen ein abruptes Ende: Der Knöchel schwillt trotz sofortiger Eis-Auflegung stark an und die nächsten Tage dürfte sie bei anstehenden sportlichen Aktivitäten (Facebook und MSN gehören glücklicherweise nicht in diese Sparte) wohl nur eine Nebenrolle spielen.

Zusammenbruch
Derweil mich solche und ähnliche Gedanken beschäftigen, bin ich noch immer unterwegs zum Airport. Wieder einmal ist ein Flug nach Sydney angesagt. Der islamische Fastenmonat ist auch für die Fluggesellschaften des Mittleren Ostens eine Herausforderung. Die Passagiere sind – speziell bei Tagflügen – oft ungeduldig und gestresst. In der Regel vermag die erste Mahlzeit nach Sonnenuntergang (Iftar) die Gemüter zu beruhigen. Fasten tun allerdings nicht nur unsere Gäste. Auch viele Besatzungsmitglieder wollen, trotz ihrer körperlich anstrengenden Arbeit nicht verzichten. So kommt es immer wieder vor, dass Flight Attendants im Galley kollabieren. Denn nicht immer haben sie die Disziplin, sich vor Sonnenaufgang aufzuraffen und die letzte Mahlzeit (Suhur) vor der Fastenperiode einzunehmen. In der Folge erscheinen sie zwar ausgeruhter, dafür aber mit völlig leerem Magen zur Arbeit, was ihre Leistungsfähigkeit früher oder später einbrechen lässt. Der Ramadan ist für die Muslime zweifellos eine ganz besondere und intensive Phase des Jahres, für die Airlines dieser Region jedoch ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders eine anforderungsreiche Zeit.
Auch unsere Sydney-Mission fordert die Besatzung an diesem gelobten Morgen mehr als gewohnt. Als bereits alle Passagiere auf ihren Sitzen angeschnallt sind, sorgt eine libanesische Familie – die beiden Eltern und ihre bereits erwachsenen Kinder – im Fingerdock für Unruhe. Der Vater weigert sich partout einzusteigen. Der alte Mann scheint psychisch schwer angeschlagen und völlig von Sinnen. Während ihn der stämmige Sohn im Klammergriff durch die Flugzeugtüre stossen will, trommelt der Vater mit Fäusten auf ihn ein. Als wäre dies nicht genug, versetzt er ihm zwischendurch einen kräftigen Fusstritt ans Schienbein. Der „Jetty“ist gefüllt mit Polizisten und Bodenpersonal, unsere Kabinenbesatzung versucht vergeblich, Ordnung zu schaffen. Der andere Captain, ein erfahrener Schwede mit 30 SAS-Jahren auf dem Buckel, und ich sind ebenfalls zugegen. Die Angehörigen des kranken Mannes möchten unbedingt auf diesen Flug. Sie versprechen uns, sich um den Patienten zu kümmern und ihn um jeden Preis stillzuhalten. Einerseits verstehen wir das Bitten und Flehen, auf der anderen Seite tun wir uns schwer mit dem Gedanken, solch wüste Szenen während 13 Stunden Flug anderen Passagieren zuzumuten. Noch während wir uns beraten, sorgt eine Meldung aus dem Heck des Flugzeugs für zusätzliche Verwirrung; Eine Passagierin ist beim Verlassen der Toilette zusammengebrochen. Die Cabin Managerin erklärt, telefoniert und informiert gleichzeitig. Zweiteilen kann sie sich allerdings nicht. Bengt und ich haben uns mittlerweile entschieden, die vierköpfige Familie nicht mitzunehmen. Den Tränen nahe müssen sie dies akzeptieren, die Mutter stösst lauthals arabische Verwünschungen aus. Ändern können sie jedoch nichts. Die Bodenmannschaft hat bereits ihre Koffer aus dem entsprechenden Container geladen.
Ich eile nach hinten und schaue mir die angeschlagene Passagierin, eine etwa 40jährige Araberin, an. Sie liegt immer noch am Boden, Mund und Nase unter der gelben Sauerstoffmaske. Die an den Plastikschlauch gekoppelte Flasche liegt neben ihrem Kopf. Die Mutter steht verwirrt daneben, die kleine Tochter ebenfalls. Selbstverständlich möchte auch diese Familie mitfliegen. Sie fühle sich wieder besser und sei durchaus reisefähig, murmelt die Dame durch die Maske – "mafi muschkela". Ob sie fasten würde, will die Cabin Managerin wissen, worauf die Araberin verneint und anfügt, sie hätte solche Zusammenbrüche ab und zu. Hoffentlich nicht während der nächsten 13 Stunden, denke ich, denn wir entscheiden uns in diesem Fall zugunsten der drei Frauen und lassen sie auf dem Flugzeug. Wir müssen es nicht bereuen, es kommt zu keinen weiteren Zusammenbrüchen.

Halifax
Nicht überstanden haben ihre Reise am 3. September 1998 Besatzung und Passagiere des Swissair-Fluges SR111. Die brennende MD11 stürzte auf dem Flug von New York nach Genf bei „Peggy’s Cove“ in den Atlantik. Während ich Gedanken dieser Art wälze, sitze ich im Cockpit eines A340-500. Auf dem 14-stündigen Rückflug von Sydney.

Alle Insassen wurden in jener Nacht getötet. Die Gedanken an diesen Unfall lassen dumpfe Gefühle und schauderhafte Empfindungen hochkommen. Auch heute noch: zehn Jahre danach. „Ten Years After“ – unter diesem Namen feierte eine legendäre Band dereinst Welterfolge. Beispielsweise im Jahre 1969, im verregneten Woodstock, als der charismatische Alvin Lee die Saiten seiner Gitarre minutenlang bearbeitete. Die wohl erfolgreichste Nummer von „Ten Years After“ hatte den Titel „I’m going home“. Für die Insassen von SR111 blieb dies am 3. September 1998 – vordergründing betrachtet – ein unerfüllter Wunsch. Wer die Grenzen aber etwas weiter zieht, könnte zweifellos behaupten: „They did go home; for the very last time.“

1 comment:

crowi said...

Gedankenschwanger wie immer, Ihr Bericht.

"The Bluest Blues": Alvin Lee hat nach Ten Years After solo weitergemacht. Ein Stück aus so einem Album heisst eben so. Man kriegt "den Blues", angesichts dem, was vor 10 Jahren passiert ist. Und was "I'm Going Home" betrifft, so sind sie alle heimgegangen, jeder an seinen Ort oder Nicht-Ort, der Christ, der Atheist, der Moslem, der Hindu...wobei dieser vielleicht bereits wieder sein nächstes Leben fristet, hienieden...

Jedem das seine.