Tuesday, August 28, 2007

Diabolo, Jonglage und Kartenspiel

Ich hätte diesen Bericht – in Anlehnung an den letzten Blog-Eintrag – auch anders betiteln können: „Die Angst des Artisten vor dem Trapez“ beispielsweise. Doch meine Tochter fand dies doof, und so habe ich darauf verzichtet. Soll der Handke beim Fussball bleiben. Christoph wird es mir danken.
Ich schaffe es zu guter Letzt dann doch noch, nach Basel zu kommen. Das Taxi bringt mich für satte 50 Franken (Trinkgeld inklusive) in zehn Minuten vom Flughafen zum Circusgelände. Nach einer ausgiebigen Begrüssungs- und Besichtigungsrunde schleichen wir uns nach der Pause erwartungsvoll ins gut gefüllte Zelt und wohnen der zweiten Hälfte der Nachmittagsvorstellung bei. Ein erstes zaghaftes „Schnuppern“, ein erster Vorgeschmack des diesjährigen Programms. Und dann fällt bereits der Vorhang, die Vorstellung ist zu Ende, während ich verstörter Weltenbummler mit meinen Gedanken noch ganz woanders bin.
Die Abendvorstellung lassen wir aus, um mit dem extra aus Neftenbach angereisten Bruder und seiner Frau Karin den Abend und das Essen zu geniessen. Auch am Sonntag verzichten wir auf Popcorn und Manegenzauber und fahren stattdessen ins Aargauische Untersiggenthal. Dort nämlich hat Aschi Moser zusammen mit Gattin Carmen zum alljährlichen Sommertreff unserer SLS (Schweizerische Luftverkehrsschule)-Klasse aus dem Jahre 1979 geladen. Und weil’s eben so wunderprächtig passt, wollen wir uns diese Zusammenkunft nicht entgehen lassen. Neun Kollegen unserer 14-köpfigen Klasse haben sich angemeldet. Eine stattliche Teilnehmerzahl. Mit Frauen, Freundinnen und teilweise auch mit Nachwuchs (der mittlerweile in vielen Fällen die Erzeugergeneration um Haupteslänge überragt) trudeln sie ein. Herrliches Sommerwetter, ein einladender Garten und hervorragende Gaumengenüsse bilden einen tollen Rahmen. Die Diskussionen drehen sich natürlich in erster Linie ums Fliegen, wobei einzelne Gespräche deutlich machen, dass die Pensionierung unweigerlich näher rückt. 26 Jahre sind es her, seit wir unsere Pilotentätigkeit bei der Swissair begonnen habe.
















Hitzige Diskussionen am SLS-Fest

Regen und spielfrei
Am Montagmorgen prasselt der Regen auf das Dach unseres Circuswagens. Heute ist spielfrei. Zu dumm, jetzt, wo wir Zeit hätten. Noch immer haben wir erst die eine Hälfte des Programms gesehen.
Es ist dies nach 2001 und 2003 bereits das dritte Mal, dass unsere Familie eine Woche im Ferienwagen des Circus Monti (http://www.circus-monti.ch/) verbringt. So viele Vorstellungen haben wir noch nie verpasst. Doch wir geniessen den Tag auch ohne Artistik und begeben uns auf einen Einkaufsbummel in die Stadt. Der Circus hat sein Zelt und die Wagenstadt auf der Rosentalanlage aufgebaut, unmittelbar neben dem Messeplatz. Die Lage ist ideal und erinnert mich immer wieder an frühere „Europazeiten“ bei der Swissair auf den Flugzeugtypen DC-9, MD-80 und Fokker 100. Wir waren damals im Swissôtel untergebracht, nur einen Steinwurf vom Monti entfernt.
Tempi passati – jetzt bin ich als Circusgast hier! Am Dienstag geht’s richtig los. Wir alle können die Abendvorstellung kaum erwarten. Unsere Mädchen sind natürlich vor allem auf die Darbietungen der beiden Muntwyler-Söhne Tobias (14) und Mario (10) gespannt. Der erste zeigt eine schnelle und variantenreiche Diabolo-Nummer auf äusserst hohem Niveau. Mario, sein jüngerer Bruder jongliert zusammen mit seinem Vater und drei weiteren Artisten. Die weissen Plastikkeulen fliegen in allen Richtungen durch die Manege und allein vom Zuschauen wird uns schwindlig. Wir sind begeistert und das rege aufmarschierte Publikum offenbar auch. Beim anschliessenden Bier zumindest bestätigt uns einer der Clowns, dass – für einen Dienstagabend – eine überraschend lebendige Atmosphäre geherrscht hätte.
















Jonglieren mit Mario
















Linda spielt Nummerngirl
















Fliegender "Tausch" der Diabolos
















Nicht alle sind gleich begabt...

Kartenspiel und Circuslektionen
Die Vorstellungen der nächsten Tage locken ähnlich viele Zuschauer ins Monti-Zelt. Johannes Muntwyler, der „Circus-Chef“ lobt die Basler und meint, dass die Gastspiele am Rheinknie jedes Jahr erfreulich ausfallen würden. Die Basler wissen wohl nicht nur Fasnacht zu feiern, hätte nur noch gefehlt, dass der Suter oder der Ospel als „Waggis“ ins Zelt marschiert wären...































"Unser Circuswagen"

Linda und Nina verbringen die meiste Zeit mit Tobi und Mario. Die beiden Jungs besuchen jeden Morgen die Circusschule, deren Camper ganz in der Nähe unseres Ferienwagens postiert ist. Die Klasse besteht lediglich aus drei Schülern. Und während der Vorstellungen hilft die Lehrerin im Buffetwagen mit. Bei einem Circus dieser Grösse wird von den Angestellten universeller Einsatz gefordert. So hat auch beim Zeltab- und aufbau jeder und jede seine zugeteilte Arbeit.
Der Nachmittag ist in der Regel schulfrei, oftmals stehen Vorstellungen auf dem Programm. Linda übt Diabolo mit Tobi, und in ahnunsloser Verspieltheit, animiert sie ihn zu einem neuen Trick, den er noch am gleichen Abend erfolgreich in seine Nummer einbaut. Mario will uns das Jonglieren mit den Keulen beibringen, merkt aber bald, dass „Hopfen und Malz“ verloren ist. Mit den Bällen geht’s schon wesentlich besser, allerdings noch nicht so, wie sich der junge Artist, der mit allem jongliert, was ihm in die Hände gerät, dies vorstellt.
Im Gegenzug zeigen Linda und Nina den Circussöhnen ausgefallene Kartenspiele wie „Gemsch“ und „Arschlöchle“. Und in der Folge sieht man die vier ständig und überall – am Gartentisch wie im Wohnwagen – mit Karten in den Fingern. Vor der Vorstellung wie auch nach Spielschluss wird gespielt und gelacht, nicht immer nur zur Freude aller Eltern, die ihre Sprösslinge lieber im Bett gesehen hätten.
Franziska und ich geniessen es, nach den Vorstellungen bei Monti-Bier oder Kaffee im Restaurant-Zelt die Zuschauer zu beobachten. Wie sie gedankenverloren die Artisten-Fotos auf den Bildwänden betrachten und dabei noch einmal einzelne Nummern im Geiste aufleben lassen. Das Gefühl, nicht mehr nach Hause fahren zu müssen, sondern im Circusareal nächtigen zu dürfen, ist Genuss, Freude und Vorfreude auf den nächsten Tag zugleich.

Artisten- und Träumerleben
Eine Woche inmitten der Circusfamilie bringt verschiedene Einblicke und relativiert so manches im Leben einer „Normalfamilie“. Der Circus hat seine eigenen Gesetze und setzt bei allen Beteiligten Flexibilität und Improvisation voraus. Die Artistentruppe ist international besetzt: Kanadier, eine Finnin, ein Deutscher, eine Amerikanerin, Franzosen, ein Italiener und natürlich die Muntwylers aus der Schweiz. Die gemeinsame Sprache ist die Artistik. Die Eigenschaft, mit hohem Körpereinsatz und besonderem Geschick die Zuschauer zu faszinieren. Die Gabe, mit subtiler Mimik und kontrollierter Bewegung Poesie und einen Hauch von Mystik in die Manege zu zaubern. Im Verlaufe dieser Woche setzen wir uns irgendwann in jede Vorstellung – sei es vor oder nach der Pause – und entdecken dabei immer wieder neue Elemente in den einzelnen Nummernsequenzen. Spannend ist es auch, in Kenntnis der Abläufe die Zuschauerreaktionen zu beobachten. Denn nicht immer reagiert das Publikum gleich. Lachen und Stille wechseln sich ab. Ich staune ob der Vielfalt der Eindrücke und spüre echte Bewunderung für diese Menschen. Ihr Leben im und mit dem Circus zieht mich in seinen Bann. Und zwischendurch drückt der Wunsch, irgendwann, später einmal, ebenfalls für eine Saison mitzuziehen. Wohl kaum als Seiltänzer – bestenfalls als Traumtänzer! Vom „Circus im Sand“ zum „Circus auf dem Land“.

















Stillleben mit Artisten

1 comment:

christoph said...

Nun "Die Angst des Artisten vor dem Trapez" hätte ich zweifellos auch gut gefunden, aber die Tochter soll das natürlich entscheiden dürfen.

Grüsse Christoph, der jetzt bei der Schwester "Die Leiden des jungen Werther" organisiert hat und findet das Buch lese sich wie eines von Hermann Hesse.