Saturday, October 23, 2010

Der fast perfekte Arbeitsplatz

Die Rede ist nicht vom Airbus-Cockpit. Auch nicht von unserer Küche an der Delma Street. Nein – ich habe die heimlich erträumte und oft gewünschte, kreativ inspirierende Schreib-Ecke gefunden. Den fast perfekten Arbeitsplatz.

Dazu musste ich mich heute früh – zur Erinnerung, Freitag ist in Abu Dhabi Sonntag – um sieben Uhr aus dem frisch bezogenen Bett quälen. Nach lediglich viereinhalb Stunden Schlaf, mit einigen Einheiten Sekt, Bier und Ramazotti in den Adern. Eine kleine germanische Splittergruppe hatte am Vorabend die vorübergehende, vorwiegend ferienbedingte, Wüsten-Rückkehr (Achtung: nicht "wüste Rückkehr"...) der in die Heimat abgewanderten Lembachs gefeiert. Einmal mehr eine Ansammlung von Ärzten und Krankenschwestern mit zugewandten Orten. Dazwischen die medizinisch unbedarfte Schweizer Delegation, bestehend aus Franziska und mir. Nach Peter von Matts anregenden Äusserungen zum Dialektwahn und zur gefährlichen Abwertung des Hochdeutschen haben wir sämtliche Hemmungen abgelegt, plappern ungeniert drauflos, und lassen uns auch von vereinzelten Lachern, ausgelöst etwa durch Bemerkungen wie „...beim Cabriofahren windet es...“ nicht mehr erschüttern.
Seit wir wissen, dass uns die selbe Muttersprache vereint, und solange sich die Deutschen nicht einig sind, ob es im offenen Auto zieht oder bläst, lassen sich solche Ausrutscher wesentlich besser parieren.

Dann fahre ich heute Morgen also nach Dubai. Linda nimmt mit dem Varsity-Team an einem Volleyballturnier teil. Die Schulanlage der Universal American School wirkt grosszügig und fortschrittlich. Modern, mit einer tollen Sporthalle, deren Akkustik die Anfeuerungsrufe der mitgereisten Freunde und Eltern um ein Vielfaches verstärkt. Nach dem ersten Spiel der Mädchen will ich meinem malträtierten Gehör eine wohlverdiente Pause verschaffen. Auf der Suche nach einer stillen Schreibecke stosse ich auf eine neu erstellte Wohnsiedlung. Versteckt hinter einer der Strasse zugewandten Häuserzeile taucht eine malerische Poolanlage auf, an deren Rande ich einen Coffeeshop entdecke, der mich sogleich in seinen Bann zieht. Der Aussenbereich erinnert an ein im Kolonialstil erbautes Hotel. Weite runde Eingangsbogen, der massive Sockel cachiert hinter malerisch postierten Grünpflanzen. An der hochliegenden Decke rauschen leise flatternde Propeller und fächeln den Gästen lauwarme Luft um die Ohren.
Ich setze mich an einen der braunen Holztische und platziere mich so, dass der Blick über den Rand meines Laptops die Sicht auf den üppigen Palmengarten ermöglicht. Im danebenliegenden Pool planschen Kinder, auf den Liegen brutzeln Erwachsene unter der Sonne. Das weisse Baumwollhemd umtänzelt verspielt meinen Oberkörper, um die nackten Beine streicht ein laues Bodenlüftchen. Das Haupt ist unbedeckt, einen Strohhut habe ich noch immer nicht gekauft. Befürchtungen, er lasse mich älter erscheinen, ringen erbittert mit dem Wunsch nach anhaltender Jugendlichkeit.

Allein, dieser Platz ist traumhaft. Beinahe perfekt. Lediglich wenig Steigerungspotenzial scheint vorhanden: Der lauschige Garten in Collina d’Oro vielleicht, wo Hermann Hesses Geist inspiriert, oder die Wohnung mit Terrasse am Monte Bré, wo der Blick auf den Lago di Lugano des Schreiberlings Seele beflügelt.
Während ich auf die Tastatur meines Laptops hämmere und Kaffee trinke, rinnen mir erste Schweisstropfen den Rücken hinunter. Deckenventilatoren sind eben keine Klimaanlage. Seufzend gebe ich meinen Tisch frei und verziehe mich ins gekühlte Innere. Wenig später verlasse ich die Quelle meiner freitäglichen Inspiration. Das nächste Spiel der Mädchen wartet.

Daumendrücken, sich die Kehle wundschreien. Mit der Idylle ist es vorbei.


2 comments:

Crowi said...

Ein wirklich lauschiges Plätzchen!

Was mich noch wunder nähme: Gibt es, unter all den Sportarten dort in den Emiraten, auch Segelfliegen?

Bin da meteorologisch nicht so beschlagen - es ist zwar heiss dort unten; aber entsteht dabei auch sowas wie Thermik?

Eppler Family said...

@Crowi: Allgemein gilt: hohe Sonneneinstrahlung = hohe Temperatur = bessere Thermik.
Aber eine hohe Temperaturdifferenz Tag/Nacht ist noch wichtiger, z.B. führt ein stabiles Hoch mit konstanter Temperatur nachts wie tagsüber zu wenig Thermik. Entscheidend ist die Temperaturdifferenz. Ausser in den Wintermonaten liegen die Temperaturen hier auch Nachts in der Gegend von 30 Grad.

Nachweisen kann ich es nicht, aber ich denke, dass die Thermikbildung eher moderat ist. Mir perönlich sind auch keine Segelfugaktivitäten in den Emiraten bekannt.

Vielleicht hilft Onkel Google weiter...

Gruss