Wednesday, April 23, 2008

Darmspiegelung und Indisches Buffet

Zugegeben – der Titel mag auf den ersten Blick nicht sonderlich appetitlich klingen, mag etwas verwirren. Aber er macht neugierig! Will heissen, der Blick des Leser oder der Leserin wird angezogen, bleibt haften. Es gibt Blogger, die sich anderer Mittel bedienen, um die Anzahl der Zugriffe in schwindelerregende Höhen zu treiben. Sie flechten auf gekonnte Weise zweideutig schlüpfrige Vokabeln in ihre Texte. Auf diese Weise landen immer wieder verlorene Google-Seelen auf ihren Sites. Das ist zwar äusserst raffiniert, doch nötig hätte es der gute Kerl, an den ich hier im Besonderen denke, mitnichten.
Wie auch immer; ich erwähne die "Gedanken eines Fliegenden" augenzwinkernd und nicht zufällig. Der werte Kollege und Freund NFF berichtet in einem seiner jüngsten Beiträge von einem „Damenslip im Schlafsack“. Hinter diesem verwirrlichen - einmal mehr zweideutig angehauchten - Titel verbirgt sich nichts anderes als ein Pilotentreffen mit ehemaligen Klassenkollegen, an dem unter anderem auch über medizinische Eingriffe und deren Konsequenzen diskutiert wurde. Altersgerecht natürlich. Und weil sie den Mediziner gleich mit in der Gruppe hatten, fanden die Gespräche auf entsprechend hohem Niveau statt.
Ähnliches ist uns hier in Abu Dhabi wiederfahren: Ein Treffen mit Pilotenfreunden und ihren Partnerinnen auf Einladung von Toni, Andrea, Franziska und mir. Und irgendwann verloren sich auch unsere Plaudereien in medizinischen Sackgassen. Allerdings standen bei unseren Diskussionen nicht exakt die selben Eingriffe im Fokus. Aber wir haben schliesslich auch einige Jährchen mehr auf dem vom „Zahn der Zeit“ zernagten Buckel.




















Befestigung der verwitterten Klassenfahne

Zeitenwandel
Bevor ich jedoch auf die Details zu schreiben komme, will ich etwas weiter ausholen. Seit dem Abschluss der SLS (Schweizerische Luftverkehrsschule) im Dezember 1980 trifft sich unsere Klasse jedes Jahr zwei Mal. Zum einen im Januar im Bündnerischen Bivio, wo Aschi in grosszügiger Manier den perfekt ausgebauten Drei Sterne „Stall“ zur Verfügung stellt. Diese Zusammenkunft findet in der Regel – abgesehen von ein bis zwei Ausnahmen – ohne weibliche Präsenz statt und dient in erster Linie der Befriedigung niedriger männlicher Bedürfnisse; Alkohol, Nikotin und Völlerei. Dann war da noch etwas, an das ich mich im Moment nicht mehr erinnern kann... Eine Aufzählung, wie sie in dieser Zusammensetzung und Prioritätenfolge exakt unserem Reifegrad entspricht.
Das zweite Treffen findet jeweils zur wärmeren Jahrezeit statt und wird jedes Jahr von einem anderen Paar organisiert. Waren es vor wenigen Jahren noch ganze Familien mit kleinen Kindern, die bei diesem Sommerfest zusammströmten, so sind es heute lediglich gestandene Paare, die sich ein vergnügtes Stelldichein geben. Die Kinder (Zweitehen und Seitensprünge eingeschlossen) sind älter geworden und ziehen ein Game am Laptop oder chillen mit den eigenen Freunden einer von den Eltern dominierten Plauderrunde vor. Der Geräuschpegel an unseren Treffen hat deswegen im Laufe der Jahre kontinuierlich abgenommen, was der verminderten Hörfähigkeit gewisser Kollegen entgegenkommt.



































Auch die Gesprächsschwerpunkte haben sich verlagert. Womit wir erneut beim Blog des werten NFF wären. „Es geht selten lange, bis die ersten Geschichten über böse Checkpiloten, unmögliche Flight Attendants, harte Landungen von Kapitänen und sonstige Anektoten aus dem Leben eines Copiloten die Runde machen.“
Dergestalt beschreibt er die Diskussionen an seinem Pilotentreffen. Unsere Klasse hat sich im Verlauf der Jahre regelrecht aufgesplittet, so dass sich die Gemeinsamkeiten in vielen Bereichen auf ein Minimum reduzieren: einer fliegt bei Emirates, zwei rackern für Etihad, ein anderer musste seine Lizenz aus medizinischen Gründen frühzeitig abgeben und ein selbstloser Kollege engagiert sich in vorbildlicher Weise für den Berufsverband und entsendet „lediglich“ seine Frau in den Golf. Wieder andere bleiben dem Treffen aus organisatorischen Gründen fern. Verständlich. Womit letztlich nur ein aktiver Pilot in Diensten der SWISS in Abu Dhabi anwesend ist, was eine Diskussion über böse Checkpiloten – von denen er übrigens, nicht böse zwar, selber einer ist – bereits im Keime erstickt. Und da uns die Erfahrung gelehrt hat, dass es in erster Linie dann zu harten Landungen kommt, wenn Copiloten das Fluggerät steuern, offerieren sich lediglich noch die „Flight Attendants“ als Gesprächspunkt. Dieses Thema ist jedoch aufgrund der oben angefügten Prioritätenliste rasch abgehakt, dafür nehmen Fragen rund um die anstehende Pensionierung deutlich mehr Zeit in Anspruch als noch vor wenigen Jahren. Es gilt, verschiedene Strategien gegeneinander abzuwägen, Indizes zu vergleichen und Trendanalysen zu erstellen. Der Verkauf des Einfamilienhauses (siehe Blog NFF) will frühzeitig geregelt, der Bezug der Pensionskassengelder optimal eingefädelt sein. Und mit jedem geleerten Glas wird es schwieriger, die angepriesenen Varianten und Modelle, die sich in ihrer Raffiniertheit immer neu übertrumpfen, vollumfänglich zu verstehen. Es mag vielleicht auch an der schweren Zunge einzelner Ausführender liegen, dass gewisse ZuhörerInnen mit zunehmender Stunde Mühe bekunden, den komplizierten Schilderungen akkurat zu folgen.































































Geteilte Begeisterung
Nicht viel einfacher liegen die Dinge beim Thema Medizin. Im Gegensatz zum Kollegen NFF widmet sich unsere Gruppe unterschiedlichen Ansätzen. Während er mit seinen Klassenkollegen über mögliche Folgen einer missglückten Vasektomie palavert, drehen sich die Gespräche an unserem Fest, speziell in diesem Jahr, mehrheitlich um die Prävention in den Bereichen Prostata und Colon. Aufgrund einiger physischer Ungereimtheiten habe ich am Vortag unseres Treffens nämlich das zweifelhafte Vergnügen, eine Darmspiegelung über mich ergehen zu lassen. Die Tatsache, dass der irakische Gastroenterologe dereinst zu Saddams privatem Ärzteteam gehörte, macht die Angelegenheit nicht wesentlich angenehmer. Schon eher hilfreich ist die Präsenz meiner lieben Gattin, die während des gesamten Eingriffs an meiner Seite wacht und bereits bei den ersten Bildern auf dem Monitor ihr ausgiebiges Frühstück verflucht. Ich meinerseits verschlafe sämtliche Windungen meines Darms und kann mich lediglich an die Vorbereitungen erinnern. Mit umso grösserem Interesse vertiefe ich mich im Nachhinein in das vom Arzt mitgelieferte Video (leider ohne Ton), dank dessen ich die faszinierende Reise ins Innere meines Verdauungstraktes detailliert und in vollem geistigem Bewusstsein nachvollziehen kann. Eine Faszination allerdings, die nicht die gesamte Familie teilt, was mich jedoch in Anbetracht des erfreulichen ärztlichen Abschlussbulletins nicht weiter stört. Später, am ersten Abend unseres SLS-Treffens, nutze ich die günstige Gelegenheit des im Ackermann’schen Wohnzimmer aufgebauten Indischen Buffets und verhelfe meinem Darm dank üppiger und unerschrockener Nahrungsaufnahme zu erneuter Verdauungsarbeit. Dabei stellt ihn die Schärfe des Currys zweifellos auf eine harte Probe.
Vor diesem Hintergrund ist mindestens ein Diskussionsthema gegeben. Ein Wort gibt das andere und die Kollegen erinnern sich alsbald – trotz vorgerückter Stunde – an Mahnungen und Empfehlungen ihres Fliegerarztes, gewisse Untersuchungen zumindest im Rahmen der Prävention in Erwägung zu ziehen. Im Wechselspiel mit den gynäkologischen Erlebnissen unserer Gattinnen kommt es zu einer nicht weniger lebhaften "Medizinalrunde" im lauschigen Garten des Hauses Ackermann. Ab 50 beginnt die Zeit der grossen Inspektionen, da gibt es nichts zu rütteln. Über die kleinen Wehwehchen wollen wir hier nicht jammern; ein Knirschen im Gelenk, ein Pfeifen im Ohr oder ein Ziehen in der Lende, um nur einige an dieser Stelle zu nennen...

Kultur
Neben anders gelagerten Diskussionsthemen gibt es übrigens noch einen weiteren Unterschied zum Treffen der jüngeren Berufskollegen: Wir räumen auch kulturellen Aspekten genügend Platz ein. Am Morgen des zweiten Tages besuchen wir die vor kurzem fertig gestellte „Sheikh Zayed Grand Mosque“, die in unmittelbarer Nähe unseres Compounds liegt.
Doch ich gebe zu, und ich tue dies nicht nur, um den jüngeren Kollegen gerecht zu werden; das war nicht immer so. Über viele Jahre wurde die Kultur förmlich vom Alkohol weggespült, das Gehirn vom Feuerwasser durchgeflutet. Auch fehlten damals passende Gelegenheiten zur Erweiterung des kulturellen Horizonts.
Nun ist der Anfang gemacht, und es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis unser Klassentreffen dereinst im Louvre oder Guggenheim-Museum stattfindet!
















Schweizerinnen in der Grand Mosque

4 comments:

nff said...

Ganze acht Mal wird mein Name in diesem köstlichen Beitrag erwähnt und dabei merke selbst ich als Fussballlaie, dass es sich hier um einen Steilpass handelt. Aus den Zeiten, als ich noch mit dem FCZ Leibchen mit der Aufschrift „Botteron“ durch die Gegend rannte weiss ich, dass bei einer solch traumhaften Vorgabe die Abseitsfalle lauert.
Schon die grosse Anzahl Schiedsrichter auf dem Foto am Ende des Berichtes, lässt mich vorsichtig in die Tasten hauen.

Klassentreffen
Zuerst muss einmal löblich erwähnt werden, dass sich Klassen mit aktiven Bloggern in ihren Reihen offensichtlich öfters treffen als andere ehemalige Pilotenschülergrüppchen. Es wird gelacht, gemeckert, angegeben, harte Landungen den anderen in die Schuhe geschoben und Firmen im Handumdrehen reorganisiert. Dass sich Kapitänsklassen nach einem geruhsamen Businessclassflug in der muslimischen Wüste treffen, während Copilotenklassen in Fahrgemeinschaften ins katholische Alpnach gondeln, sei hier nur am Rande erwähnt. Nicht dass wir neidisch wären - nein, schliesslich zeigen uns die Kapitäne Ideen auf, was die Alternative zum alljährlichen Älplermacaronenessen sein könnten.

Damenslips im Schlafsack
Ich stelle mir vor wie delikat das gewesen wäre, wenn ich nach einem zweitägigen Klassentreffen in einem muslimischen Land, - wo zu allem Übel auch noch die eigenen Frauen anwesend waren -, in meinem Schlafsack einen fremden Frauenslip gefunden hätte. Was schon im erzkatholischen Alpnach nahe an der Katastrophe war, hätte in den Emiraten die Welt aus den Fugen geworfen. Zum Glück halten wir dem Standort Alpnach die Treue!

Harte Landungen von Kopiloten:
Da will und kann ich mich dazu nicht äusssern. Nicht dass ich zu meinen positiven Aufsetzern nicht stehen könnte, aber wie Dide schon geschrieben hat, liest ein aktiver Checkpilot mit und der grinst in adrette Shorts gekleidet genau in meine Richtung ……

Vasektomie vs. Darmspieglung
Themen gibt es! Offenbar wird tatsächlich altersgerecht über die männlichen Altersleiden gesprochen. Wie Du im Beitrag richtig erwähnt hast, haben wir einen richtigen Fachmann unter uns. Betrachte ich das Fehlen eines Arztes in euren Reihen, drängt sich ein gemeinsames, generationenverbindendes und interluftverkehrsschulisches Klassentreffen förmlich auf. Drei Bedingungen stelle ich allerdings:
Erstens: das Treffen findet in Alpnach statt, mehr können wir Copis uns nicht leisten.
Zweitens: die Checkpiloten befreien den Vorplatz vom Schnee.
Drittens: unsere Klassenfahne hängt über eurer, obwohl die Eurige etwas Bergluft vertragen könnte!

Fliegerischer Gruss auch an die Schiedsrichterinnen!

Eppler Family said...

Lieber NFF,

auch wenn du eher Tourenläufer als Fussballer bist; diesen Steilpass hast du hervorragend angenommen! Kompliment!
Doch was folgt auf den Steilpass? Ein Torschuss? Ein Lattenknaller?
Wir wissen es nicht, können nur werweisen. Eines aber ist klar: Wir Kapitäne müssen uns ein gemeinsames Treffen mit eurer dynamischen Gilde gut überlegen. Denn es lauern Tücken. Vergleichbar mit der von dir richtig erkannten Abseitsfalle im Fussball laufen wir in Gefahr, von euch – nicht nur des Medicus wegen – intellektuell ausgetrickst zu werden. Nicht nur das; ein Treffen in der katholischen Hochburg Alpnach bringt uns liberal denkende Freitheologen (mit islamischem Hintergrund) in eine gewisse Bedrängnis. Wenn schon schwebte (man beachte die eloquente Anwendung des Konjunktivs) uns eher ein geselliges Trink- und Essgelage vor als ein von euch organisierter Besuch des Abendmahls. Bei entsprechendem Programm wären wir aber sogar bereit, uns einer simplen Fahrgemeinschaft anzuschliessen.

Auf die leidige Sache mit dem Damenslip will ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Auch zu den Checkpiloten mag ich mich nicht äussern. Nur soviel: Das schelmische Grinsen von Martin darfst du keineswegs persönlich nehmen. Er kann gar nicht mehr anders. Die „Maske“ hat sich über die Jahre eingefräst und ist stummer Beweis eines andauernden inneren Konfliktes, zweifelhafte Leistungen qualifikatorisch möglichst anständig zu verpacken. Und vielleicht noch dies: Martin gibt per Ende Monat seine Funktion als Checkpilot ab. Damit verbleibt kein aktiver Instruktor in unseren Reihen. Was wiederum heisst, dass der Vorplatz nicht vom Schnee befreit wird und wir allenfalls in Gefahr laufen, in der Innerschweiz über längere Zeit eingeschlossen zu bleiben. Kapitäne und Copis bunt gemischt. Nichts gegen euch liebe Kollegen aber in diesem Fall wäre mir ein gemeinsames Treffen mit einer F/A-Jungklasse doch etwas lieber...

Dein Angebot ist verlockend und wir werden das auf jeden Fall einmal diskutieren. Die Klassenfahne ist uns allerdings heilig. An ihr führt kein Weg vorbei – schliesslich wurde sie dereinst ausgezeichnet! Und da können wir verständlicherweise nicht zulassen, dass sie den Mast mit einem anderen, wildfremden Emblem teilt – Bergluft hin oder her!

Die Schiedsrichterinnen danken für den netten Gruss, den sie gerne zurückgeben...

crowi said...

Ich habe mir angewöhnt, Ihre Beiträge möglichst nicht mit leerem Magen zu lesen. Nicht wegen der gespiegelten Thematik hier, die sich so subtlil mit der "NFF-Quote" auseinandersetzt. Aber mmer wieder diese orientalisch opulent ausgebreiteten Festmahle auf Ihren Bildern. Dä läuft das Wasser im Munde zusammen.

Ich möchte die Eppler'sche Ironie als geradezu "leisetreterisch" umschreiben. Das hat den paradoxen Effekt, dass bei mir das Lachen um so lauter und herzhafter ausfällt.

Den Begriff der "verlorenen Google-Seelen" fand ich wieder mal eine besonders gelungene Wortschöpfung. Er gibt etwas von der Geisterhaftigkeit dieses Mediums und der virtuellen Welten wieder.

Eine vergnügte Runde: Die Photos und der Text sprechen eine deutliche Sprache.

Was ist eigentlich ein Expat?
Ein Patriot im Exil? Ein Ex Patriarch? Oder ein ehemaliger Pro Patria Briefmarkensammler?
Angesichts der kommenden EM würde ich auf Ersteres tippen.
Herzliche Grüsse

Eppler Family said...

"An expatriate (in abbreviated form, expat) is a person temporarily or permanently residing in a country and culture other than that of the person's upbringing or legal residence. The word comes from the Latin ex (out of) and patria (country, fatherland), and is sometimes misspelled (either unintentionally or intentionally) as ex-patriot or short ex-pat (because of its pronunciation)."

So definiert Wikipedia den Begriff "Expat". Crowi liegt mit seiner Vermutung also gar nicht schlecht. Wobei letztlich nicht auszuschliessen ist, dass "Expats" gleichzeitig auch Patriarchen (ohne Ex-) und/oder Pro Patria Briefmarkensammler sind. In unserem Fall trifft weder das eine noch das andere zu!
Gruss